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Anathema (live in Frankfurt, 2017) © Peter H. Bauer

Mit einer atmosphärisch dichten Show liefern Anathema und ihre französischen Special Guests Alcest in der Frankfurter Batschkapp die passende musikalische Untermalung für den langsam, aber sicher aufbrausenden Herbst.

Die Liverpooler Band Anathema ist in vielerlei Hinsicht ein Phänomen. Inzwischen seit fast drei Jahrzehnten im Geschäft, hat die Formation rund um die drei Cavanagh-Brüder Daniel, Vincent und Jamie von zahlreichen Besetzungs- bis zu einem tiefergehenden Stilwechsel im Laufe ihrer Karriere bereits so einiges erlebt.

Verbiegen lassen haben sie sich dabei allerdings nie. Vielleicht liegt auch gerade darin ihr Geheimrezept. Im Rahmen ihrer Tour zur aktuellen Platte “The Optimist“ haben sich jedenfalls nicht wenige Fans in der Frankfurter Batschkapp versammelt, um ihre Helden zu feiern.

Südfranzösische Schwarzmaler

Bevor Anathema sich jedoch blicken lassen, sorgen zunächst Alcest für Stimmung unter den anwesenden Zuschauern. Beginnt das Quartett um Bandchef "Neige" zunächst mit sphärischen Klängen, die sich gut und gerne als wirklich gelungene Soundkulisse für den Herbst eignen, so nimmt die Intensität bald zu. Die Gruppe besinnt sich auf ihren Black Metal-Background: Blastbeat-Einlagen, schnell angeschlagene Gitarren und schrille Screams sorgen für einen starken Kontrast zu den anfänglich getragenen Klängen.

Bald kehren Alcest nach diesem krachenden Zwischenspiel aber wieder zu Sanfterem zurück und werden dafür vom Publikum in der Batschkapp bejubelt. Mehrfach bedankt sich "Neige" für die Unterstützung der deutschen Fans, die den teils doch recht lang geratenen Stücken aufmerksam beiwohnen, während sich die Band auf der düster gehaltenen Bühne musikalisch austobt. Als sich der Frontmann der Südfranzosen mit ausgedehnten Gitarrenfeedback nach einer knappen Stunde Spielzeit als letzter verabschiedet, donnert ihm lauter Applaus entgegen.

Strandabstecher

Ebenso atmosphärisch dicht, wie Alcest aufgehört haben, beginnen nach der Umbauphase dann auch die Headliner des Abends. Anathema fahren mit "San Francisco" von ihrem neuen Album zunächst instrumentale Klänge auf, bei denen der optische Schwerpunkt ganz eindeutig auf den stimmungsvollen Animationen der Videoleinwand liegt. Der Zuschauer blickt durch eine Windschutzscheibe auf einen Strand und das rhythmische Plätschern der Wellen, während sich die Cavanagh-Brüder und ihre Mitstreiter in Richtung des Publikums in der Batschkapp vorarbeiten.

Kaum ist der instrumentale Anfang vorüber, so macht sich sogleich Jubel unter den Zuschauern breit. Anathema haben zahlreiche treue Anhänger. Das ist auch bei ihrem Konzert in der Mainmetropole deutlich zu spüren. Als Sänger und Rhythmusgitarrist Vincent Cavanagh zum ersten Mal ans Mikrofon tritt, erhält er ebenso lautstarken Applaus wie sein Bruder Daniel, der Hauptsongwriter der Liverpooler. Beide bekunden ihren Dank an ihre deutschen Fans für die jahrelange Rückendeckung und entschuldigen sich stellvertretend für das britische Brexit-Voting.

Optimistisch geprägter Karriereüberblick

Überhaupt präsentieren sich Anathema an diesem Abend in flexibler Geberlaune. Vincent greift zu akustischen wie elektrischen Gitarren und lässt sich auch an Keyboards und Percussion blicken. Der mit Kopfhörern bewaffnete Daniel hingegen legt immer wieder sein sechssaitiges Lieblingsinstrument beiseite, um sich den schwarzen und weißen Tasten zu widmen. Untermalt wird diese Vielseitigkeit durch ebenso atmosphärische bewegte Bilder von der Leinwand, die ein Spektrum von nächtlichen Autofahrten über den Himmel und den Kosmos bis hin zu Lava und brennenden Planeten abdecken.

Passend dazu hat sich die Band für diese Tour ein ähnlich bunt durchgemischtes Programm aus ihrer langen musikalischen Laufbahn zurechtgelegt. Selbstverständlich stehen die Nummern ihres neuesten Streiches "The Optimist" wie etwa das von Sängerin Lee Douglas markant wiedergegebene "Endless Ways", "Springfield" oder der Titelsong an diesem Abend im Vordergrund. Beim Rest ihres Sets greifen Anathema jedoch tief in die Kiste ihres bisherigen Schaffens. So gehören die Singles "Dreaming Light" und "Deep" genauso zum Repertoire wie das elektronische "Firelight".

Musikalische Erntezeit

Nicht einmal Covers lassen sich die Briten entgehen und bauen gekonnt ihre eigene Interpretation von Fleedwood Macs "Albatross" in den Zugabenteil ein. Daraufhin lässt sich Vincent Cavanagh zur Ansage inspirieren, wie viel größer, reicher und berühmter Anathema wohl hätten werden können, wenn sie ihren anfänglichen Kurs als Death, Doom und Gothic Metal-Band beibehalten hätten. Die anwesenden Fans sind allem Anschein nach jedoch heilfroh, dass sich die Liverpooler einst für diesen, etwas steinigeren Weg entschieden haben.

Immer wieder bejubeln die Fans die Musiker. Selbst Daniel Cavanaghs leicht ironisch gemeinten, mehrfachen Ansagen auf Zurufe aus dem Publikum, dass dieses Konzert keine Jukebox sei und die Zuschauer sich wohl etwas anderes suchen müssten, wenn ihnen gewisse Stücke zu hart seien, sorgen eher für Belustigung in der Halle. Anathema präsentieren sich gut gelaunt und sorgen für einen mehr als passenden Soundtrack zu dem gerade über Deutschland hereinbrechenden Herbst.

Stimmungsgeladene Show

Als sich die Briten nach etwa zwei Stunden Spielzeit von ihren Fans verabschieden, hat das Publikum eine in sämtlichen Belangen stimmungsvolle Show von den progressiven Rockveteranen erhalten und zollt seinen Helden Tribut.

Die Briten sind ihren Ruf als hervorragende Liveband in der Batschkapp sowohl in musikalischer als auch in optischer Hinsicht einmal mehr gerecht geworden. Solange Anathema für derart atmosphärisch dichte Melancholie sorgen, dürfen die Cavanagh-Brüder mit den Douglas-Geschwistern und Daniel Cardoso den eingeschlagenen Kurs gerne noch lange beibehalten.

Setlist

San Francisco / Untouchable, Part 1 / Untouchable, Part 2 / Can’t Let Go / Endless Ways / The Optimist / The Lost Song, Part 3 / Barriers / Pressure / Dreaming Light / A Simple Mistake / Closer // Firelight / Distant Satellites / Albatross / Deep / Springfield / Back To The Start / Fragile Dreams (mit Shine On You Crazy Diamond und See Emily Play als Intro)

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