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Status Quo (live in Schwetzingen 2017) © Rudi Brand

Die "Last Night of the Electrics" sollte es werden. Für die vermeintlich letzte elektrifizierte Tour holen Status Quo die Hard-Rock-Urgesteine Uriah Heep ins Boot, sodass der Abend in Schwetzingen zu einer Lehrstunde in Rockgeschichte avanciert.

Nach über 50 Jahren im Geschäft wollen Status Quo nach der laufenden Tour zumindest die elektrischen Gitarren an den Nagel hängen, da die Shows für Francis Rossi und Co nach eigenen Angaben langsam zu anstrengend werden – oder so war es zumindest ursprünglich vorgesehen.

Nun scheint die letzte Nacht wohl doch länger zu werden: Die Band ruderte noch einmal zurück und verkündete kürzlich, dass die Konzerttermine im Vereinigten Königreich im Winter – eigentlich als Teil der bevorstehenden "Aquostic"-Tour geplant – nun kurzerhand doch mit elektrischen Instrumenten stattfinden werden.

Traumhaftes Wetter

Die Kulisse für einen etwaigen Starkstrom-Abend der Band könnte jedoch traumhafter nicht sein: Im schönen Schwetzinger Schlossgarten herrscht strahlender Sonnenschein, und vor dem Konzert haben es sich viele Besucher auf dem Rasen vor der Bühne erst einmal auf Decken bequem gemacht. Fast fühlt man sich in die Zeit zurückversetzt, als die heutigen Bands ihre ersten großen Erfolge feierten.

Überschattet wird die gesamte Tour natürlich von dem Tod des Quo-Gitarristen Rick Parfitt am Heiligabend 2016, der bereits kurz zuvor nach einem Herzinfarkt den Ausstieg bekanntgegeben hatte. Das Zweigespann Rossi/Parfitt bildete den absoluten Kern der Gruppe.

Die Messe ist eröffnet

Als die Veteranen von Uriah Heep die Bühne betreten, wird schnell klar, dass die Messlatte für Status Quo an diesem Abend verdammt hoch liegt. Beim Intro aus Schlagzeug, Bass und der legendären Hammond-Orgel, die in der Mitte der Bühne steht, wirkt Keyboarder Phil Lanzon, dem die Sonne ins Gesicht scheint, wie ein fanatischer Prediger eines verrückten Sonnenkults.

In der folgenden Stunde servieren die Engländer ein äußerst schmackhaftes Menü aus absoluten Klassikern garniert mit dem neueren "One Minute" vom noch immer aktuellen 2014er Album "Outsider" sowie dem seltener gespielten "Between Two Worlds".

Locker aus der Hüfte neunmal ins Schwarze

Los geht's wenig überraschend mit dem Song "Gypsy" vom 1970er Debüt-Album "...Very 'Eavy ...Very 'Umble", bei dem Sänger Bernie Shaw sofort die Show an sich reißt. Wahnsinn, welche Bühnenpräsenz und welches Charisma dieser absolute Ausnahme-Frontmann besitzt.

Auch mit über 60 Jahren verfügt er über eine Stimmgewalt, bei der sogar fast jeder Sänger in seinen 20ern vor Neid erblassen dürfte, und singt zudem die neun dargebotenen Songs mit einer Intensität, die ihresgleichen sucht. Zur Coolness seines Auftretens trägt bei, dass er sein kabelloses Mikrofon gerne wie in einer Art Waffenholster an der Hüfte spazieren trägt.

Von der Operation, aufgrund derer sämtliche Termine der Band im Frühjahr abgesagt werden mussten, ist dem Sänger nichts anzumerken. Auch ein entspannt wirkender Mick Box, bereits seit 1980 einzig verbleibendes Gründungsmitglied der Band, ist mit mittlerweile 70 Jahren des Abrockens und Posens offensichtlich noch längst nicht müde.

Frischzellenkur

Nach "Look at Yourself" und "Sunrise" folgt "Stealin'", bei dem Shaws Begeisterung sichtbar auf die Anwesenden überspringt, als er sich wie ein kleines Kind über die von ihm angezettelten Publikumschöre freut. Beachtlich ist, wie es der Band gelingt, sämtliche Songs live erstaunlich frisch klingen zu lassen, wobei diesem Eindruck sicherlich auch ein klarer, druckvoller Sound an diesem Abend zuträglich ist.

Selbst der letzte Song des regulären Sets, der Evergreen "Lady in Black", an dem sich sowohl so mancher Zuhörer etwas sattgehört haben dürfte, wird in einem interessanten, modernisierten Arrangement dargeboten. Dabei lässt sich natürlich kaum ein Zuschauer ausmachen, der nicht aus vollem Halse mitsingt. Gleiches gilt jedoch auch für "Easy Livin'", das als Zugabe den krönenden Abschluss einer durchweg großartigen Show bildet. 

Boogie-Rock-Party

Während es langsam dunkel wird, betreten schließlich Status Quo die Bühne, die von begeistertem Jubel der knapp 3000 Besucher empfangen werden. Bereits mit dem Opener "Caroline" verwandeln sie den Abend in eine große Boogie-Rock-Party. Von Beginn an wird im Publikum im Takt geklatscht, gesungen, getanzt, gewippt, getwistet und gerockt. 

Bei Quo-typisch dezentem Bühnenbild, präsentiert die Band ein 90-minütiges Best-of-Programm bestehend aus den üblichen verdächtigen Hits wie etwa "Hold You Back", "Paper Plane", "In the Army Now" sowie natürlich "Rockin' All Over the World".

Der Fokus liegt erwartungsgemäß auf den Songs, die in den 70ern und frühen 80ern unter der sogenannten Frantic-Four-Besetzung entstanden sind, von der sich nach dem Tod von Rick Parfitt nun nur noch Francis Rossi in der Band befindet. Mit Nummern wie "Beginning of the End" und "The Oriental" hat die Band jedoch auch Ohrwürmer aus den 2000er Jahren im Gepäck.

Das kleine Einmaleins der Drogen 

Die Band scheint bestens aufgelegt; von der hohen Anstrengung der elektrischen Konzerte ist trotz des Auftritts beim Wacken Open Air am Vortag nichts zu spüren, und die breitbeinigen Posen sitzen noch immer bestens. Rossi, der gut bei Stimme ist, lässt seinen englischen Charme spielen und flirtet in gewohnter Manier während der Songs mit dem Publikum, schneidet Grimassen, verfolgt auf der Bühne gerne mal seine Bandkollegen oder bringt Bassist "Rhino" Edwards während dessen Gesangsparts durch Anstarren aus dem Konzept.

Zudem erhalten angehende Songwriter im Publikum wertvolle Tipps: So macht Rossi mit Hilfe eindeutiger Gesten humorvoll klar, dass etwa "Softer Ride" in den wilden 70ern nach Cannabiskonsum entstanden ist, obwohl er eher nach Kokain klingt. Dass das nicht viel Sinn macht, gesteht Rossi im Anschluss dabei gleich selbst ein.

Status Quo aufrechterhalten?

Im Netz wird derzeit noch hitzig unter Fans diskutiert, ob die Band nach dem Tod Rick Parfitts unter dem Namen "Status Quo" weitermachen sollte. Fakt ist: Wie sich auch heute wieder zeigt, hinterlässt Parfitts Tod eine spürbare Lücke, die die Band nicht ganz schließen kann.

Die aktuelle Band rockt tight, da gibt es absolut nichts zu meckern. Der neue Rhythmusgitarrist Richie Malone macht seine Sache gut und imitiert sogar Parfitts berühmten harten Anschlag, obwohl die Riffs heute gerne soundtechnisch etwas mehr braten könnten. Was ihm jedoch fehlt, ist die Ausstrahlung; auf der Bühne agiert er heute zwar mit den anderen, wirkt dabei aber ziemlich unauffällig.

Noch deutlicher wird das Fehlen Parfitts bei den Songs, bei denen er die Leadvocals gesungen hat, welche nun von Bassist Edwards übernommen werden - wie etwa im Falle der geshuffleten Songs "Rain" und "Creepin' Up on You". Edwards kommt stimmlich und hinsichtlich des Ausdrucks einfach nicht an Parfitt heran, wodurch viel Wirkung verloren geht.

Dennoch machen Status Quo auch anno 2017 jede Menge Spaß und ihre Fans in Schwetzingen mit einem insgesamt guten Auftritt glücklich – nicht mehr, aber auch nicht weniger. An die Klasse der energiegeladenen Show von Uriah Heep können sie damit jedoch nicht ganz heranreichen. Denn die war nicht nur tadellos, sondern umwerfend. 

Setlist Uriah Heep

Intro / Gypsy / Look at Yourself / Sunrise / Stealin' / One Minute / Between Two Worlds / July Morning / Lady in Black / Easy Livin'

Setlist Status Quo

Caroline / Something 'Bout You Baby I Like / Rain / Softer Ride / Beginning of the End / Hold You Back / Proposing Medley / Paper Plane / The Oriental / Creepin' Up on You / In the Army Now / Drumsolo / Roll Over Lay Down / Down Down / Whatever You Want / Rockin' All Over the World / Burning Bridges / Rock 'N' Roll Music / Bye Bye Johnny

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