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Gisbert zu Knyphausen (live beim Heimspiel Knyphausen in Eltville 2017) © Torsten Reitz

Das Heimspiel Knyphausen auf dem Draiser Hof in Eltville verband 2017 sommerliche Stimmung mit erstklassiger Musik - und das alles bei Traumwetter.

Björn Sonnenberg, Sänger von Locas In Love berichtet, ein Freund habe ihm gegenüber erklärt, das Heimspiel Knyphausen sei eigentlich gar kein Festival, sondern ein musikalischer Kurzurlaub. Tatsächlich gibt es wohl kein anderes Festival, das einen so enormen Wohlfühl-Charakter besitzt wie das Festival auf dem Draiser Hof.

Viele Zuschauer räkeln sich bei sommerlichem Wetter auf den mitgebrachten Decken, zahlreiche Kinder erkunden das weitläufige Gelände, das durch die Erweiterung um eine Catering-Area definitiv gewonnen hat. Entspannend ist das entscheidende Wort, um die Heimspiel-Erfahrung zu beschreiben. 

Ein Freitag der Gegensätze

Musikalisch haben die Veranstalter die Klangpalette in diesem Jahr deutlich erweitert. Hauschka setzt mit seinem wohlpräparierten Klavier am Freitag gleich ein Ausrufezeichen. Anstatt dem Klavier harmonische Klänge zu entlocken, rattert und klappert er sich durch sein Set, das gerade deswegen sich wohltuend vom Wohlfühl-Folk abhebt.

Die Zuschauer lassen sich auf sein sperriges, perkussives Spiel ein und applaudieren dem Komponisten lautstark. Wie anders ist da der nächste Act des Abends! Es handelt sich um Element of Crime, die mit einem Greatest-Hits-Set das Heimspiel-Publikum auf ihre Seite ziehen.

Die beste deutschsprachige Band

Abgesehen davon dass sie "An einem Sonntag im April" wie gewohnt ignorieren und wie immer in den letzten Jahren zu wenig von "Mittelpunkt der Welt" spielen, verteilen sich ihre Lieder ziemlich ausgewogen auf ihre deutschsprachigen Alben. Neben einem herausragenden "Vier Stunden vor Elbe 1" ist das neue Lied "Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin" ein echtes Highlight. Dazu führt Sven Regener gewohnt launig und selbstironisch durch den Abend.

Element of Crime haben eine ganze Generation von Fans deutschsprachiger Musik geprägt. Obwohl das vielleicht gar nicht ihre Absicht ist, vermittelt ihr Auftritt Verlässlichkeit und Trost. Wenn die Band auf der Bühne steht, ist die Welt für die Dauer ihres Auftritts ein wenig in Ordnung. Angesichts des nicht enden wollenden Applauses lassen sie sich vom Gastgeber sogar noch zu einer ungeplanten dritten Zugabe überreden.

Dreimal deutscher Pop

Der Samstag beginnt mit dem Auftritt der deutschen Sängerin Lúisa, die mit Loops und ihrer starken Stimme die Zuschauer aus ihrer nachmittäglichen Lethargie reißt. So viel Applaus hat ein Opener bei einem Festival selten erhalten. 

Danach folgen die großartigen Locas In Love. Auch sie bieten eine Auswahl eines Großteils ihrer Karriere mit drei Songs ihres fantastischen "Saurus"-Albums ("Zum Beispiel ein Unfall", "Saurus", "Sachen") und Liedern ihrer beiden letzten Alben. Besonders erfreulich ist die Performance von "Nein!" vom gleichnamigen Vinyl-only-Album. Wir freuen uns schon auf die "Saurus-"Tour im Herbst.

Gefeiert und umjubelt gerät anschließend der Auftritt von Gisbert zu Knyphausen. Als Gastgeber reißt er sein Publikum zu großer Begeisterung und gibt erste Kostproben seines vielversprechenden neuen Albums, das im Herbst erscheinen wird – natürlich mit anschließender Tour. 

Im Nerd-Himmel mit The Notwist

The Notwist können beides sein: unglaublich aufregend und entsetzlich langweilig. An diesem Abend sind sie glücklicherweise ersteres. Im Mittelpunkt ihres Auftritts stehen Lieder des herausragenden "Neon Golden", des sehr guten "The Devil, You + Me" und des mittelmäßigen "Close To The Glass".

Da die schwächeren Lieder zu Beginn abgehandelt werden, ist danach viel Zeit sich über herausragende Songs wie "Pilot" (in einer epischen Version), "Pick Up The Phone", "One With The Freaks", "Gloomy Planets" und "The Devil, You + Me" zu freuen. Ein weiterer Pluspunkt ist die wahnsinnige Energie, mit der die Band zu Werke geht. 

Natürlich ist bei The Notwist sehr viel Gefrickel, Geglucker und Gezirpe, aber auch erfreulich viele Gitarrenriffs und harte Beats, die die Zuschauer mitreißen. Die Wahl der Band als Headliner des Samstags erweist sich jedenfalls als Volltreffer, was vielleicht vorher nicht unbedingt zu erwarten war.

Wechsel am Sonntag

Der Sonntag ist von Überraschungen geprägt: Die frühere Wir sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes musste als Headliner für den erstmalig stattfindenden Heimspiel Frühschoppen absagen.

Den Veranstaltern gelang es aber in kurzer Zeit hochkarätigen Ersatz zu verpflichten und zwar AnnenMayKantereit, die vom Deichbrand Festival in Cuxhaven direkt nach Eltville reisen. Diese Nachricht sorgte bei Bekanntgabe für großen Jubel im Publikum und große Resonanz bei den Ticketkäufern. Binnen Stunden sind die übrigen Karten vergriffen – die anderen beiden Tage waren schon vorher ausverkauft.

Gute Stimmung zum Abschluss

Obwohl sich das Wetter am Sonntag nicht mehr ganz so sommerlich gibt wie zu Beginn, können weder der bewölkte Himmel noch das laue Lüftchen, das da weht, dem Publikum etwas anhaben.

Zunächst sorgen die Nordlichter von Torpus & The Art Directors dafür, dass die Zuschauer auf Betriebstemperatur kommen. Als dann AnnenMay Kantereit etwas verspätet auftauchen, ist die Euphorie groß. Gute anderthalb Stunden gehen die Kölner zu Werke und sorgen dafür, dass das diesjährige Heimspiel mit einem echten Knalleffekt endet.

Das Heimspiel Knyphausen war 2017 ein echtes Festival-Highlight. Dafür sorgt nicht nur das tolle Wetter, sondern auch das exzellent zusammengestellte, abwechslungsreiche Programm. So fügt sich alles in ein tolles Gesamtpaket, das schon jetzt Vorfreude auf das nächste Jahr aufkommen lässt.

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