Oren Ambarchi

Oren Ambarchi © Enjoy Jazz Festival

Beim australische Experimental-Gitarristen Oren Ambarchi steht die Sound-Manipulation ebenso im Vordergrund wie deren Erzeugung. Mit zahllosen Effektpedalen ausgerüstet, treibt er bei Enjoy Jazz 2017 in der Klosterkirche Lobenfeld sein Equipment zu infernalischen Lautstärken.

Natürlich ist es gemein, Künstler auf ihre Kollaborationen festzunageln. Doch bei dem im Rahmen von Enjoy Jazz stattfindenden Auftritt Oren Ambarchis drängt sich schon durch das außergewöhnliche Setting der Klosterkirche Lobenfeld und die zwar dezenter eingesetzten, aber doch konstant arbeitenden Nebelmaschinen ein Bezug zu den Drone-Heroen Sunn O))) auf. Diese unterstützte Ambarchi z.B. auf ihrem Hit-Album "Black One".

Humble Beginnings

Auch Festivalleiter Rainer Kern stellt in seiner kurzen Ansprache die vielfältigen Zusammenarbeiten des experimentellen Gitarristen heraus. Besonders erwähenswert: Im bunt gemischten Publikum befindet sich Manni Neumeier, Drummer der Kraut-Legende Guru Guru und ebenfalls ein Kollaborator Ambarchis.

Pünktlich startet Ambarchi mit seiner Performance: ein dünner Mann mit Gitarre hinter einem Tisch voller Kabel, Pedale und einem Mischpult. Wabernde, einzelne Töne flirren durch die vernebelte Luft in der Kirche und zumindest zu diesem Zeitpunkt fällt im Kontrast zu Sunn O))) die (noch) erstaunlich erträgliche Lautstärke auf. 

Langsam entwickelt Ambarchi die melancholisch-harmonischen Gitarrenpartikel zu in Reverb getränkten Clustern, moduliert sie mit häufigen Pitch-Shifts und multipliziert sie mit Looper und Delays. Ambarchis unverkennbarer, glitchy-synthetischer Gitarrensound steht im Mittelpunkt des Geschehens, umgeben von immer lauter werdenden Drones (man denke an "Grapes from the Estate"). 

Network

Je dichter und lauter Ambarchis Set wird, desto mehr tritt die Klosterkirche als eigenes "Instrument" in den Vordergrund. Gerade mit geschlossenen Augen verliert der Sound zunehmend seinen Mittelpunkt, die flirrenden Töne scheinen von überall gleichzeitig zu kommen und bilden ein dichtes Klang-Netz, das sich über der Decke der Kirche zu spannen scheint. 

Spätestens ab der Hälfte des Sets, als Ambarchi unter Mithilfe eines Distortionpedals seiner Musik noch eine neue Textur, eine weitere Dimension hinzufügt, schließt sich dann auch der Kreis zu Sunn O))), zu Keiji Haino, Merzbow und z'ev: Es wird richtig, richtig laut. 

Fight-or-Flight

Leider scheinen viele Gäste des Konzerts nicht mit solch einer auditiven Belastung gerechnet zu haben (oder sie fürchten, dass die Kirche einstürzt). So ergibt es sich, dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Sets ein fast konstanter Strom Gäste die Kirche verlässt – eine unangenehmer, unruhiger Gegenpol zu dem davon unberührten Ambarchi, dessen Musik gerade im absoluten Crescendo ungemein meditativ ist.

Mit dem sich langsam nähernden Ende des Sets versiegt denn auch der Strom derer, die dem Lärm entfliehen wollen. Die allgemeine Stimmung beruhigt sich und Ambarchi lässt die aufgebaute Spannung langsam ausklingen. Mit einigen wenigen schüchternen Bewegungen verabschiedet sich der Gitarrist und beginnt, das Equipment einzuräumen.

Schade – diese Meditation hätte ruhig noch länger dauern können.

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