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Weezer (live in Köln, 2017) © Stefan Wiede

12 Jahre glänzten Weezer mit Abwesenheit auf europäischen Bühnen. Jetzt feierte die schwer durchschaubare Band im Kölner E-Werk ihr Live-Comeback mit einer souveränen Rock-Show, die gar nicht viel mehr sein will.

Plötzlich wirft sich Cuomo auf seinen Bauch. Der Frontmann streckt seine Beine in die Höhe, blickt lasziv in das Publikum, als würde er gerade für den Playboy posieren. Währenddessen spielt seine Band unentwegt weiter. Cuomo steht wieder auf, wirft sich das Mikrokabel um den Hals wie einen Schal, stolziert von einem Ende der Bühne zum anderen.

Stop! Ist das gerade wirklich der Weezer-Konzertbericht? Hat Rivers Cuomo etwa plötzlich die New York Dolls für sich entdeckt? War der Autor beim falschen Konzert oder hat das falsche Zeug geraucht? Nein und nein. Aber er fand es einfach zu amüsant, dass sich der Weezer-Sänger und der Frontmann der Orwells, die an diesem Abend im Kölner E-Werk die Show eröffnen, den gleichen Nachnamen teilen. Und in ihrer Art kaum unterschiedlicher sein könnten.

Mario & Rivers

Als Mario Cuomo die Bühne betritt, sehe ich seine blonden, zurückgegelten Haare, dazu trägt er ein Unterhemd. Dann fangen die Orwells an zu spielen und ich bemerke seine knallroten Stiefel mit Absätzen, seine überaffektierten Gesten und alle Befürchtungen einer Klischee-Rockband mit Testosteronüberschuss sind sofort verflogen. Musikalisch haben die Orwells (Gründungsjahr 2009) das Garage-Rock-Revival der Nullerjahre knapp verpasst, was schade ist, denn sie hätten darin eine gute Figur gemacht.

Als Rivers Cuomo die Bühne betritt, könnte der erste Eindruck kaum unterschiedlicher sein. Langsam und schüchtern schreitet er nach vorne, die Augen hinter seiner zum Markenzeichen gewordenen dicken Brille nach unten gerichtet. Er trägt ein schwarz-braunes Hemd und darüber eine gelbe Strickjacke, die deiner Oma wahrscheinlich auch ganz gut stehen würde.

12 Jahre Abwesenheit

Weezer sind zum ersten Mal seit zwölf (!) Jahren wieder auf Europtour, obwohl sie von 2005 bis heute eigentlich ohne größere Unterbrechungen aktiv waren. Fünf Alben haben sie seitdem veröffentlicht und keines davon wurde hierzulande live vorgestellt. Stattdessen konzentrierte sich die Band auf Amerika und Japan.

Ende des Monats erscheint "Pacific Daydream", das siebte Weezer-Album seit ihrem letzten Besuch und ihr elftes überhaupt. Von einer "Vorstellung" kann hier allerdings auch nicht die Rede sein. Stattdessen spielen Weezer neben den drei bereits bekannten Songs der neuen Platte ein Best-of-Set von blau (1994) bis weiß (2016).

Von der Garage in die Charts

Wer die Band trotz ihrer langen Abwesenheit weiterhin aufmerksam verfolgt hat, weiß, wie kontrovers einige ihrer letztenn Alben aufgenommen wurden. Mehr als einmal stießen Cuomo, Patrick Wilson, Brian Bell und Scott Shriner viele Fans vor den Kopf, durch Kollaborationen mit dem Chart-Produzenten Dr. Luke etwa. Es folgten ein paar "back to the roots"-Nummern, deren "rocking like it’s 1994"-Nostalgie ich abschreckender fand als die Chart-Pop-Gehversuche, nach denen die neue Single "Feels Like Summer" dann doch wieder klingt.

Dabei dachte man anfangs, die Band sei leicht zu durchschauen. Auf ihrem Debütalbum kreuzten sie Grunge-Dynamik und Punk-Minimalismus mit Surf-Pop-Harmonien, bedienten dazu das Bild der Nerds, die in ihrer mit Kiss-Postern verzierten Garage sitzen und darüber singen, keine Mädchen abzukriegen.

Eine Band im Zickzack-Kurs

Und tatsächlich bedient besonders Rivers Cuomo dieses Bild 23 Jahre später immer noch, aller künstlerischer Verrenkungen zum Trotz. Der Mann scheint auch seit dem Jahrtausendwechsel nicht gealtert zu sein.

Es gibt also eine gewisse Konsistenz im Gesamtwerk dieser Band, die künstlerisch einen schwindelerregenden Zickzack-Kurs fährt, der sie schwer zu durchschauen macht und dem Bandlogo ähnelt, das hinter ihnen immer wieder protzig aufleuchtet. Weezer scheuen auch nicht vor diversen Rock-Klischees zurück: Sie stellen sich auf ihre Amps, spielen ihre Gitarren synchron in einer Reihe, Cuomo spielt das eine oder andere Hard-Rock-Solo (er ist tatsächlich ein sehr unterschätzter Gitarrist).

Die Klippen zielsicher umschifft

Gefeiert werden die Songs aus allen Phasen des Bandschaffens, die von den frühen Alben natürlich etwas mehr, aber das ist ja nun keine Besonderheit. Von den kontroversen Diskussionen um ihre Diskographie spürt man im E-Werk rein gar nichts.

Das Set ist aber auch zielsicher zusammengestellt. Ein paar Highlights hat selbst die zweitschlechteste Weezer-Platte – und genau diese Highlights spielen sie von ihren späteren Alben: "Pork and Beans", "(If You’re Wondering If I Want You to) I Want You to". Ihr schlechtestes ("Hurley") übergehen sie ganz, aber leider auch die sehr unterschätzte vierte LP "Maladroit".

Zusammenfassend lässt sich über die Live-Band Weezer sagen, dass sie eine gute Rock-Show spielen, die anderen Rock-Shows zwei entscheidende Dinge voraus hat: ihr lockeres Händchen für große Pop-Melodien und das Auftreten der Band, die selbst bei Gitarrenposen und Publikumsanimationen so unbeholfen wirkt wie der Mathematik-Club beim Abschlussball. Gäbe es eine Auszeichnung für "America’s most unlikely rock star", Rivers Cuomo müsste mindestens eine Nominierung erhalten.

Kein Frage der Ironie

Faszinierend ist vor allem die unauflösbare Frage, die sich durch jede Schaffensphase Weezers zieht, ob sie eine Platte mit einer dreiteiligen Rock-Oper abschließen oder mit Lil Wayne darüber singen, dass sie nicht aufhören können, Party zu machen: Ist das (Selbst-)Ironie? Bei dem Konzert habe ich jedenfalls eine unironische Leidenschaft für alle Seiten der Weezer-Medaille entdeckt.

Obwohl es verlockend ist, den einen oder anderen Fehltritt dieser Band, der ihre Fehltritte ungerechterweise übler genommen werden als anderen Gruppen, weil sie ihre Karriere mit zwei der besten Alben der 1990er begonnen haben, mit einer ironischen Interpretation zu verklären, ist es mir so eigentlich lieber, obwohl ich ein großer Freund des ironischen Pop-Songs bin.

Rivers, der Rockstar

Doch ironischen Pop gibt es vielen und, wenn man Weezer ironisch interpretiert, auch besseren. Und wieviel schöner ist denn bitte die Vorstellung des schüchternen Außenseiters, der als Teenager vom Rockstar-Dasein träumte, dann tatsächlich Rockstar wird und statt einer aschenputtelmäßigen Verwandlung vom Mobbingopfer zum Sexsymbol einfach der gleiche schüchterne Außenseiter bleibt, mit dicker Brille und Strickjacke?

Und genau darin lag der Reiz von Weezer eigentlich schon immer, von der ersten Single an. Bis zum Anschlag verzerrte Gitarren, Popharmonien und dann Cuomo: "Oo-ee-oo I look just like Buddy Holly..."

Setlist

Mexican Fender / Surf Wax America / The Good Life / California Kids / Perfect Situation / (If You’re Wondering If I Want You to) I Want You to / Pork and Beans / Thank God for Girls / Weekend Woman / My Name Is Jonas / Hey Ya! / Undone (The Sweater Song) / Hash Pipe / Beverly Hills / Buddy Holly / Feels Like Summer / Island in the Sun // Say It Ain’t So

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