Claus Boesse-Ferrari (2017)

Claus Boesse-Ferrari (2017) © Wolfgang Roloff

In der Alten Feuerwache Mannheim lassen Claus Boesser-Ferrari und Rolf Lislevand das Publikum in die unerforschten Breiten der Saiteninstrumente eintauchen und geben ein gelungenes Konzert zwischen experimentellen Tönen und altertümlicher Instrumentalisierung.

Im Rahmen des Enjoy Jazz 2017 geben sich am Donnerstagabend zwei Altmeister der Gitarrenkunst die Klinke in die Hand. Dabei gerät die klassische Zupftechnik jäh in den Hintergrund.

Vollinstrument

Nach einer kurzen Begrüßung eröffnet Boesser-Ferrari den Abend mit einem dreiviertelstündigen Auftritt, der den Begriff des Klangkörpers neu definiert. Nach anfänglichen Zupfeinlagen beginnt Boesser-Ferrari mit diversen Methoden seiner Akustikgitarre ungewöhnliche Klänge zu entlocken.

Neben Fingerperkussionen um das Schallloch experimentiert er dabei unter anderem Pinch-Harmonics oder mit dem Einfädeln seiner an der Mechanik überstehenden E-Saite in das Griffbrett, um sein melodisches Fingerspiel durch kratzende Geräusche zu kontrastieren.

Klangvielfalt

Das Schauspiel am Sechssaiter wird dabei durch abwechselnde Delay- und seichte Distortioneffekte  bereichert, um je nach angewandter Technik die erzeugten Klänge in den Raum zu tragen.

Neben der weiteren Zuhilfenahme eines metallischen Bottlenecks ist vor allem der Einsatz eines Trommelschlägels auch optisch aufregend, der die Rückseite der Gitarre kurzzeitig zur Schwingungsmembran umfunktioniert.

Während des gesamten Auftritts wird eines deutlich: Boesser-Ferrari mangelt es nicht an Kreativität. Die Vielseitigkeit der gezeigten Spieltechniken als auch die Variation im Klang verzückt das Publikum, das begeistert in eine kurze Pause entlassen wird.

Anachronismus

Nachdem sich die Zuhörerschaft erneut auf den Plätzen eingefunden hat, gebührt dem norwegischen Saitenexperten Lislevand die Ehre, die Konzertbesucher auf eine instrumentale Zeitreise in die Vergangenheit mitzunehmen.

Mit Laute, Erzlaute als auch einer Theorbe bestückt führt Lislevand auf der Bühne mehrere Stücke auf, die auf der Grundlage spanischer und italienischer Kompositionen des Spätmittelalters und der Renaissance beruhen.

Der historische Ausflug stellt einen bewussten Kontrast zum Improvisationswerk von Boesser-Ferrari dar, dem das Publikum jedoch nicht weniger Aufmerksamkeit zuteilkommen lässt.

Saitenymbiose

Der Konzertabend findet seinen Abschluss in der wechselseitigen Begleitung von Boesser-Ferrari und Lislevand, die ihre Instrumente auf der Bühne trotz der Unterschiedlichkeit in der Bauart voller Genuss harmonieren lassen.

Als sich der gemeinsame Auftritt dem Ende neigt, legt Boesser-Ferrari seine Akustikgitarre bei Seite und lässt sie durch eine E-Gitarre ersetzen. Das obskur anmutende Bühnenbild äußert sich in einem optischen Antagonismus, der sich jedoch durch das Ineinandergreifen der Musik in einer akustischen Symbiose auflöst.

These, Antithese, Synthese

Eben aufgrund dieser Bühnendialektik stellt das Aufgebot von Boesser-Ferrari und Lislevand einen mehr als bloß zufriedenstellenden Alternativpunkt im Programmheft des 19. Enjoy Jazz dar. Dem Motto als "Festival für Jazz und Anderes" wird das Konzert jedenfalls mit einer deutlichen Betonung auf letzteres gerecht.

Nach über zweieinhalb Stunden verlassen beide Künstler sichtlich erfreut die Bühne und verabschieden das Publikum verzaubert in den Abend.

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