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Impressionen (Burg Herzberg Festival 2017) © Alexander Wartenberg

Auf keinem anderen Festival herrscht so viel Zusammenhalt wie auf dem Burg Herzberg Festival. Die Besucher zelebrieren das einzigartige Hippie-Feeling sowohl im Schlamm als auch bei sengender Hitze.

Dienstag (Tag -1): Es regnet – und das auf ausgetrockneten Boden. Um den Hauptweg zu schonen, wird eine Behelfszufahrt durch Freak City angelegt. Doch schon abends bilden die Wegspuren eine 50cm tiefe Furche.

Mittwoch (Tag 0): Es regnet immer wieder, die ehemals grünen Weiden auf dem Burg Herzberg Festival beginnen, matschig braun zu werden. Die Zufahrt zum oberen Campingplatz "Neue Heimat" wird gesperrt. Tausende Anreisende stecken auf der Zufahrtsstrasse fest. Diese wird kurzerhand zum Campen freigegeben und mancher Festivalbesucher verbringt seine ersten 24 Stunden feiernd im oder am Auto.

Hippie-Gemeinschaft

Donnerstag (Tag 1): Nach weiteren Regenfällen hat sich die Fläche vor der Hauptbühne in eine Matschkuhle verwandelt. Die englische Psychedelic-Rockband Wolf People eröffnet das Festival. Die Zuschauer tanzen, auch als ein weiterer Starkregen niedergeht. Mittlerweile sind trotz Warnung der Veranstalter rund 10.000 Besucher am Herzberg angekommen und lassen sich das Feiern nicht vermiesen, so dass der Headliner des Abends Gong vor vollem Haus abrocken kann.

Die Stimmung ist trotz des Wetters gut. Die Besucher sind geduldig und die Veranstalter geben alles, um das Festival am Laufen zu halten. Manch kommerzieller Anbieter hätte sein Festival mittlerweile abgebrochen, nicht so die Ehrenamtlichen vom Herzberg Festival. Nachbarn, Bauern, Bürgermeister der umliegenden Gemeinden, alle helfen mit, um Schlaf- und Campingplätze anzubieten, Shuttleservices bereitszustellen. Sogar Klos und Duschen in öffentlichen Einrichtungen werden geöffnet. Das ist echter Hippiespirit in der nordhessischen Provinz.

Solides Kontrastprogramm

Freitag (Tag 2): Nach einer regnerischen Nacht beginnt der Tag mit Sonnenschein und Wärme. Jesper Munk, der Opener des Tages, nutzt die Gelegenheit und nimmt die zahlreichen Besucher auf eine Reise durch Blues, Jazz und Funk. Mittlerweile ist der gesamte Boden nur noch eine weiche Pampe, und Gummistiefel sind das bevorzugte Fusswerk des Tages.

Auf der Bühne brilliert das Zappa-Mitglied Mike Keneally mit einer abgefahrenen Musikfreakshow. Abends gibt es dann noch zünftigen Bluesrock von Joanne Shaw Taylor. Nichts außergewöhnliches, aber eine solide Show zum Mitgehen. Der Überraschungserfolg von Bukahara, die letztes Jahr mit Balkansound begeisterten, wiederholt sich leider nicht. Das neue Album ist viel songlastiger, mehr Rock, weniger Beat.

Die Sonne zündet die Musik

Samstag (Tag 3): Die Sonne zeigt sich den Festivalbesuchern. Es wird warm, und der Boden trocknet langsam ab. Wir schaffen es zum ersten Mal, das Gelände der Festivalwiese zu verlassen, und Freak City zu besuchen. Auf dem zähen Lehm geht es sich wie auf einem Wasserbett. So schwebt auch die Musik des Tages dahin, bis abends Ian Anderson ein Konzert mit den Best-of Hits von Jethro Tull gibt.

Von "Aqualung" über "Songs from the Wood" bis "Locomotive Breath" ist alles dabei. Großartig sind die trockenen Ansagen des Frontmannes, der besten englischen Humor bewies. Irie Révoltés bieten dann mit knalligem Hip-Hop/Ska ein Kontrastprogramm, das gut ankommt. Nur die Sprüche wirkten wie aus einem politischen Phrasenbuch. Was die Technoband Acid Arab auf dem Festival zu suchen hatte, erschloss sich leider keinem so wirklich.

Der Schlamm trocknet

Sonntag (Tag 4): Mittlerweile ist es heiß geworden, die Sonne knallt, und der Geruch auf dem Festival ähnelt dem eines Pferdestalles. In dieser Umgebung findet erst Morgen-Yoga statt und dann wird der Burg-Herzberg-Fussballcup ausgetragen. Die Laune ist bestens und wird noch weiter gehoben durch die Weltmusik vom Yvonne Mwale Quintett.

Schöne tanzende Menschen im Matschbad vor der Bühne rühren die Sängerin zu Tränen und andauernden Dankesbekundungen. Die Hamburger Marching Band Meute klingt aus der Ferne wie ein etwas monotones Drum&Bass-Monster im Dauerloop. Vor der Bühne selbst geht aber die Post ab. Der Sound wird von 12 Musikern komplett ohne Elektronik kreiert und von der Band in großartigen Fantasieuniformen und einer abgefahren minimalistischen Choreografie aufgeführt. Kein Wunder also, dass gut 1000 Sonnenanbeter vor der Bühne abgehen und mittanzen.

Ein würdiger Abschluss

Am Abend mischen sich dann schlammverschmierte Festivalgänger mit sauberen Tagesbesuchern, um Patti Smith zu huldigen. Sie betritt pünktlich die Bühne und verbreitet ein Strahlen, wie es nur wenigen Menschen gegeben ist. Neben allen Hits wie "Ghost Dance", "Because The Night", "Rock-n-Roll Nigger" oder "Gloria" präsentiert sie auch rare Perlen ihres Werkes, die sie ausgiebig zelebriert.

Zwischen den Songs hält Patti Smith immer wieder Ansprachen, appelliert an die Menschlichkeit und die Macht jedes Einzelnen, die Welt zum Besseren zu verändern. Dazu verausgabt sie sich sichtlich und geht bei jedem ihrer Lieder körperlich mit. Mit dieser Künstlerin findet das Herzberg Festival 2017 einen würdigen Abschluss.

Montag (Tag -359): Die Sonne brennt, als ob es auf dem Berg noch nie geregnet hätte. Matschkuhlen sind mittlerweile feste Lehmflächen, und die Wiese bereitet sich darauf vor, 50 Wochen lang Pferde statt Hippies zu beherbergen. Man sieht sich im nächsten Jahr!

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