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The Sisters of Mercy (live in Wiesbaden, 2017) © Johannes Rehorst

Bei kaum einer Band erhält man im Vorfeld eines Konzerts so viele Warnungen bezüglich des Sounds wie bei The Sisters of Mercy. Dennoch bleibt ein Fünkchen Hoffnung, es könnte auch ganz anders kommen. Die Realität liegt wie so oft dazwischen.

The Sisters of Mercy, deren einziges konstantes Mitglied neben Frontmann Andrew Eldritch der Drumcomputer namens "Dr. Avalanche" ist, sind schon ein Phänomen: Seit fast einem Vierteljahrhundert haben die Düsterrocker keine einzige neue Studioaufnahme veröffentlicht, gehen aber dennoch in regelmäßigen Abständen auf Tour.

Noch verblüffender ist, dass es ihnen gelingt, trotz unablässiger negativer Konzertkritiken mühelos die gebuchten Hallen bis zum Anschlag zu füllen, wie im Falle des ausverkauften Schlachthofs in Wiesbaden. 

Mehr Liebe! Mehr Nebel!

Als die Band während dem Intro zu "More" – einer der damaligen Hitsingles, die von Musicalkomponist Jim Steinman, der auch verantwortlich für Meat Loafs "Bat Out Of Hell" und Bonnie Tylers "Total Eclipse of the Heart" ist, mitgeschrieben und co-produziert wurde – die Bühne betritt, wird sie von frenetischem Jubel empfangen.

Die Nebelmaschine hat wie gewohnt – und häufig kritisiert – bereits ihren Dauerbetrieb aufgenommen, während Andrew Eldritch in den ersten gehauchten Zeilen des Songs verkündet, dass für ihn ein wenig Verständnis bei weitem nicht ausreichend ist.

Der Nebel hält sich jedoch durchaus im erträglichen Rahmen und trägt effektiv zum mysteriös-düsteren Gesamtkonzept der Band bei. Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass die Band lediglich von unten mit einfarbigem Licht angestrahlt wird, das wiederum von großen Metalplatten reflektiert wird, die über der Bühne aufgehängt wurden.

Visionärer Beginn

In etwas weniger als 90 Minuten präsentiert die Band vor allem Songs ihrer drei Studioalben, mischt jedoch auch bisher unveröffentlichte Songs darunter, während die frühe Schaffensphase der Band zu Beginn der 80er Jahre bis auf "Alice" und natürlich dem obligatorischen Überhit "Temple of Love" beinahe vollständig ausgeklammert wird.

Nach "More" folgen mit "Ribbons" sowie "Dr. Jeep" und "Detonation Boulevard", die stimmig zu einem Song zusammengeschlossen werden, direkt drei weitere Songs des letzten offiziellen Studioalbums "Vision Thing" aus dem Jahre 1990. Dabei wirkt Eldritch, der nach eigenen Angaben öffentlichkeitsscheu ist, ziemlich agil und vollzieht mit Sonnenbrille seine lässigen minimalistischen Posen, bei denen er mit kalter Miene plötzlich in einer Bewegung verharrt, häufig leicht nach Vorne übergebeugt, den Kopf zur Seite geneigt oder die Hände hinter dem Rücken verschlossen.

Hits und solche, die es mal werden wollten

Von Eldritch, der Deutsch studierte und auch in Deutschland lebte, trocken mit einem akzentfreiem "n'Abend" eingeleitet, folgt der erste unveröffentlichte Song "Crash and Burn", der mit seinem bedrohlich-treibendem Riff beinahe nahtlos da anknüpft, wo damals Vision Thing aufhörte.

Leider tritt in der zweiten Hälfte des Songs zum ersten Mal ein nur zu bekanntes Phänomen auf: Während Eldritch zu Beginn durchgehend relativ gut zu hören ist, verschwindet sein Gesang nun stellenweise so sehr im Mix, dass er fast nur zu erahnen ist.

Könnten Sie das bitte wiederholen?

Das macht es schwierig zu entscheiden, ob es sich bei "Arms" und "Summer", die man nicht durch Studioaufnahmen im Kopf hat, um wirklich überzeugende Songs handelt. Aber auch bei den Klassikern ertappt man sich gelegentlich dabei, wie man in den Strophen die zuweilen kaum wahrnehmbaren tiefen Töne selbst gedanklich durch den eigentlichen Text ergänzt.

Ob der Tontechniker mit dem undankbaren Job, Eldritchs tiefen und eher leisen Gesang über die wummernde Bassdrum und zwei verzerrte Gitarren anzuheben, überfordert ist, oder ob Eldritch nicht mehr kraftvoll singen kann, ist nicht klar, fest steht jedoch, dass dieser Umstand den Spaß verdirbt, insbesondere bei einer Band, die so sehr von einer prägnanten Baritonstimme lebt.

Die Lawine rollt nicht rund...

Aber auch ansonsten kann die Band nicht gerade mit ihrem Sound Eindruck schinden. Insbesondere Dr. Avalanche, der auf den Platten wunderbar funktioniert und dort einen nicht unbeträchtlichen Teil des Sounds der Band ausmacht, will sich live offenbar nicht so recht in den Mix einfügen; die künstlichen Klänge wirken wie ein Fremdkörper und lassen das Klangbild undifferenziert wirken.

Die ewig exakt gleichlaut erklingenden Bass- und Snare-Drum-Schläge wirken über 90 Minuten hinweg dank mangelnder Dynamik zudem etwas ermüdend. Sicherlich wären die Sisters auch nicht schlecht damit beraten gewesen, einen echten Bassisten mit an Bord zu nehmen, um dem Sound mehr Tiefe und Druck zu verleihen.

... schlägt aber trotzdem ein

Das Publikum, das die meisten Songs in- und auswendig kennt, scheint sich jedoch kaum daran zu stören. Das von Eldritch auf Deutsch mit den Worten "Das war jetzt aber nicht sehr konsequent, wenn ich das mal so sagen darf!" kommentierte "Walk Away" sowie "Dominion/Mother Russia", bei dem Eldritchs Gesang, wie auch an anderen Stellen, durchaus Gänsehautstimmung hervorruft, werden gebührend abgefeiert. Gleiches gilt auch für Songs wie "No Time to Cry", "First and Last and Always", "Alice" und "Flood II", das den Abschluss des nur ungefähr 60minütigen regulären Sets bildet.

Alterssexualität bei Heiligen

Dafür kommen The Sisters Of Mercy allerdings für gleich fünf Songs noch einmal zurück, unter denen natürlich auch "Lucretia my Reflection" nicht fehlen darf, bei dem sich der fehlende Bass allerdings besonders bemerkbar macht. Die groovende, rollende Basslinie der Originalaufnahme, die den Song maßgeblich prägt, wird dabei nicht ganz überzeugend von den Gitarristen Ben Christo und Chris Catalyst übernommen, die jedoch insgesamt eine solide Leistung abliefern.

Den Abschluss bildet nach "Temple of Love" (Eldritch: "We get old, but it's fun!") wenig überraschend "This Corrosion", das wie alle ausufernden Steinman-Singles in gekürzter Form präsentiert wird und bei dem Eldritch am Ende wie ein gekreuzigter Heiliger mit ausgestreckten Armen von hinten von gleißend weißem Licht angestrahlt wird. Das offenbar zufriedene Publikum zieht weiter zur 80er-Aftershowparty. Doch obwohl der Auftritt nicht wirklich schlecht war – überzeugt hat er leider auch nicht.

Setlist

More / Ribbons / Dr. Jeep / Detonation Boulevard / Crash and Burn / No Time to Cry / Walk Away / Body and Soul / Marian / Alice / Arms / Dominion/Mother Russia / Summer / First and Last and Always / Flood II / Something Fast / That's When I Reach for My Revolver / Lucretia My Reflection / Temple of Love / This Corrosion

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