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Sparks (live in Berlin, 2017) © Manuel Berger

Gäbe es ein Lexikon über die außergewöhnlichsten Bands aller Zeiten, bräuchten sie einen mehrseitigen Eintrag: Vor begeistertem Publikum im Columbia Theater in Berlin stellen Sparks ihr neues Album "Hippopotamus" vor und blicken auf fünf Jahrzehnte extravaganter Pop-Ironie zurück.

Gut 45 Jahre dauert die Karriere der Sparks inzwischen. In dieser Zeit war die Band aus Los Angeles in den verschiedensten Richtungen unterwegs: 1973 ziehen sie nach London, wo sie erfolgreich auf der Glam-Welle reiten. Ihre Alben "Kimono My House" und "Propaganda" werden zu Genre-Klassikern.

Ende der 1970er – wieder in LA – wenden sie sich Disco zu, nehmen mit Giorgio Moroder "No. 1 in Heaven" auf, das der Band einen zweiten kommerziellen Frühling beschert und sich vor allem auf den Plattenspielern der Synth-Pop-Generation dreht, die in der kommenden Dekade den Ton angeben wird. Nach dem Jahrtausendwechsel veröffentlichen sie das orchestrale "Lil' Beethoven", zuletzt kollaborierten sie mit Franz Ferdinand.

Ein Hang zum Außergewöhnlichen

Ihr neues Album "Hippopotamus" führt die Mael-Brüder wieder zurück zur klassischen Band-Besetzung, aber mit dem Begriff der Rockband wird man ihnen heute genauso wenig gerecht wie in den 1970ern, als sie Songs schrieben, die viel eher den Regeln des Kabaretts folgten, als sich um die Blues-Wurzeln des Rock zu scheren.

Ihr schräger Sinn für Humor und ihr Hang zur Theatralik hebt sie von anderen Gruppen ab. Der zappelnde Sänger Russell und sein stoischer Keyboarder-Bruder Ron sind gewiss eine der außergewöhnlichsten Kombinationen der Pop-Geschichte, ob sie nun Gitarren um sich scharen oder Synthesizer.

Pop for goths

So viel zur Geschichte. Vier Tage nach dem Release von "Hippopotamus" spielte die Band nun ein exklusives Deutschland-Konzert im Berliner Columbia Theater, es ist ihr erster Auftritt hier seit fünf Jahren.

Schon am Einlass wird spürbar, wie schwer Sparks zu greifen sind: Wenige Meter weiter spielen The Sisters of Mercy und als ein Pärchen in Goth-Outfit an den Ticketschalter tritt, macht sie ein Mitarbeiter sofort darauf aufmerksam, dass hier aber Sparks auftreten. Das wissen die beiden, denn darum sind sie hergekommen.

Außergewöhnlicher Support

Es geht ungewöhnlich weiter. Als Support-Act spielt keine Band, sondern ein Alleinunterhalter. In biederem Anzug steht Mister Goodnite neben einem Plattenspieler, auf dem er die Musik abspielt, zu der er Songs singt, die in jede Hotel-Lobby passen würden, wenn da nicht die versauten Stellen in seinen Texten wären.

Nicht nur optisch erinnert das an den legendären Anarcho-Entertainer Andy Kaufman: An einer Stelle lässt Goodnite seinen Plattenspieler etwa 30 Sekunden lang einen Rhythmus in Schleife spielen, ehe er die Nadel vom Teller nimmt und verkündet, das sei ein ganzer Song gewesen. Das Original hätte das freilich 30 Minuten durchgezogen, aber so lange steht Mister Goodnite an diesem Abend nicht einmal auf der Bühne.

Zurück zum Glam

Die Sparks haben im Verlauf ihrer Karriere sicherlich schon in deutlich größeren Clubs gespielt, aber als sie die Bühne betreten, könnte man der Lautstärke des Publikums nach zu urteilen auch glauben, Sparks wären gerade auf dem Zenit ihres Erfolgs.

Sie eröffnen die Show mit "What the Hell Is It This Time?", eine der Singles des neuen Albums und gehen dann über in den Doppel-Opener der "Propaganda"-LP von 1974: dem 20 Sekunden langen Acapella-Titelstück und "At Home, At Work, At Play". Das ist als Einstieg gut gewählt, schließlich schielt das neue Album auch wieder verstärkt auf diese Phase ihrer Diskographie.

Außergewöhnliche Hits

Natürlich geschieht diese Rückbesinnung mit Einschränkungen. Zum einen ist "Hippopotamus" kein plumper Versuch, einfach nochmal zu klingen wie "damals". Auch die "anderen" Sparks schimmern darauf durch, nur eben subtiler. Sparks waren aber immer auch eine Band der Gegensätzlichkeiten, nicht nur in ihrem Werk, sondern auch in den Persönlichkeiten der Mael-Brüder.

Dass Russell mit 68 nicht mehr so viel herumspringt und gestikuliert wie mit 28 ist klar, doch agil ist er immer noch. In kurzen Hosen steht er neben dem regungslos hinter seinem Keyboard sitzenden Ron, der mehr als je zuvor aussieht wie der Schlagstock schwingende Leiter eines strengen Jungeninternats.

Außergewöhnliche Arrangements

Der Großteil des Sets konzentriert sich auf die neue Platte. Besonders gut kommt "Missionary Position", in dem Russell mit einer Dramatik über die Vorzüge der Simplizität der titelgebenden Sexualstellung singt ("You might pride yourself, you're so avantgarde / But we're neoclassicists, I guess, at heart"), die sonst eher herzzerreißenden Balladen vorbehalten ist. Highlights aus anderen Karrierephasen werden dazwischen gestreut.

Einen Kompromiss zwischen ihrer Gegensätzlichkeit muss die Band bei den elektronischen Stücken eingehen. Begleitet werden Sparks von zwei Gitarristen, einem Bassisten, einem Drummer und einem zusätzlichen Keyboarder, die alle Dekaden jünger sind als die Mael-Brüder. Bei "When Do I Get to Sing 'My Way'?" bleibt der Disco-Beat intakt, wird aber live vom Schlagzeug gespielt, während die Synthesizer beim Ausmalen der Konturen tatkräftige Unterstützung von den Gitarren erhalten.

Außergewöhnliche Showeinlagen

Von all ihren Hits schlägt "The No. 1 Song in Heaven" am stärksten ein, jener Song, den Joy Division einmal als Blaupause für "Love Will Tear Us Apart" genannt haben. Während eines Instrumental-Parts steht Ron Mael plötzlich doch auf, schreitet gemächlich an den vorderen Bühnenrand und entledigt sich seines schwarz-weiß gestreiften Sakkos.

Auf einmal fängt er an zu grinsen und zu tanzen, bis er genauso plötzlich wieder aufhört und seine Mine wieder versteinert. Er geht zurück zu seinem Keyboard und tut den Rest des Konzerts über so, als wäre nichts passiert. Der Enthusiasmus mit dem das Publikum diese kleine Showeinlage feiert, ist so spürbar, dass man kurz damit rechnet, dass dem 72-jährigen Anti-Popstar jeden Moment BHs entgegengeworfen werden könnten.

Außergewöhnlicher Humor

Das passiert natürlich nicht, der Großteil des Publikums befindet sich auch schon im mittleren Alter. Die Situation beweist aber, wie wichtig die Bühnen-Personae der Brüder Mael sind, und natürlich ihr Humor. Sparks nehmen sich selbst genauso wenig ernst wie die Gepflogenheiten des Popgeschäfts, die sie so gerne humorvoll auseinandernehmen.

So bietet die beste Szene des Abends – Rons Tanzeinlage zum Trotz – dann auch die Bridge der hervorragenden neuen Single "Edith Piaf (Said It Better Than Me)", als Russell anfängt zu skandieren: "Live fast and die young, live fast and die young / Too late for that, too late for that". Zum Glück, will man sagen. Andernfalls wäre uns ein faszinierendes Gesamtwerk verwehrt geblieben, das sich die Zelebration, die es an diesem Abend erfährt, mehr als verdient hat.

Setlist

What the Hell Is It This Time? / Propaganda / At Home, At Work, At Play / Good Morning / When Do I Get to Sing “My Way”? / Probably Nothing / Missionary Position / Hippopotamus / Sherlock Holmes / Dick Around / Scandinavian Design / Edith Piaf (Said It Better Than Me) / Never Turn Your Back on Mother Earth / I Wish You Were Fun / My Baby’s Taking Me Home / The No. 1 Song in Heaven / This Town Ain’t Big Enough for Both of Us / Hospitality on Parade / Johnny Delusional / Amateur Hour

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