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Lorde (live beim Southside, 2017) © Achim Casper

Vier Jahre nach „Pure Heroine“ zementiert Lorde mit dem Nachfolger „Melodrama“ ihren Status als junge Ausnahmekünstlerin. Auf der dazugehörigen Welttournee zelebriert die 20-Jährige die Freuden und Schmerzen der Adoleszenz.

„Did someone just ask about my finger?“, fragt Lorde und zeigt ihren verbundenen Finger in die Höhe. Beim Proben für die Tour habe sie ihn eingeklemmt, „it hurts like hell“. Den Verband hat sie daraufhin mit Glitzer aufgepeppt, „because I wanted to keep things all sparkly and glamorous for you guys“. Wo der Schmerz wütete, ist jetzt Glitzer zu sehen, ein Symbol eleganter Schönheit, seit 100 Jahren schon. Und ein passendes Sinnbild für ein Lorde-Konzert.

Wenig Platz

Wenn das Palladium ausverkauft ist, wird es eng, vor allem um die Säulen herum, die die oberen Ränge stützen, auf die vermutlich gar nicht mal so viel mehr Menschen passen, als von ihren Stützen die Sicht versperrt wird.

Doch als ich den Saal betrete, ist es bereits unmöglich, einen guten Platz zu ergattern und das obwohl die Schlange vor der Halle zu diesem Zeitpunkt immer noch zwei Straßen weiter reicht. Vom Neo-R&B des Support-Acts Khalid sehe ich deshalb wenig. Als seine Show losgeht, ist das Geschrei aber so groß, dass ich einen Moment lang überlege, ob ich den Support wohl verpasst hätte und Lorde schon auf der Bühne steht.

Blowing shit up

Khalid ist der neue Stern an einem Himmel, dessen Supernova The Weeknd hieß. Der hat aber auch ein besseres Gespür für die Grooves und Hooks, die das Genre interessant machen. Von der Abschlussnummer „Young, Dumb and Broke“ abgesehen, gibt mir Khalid wenig. Die Publikumsreaktionen zeugen aber davon, dass ich mit dieser Meinung in der deutlichen Minderheit sein dürfte.

Bevor Lorde auf die Bühne tritt, kann ich einen zumindest etwas besseren Platz ergattern. Zum Glück, denn sie legt gleich mit „Homemade Dynamite“ los, einem Highlight des neuen Albums „Melodrama“, einem Glanzstück der jüngsten Pop-Geschichte. „Blowing shit up with homemade d-d-d-dynamite“ – da will man natürlich sehen, was auf der Bühne passiert.

Eine Königin ohne Klunker

Auf dieser schreitet und hüpft Lorde im schwarzen Kleid mit weißen Ärmeln umher, einen großen schwarzen Hut auf dem Kopf. Gerade mal einen Kostümwechsel gibt es, von schwarz zu weiß. Denn für großen Prunk und Glamour steht sie ja eigentlich gar nicht, dem glitzernden Finger zum Trotz. In einem amerikanischen Highschool-Film wäre die Neuseeländerin viel eher die als Goth verschrieene introvertierte Künstlerin als die Prom-Queen. Was sie nicht davon abhält, sich selbst zur Königin auszurufen.

Denn wie erfrischend war es 2013, als der Motivations-Pop bereits so allgegenwärtig war, dass einem jeder zweite Werbespot weismachen wollte, jeder habe das Zeug, zur (kulturellen) Oberschicht zu gehören, und dann Lorde mit einem Überraschungshit debütierte, der den Pop-Teenager wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte: „‘cause we’ll never be royals“ – das können sie uns so oft erzählen, wie sie wollen. Doch die Fantasie – und eben nur die Fantasie – bleibt: „You can call me queen bee / And baby I’ll rule / Let me live that fantasy“

Schimmerndes Neonlicht

„Royals“ ist auch neben „Green Light“, der Lead-Single von „Melodrama“, das am lautesten bejubelte Stück des Abends. David Bowie wird eine gewisse Geistesverwandschaft gespürt haben, in diesem Freak-Pop-Gestus (der sich 1972 natürlich ganz anders äußern musste als 2013), als er Lorde damals zur „future of music“ ausrief. Eine von Lordes Sängerinnen trägt sogar eine blonde Ziggy-Stardust-Vokuhila.

Außer den (ebenfalls in schwarz gehaltenen) zwei Tänzerinnen und drei Musikern gibt es nur Bühnendekoration im Neonlicht auf der Bühne. Das erinnert an zwielichtige Kneipen zu später Stunde, aber die Symbole stehen für Außergewöhnliches und Erhabenes: ein Astronaut, Rosen, eine Sternschnuppe. Das grelle Neonlicht fungiert bei Teilen der Show sogar als alleinige Bühnenbeleuchtung, als wolle es sagen: Wir brauchen die Beachtung, das Licht, von außen gar nicht.

Teen Angst

Das besondere an „Melodrama“ ist, dass es einer Sache Ausdruck gibt, die irgendwo zwischen neuem Pop-Aktivismus (Beyoncé, Kendrick Lamar) und Eitelkeitsschlachten (Taylor vs Kanye) auf die Hinterbank geraten zu sein scheint, obwohl es einmal der Antrieb war, der Pop überhaupt erst auf die Bildfläche gebracht hat: die Adoleszenz.

Und die lebt sie offen aus auf der Bühne, ohne Rücksicht auf Verluste. Ihre ungelenken Tanzbewegungen sind spätestens seit ihrer Performance bei den MTV Video Music Awards 2014 zu einem Markenzeichen geworden, sie wird dafür gefeiert wie verspottet; der letzte, der so eine Reaktion auf sein Bühnenauftreten bekommen hat, war Morrissey in den 1980ern.

Teen Dance

Unentwegt wirft sie die Hände in die Höhe, wirkt in ihren Bewegungen unbeholfen, aber selbstbewusst. Wie ein Teenager in der Disco macht sie Pausen, wo keine Pausen sind, weil sie zwischendrin Luft holen muss. Sie zelebriert die Adoleszenz mit all ihrer Awkwardness und wird dafür vor allem von denen zelebriert, die gerade selbst in dieser Zeit stecken.

Mit „Melodrama“ habe sie dieser Lebensphase ein Denkmal setzen wollen, sagt sie vor der Ballade „Liability“, die für sich das Recht, anderen einfach mal mit der eigenen Überemotionalität auf die Nerven zu gehen, einfordert. „Fuck them“, kommentiert sie diese Reaktionen mit nervösem Lachen. Zuvor hat sie das Gefühl, das sie meint, als jenes beschrieben, das so oft in der Übergangsphase vom Jugendlichen zum Erwachsenen auftritt: „When you feel like something is the end of the world and then in the next morning it’s okay“

Also quasi wie der Finger, den man sich einklemmt und der dann anfängt zu glitzern, wenn der Schmerz verflogen ist.

Setlist

Homemade Dynamite / Magnets / Hard Feelings / Tennis Court / Buzzcut Season / Sober / The Louvre / Ribs / Liability / A World Alone / Somebody Else / Supercut / Royals / Perfect Places / Team / Green Light // Loveless

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