Die international gefeierte Sängerin Valerie June gastiert mit ihrem neuen Album "The Order of Time" im Rahmen der "Merck Sommerperlen" in der gut gefüllten Darmstädter Centralstation. Die wilde Mischung aus Bluegrass, Gospel und Folk erzeugt im Publikum aber nicht nur Faszination, sondern auch Ratlosigkeit.

Als Tourmusiker hat man es nicht immer leicht. So muss der Bassist erst die zahlreichen Zupfinstrumente stimmen und die sternförmige Lieblingslampe seiner Bandleaderin aufhängen, bevor der Schlagzeuger das eigentliche Konzert mit einem ausgedehnten Solo eher unkonventionell einläuten darf.

Erst nach ein paar anstrengenden Minuten Getrommel betritt Valerie June die Bühne, wählt in aller Ruhe eine E-Gitarre aus, bringt ihre Haarpracht umständlich in eine geeignete Formation und beginnt zu singen.

Die große Überraschung bleibt aus

Das könnte eine fantastische und spannungsreiche Inszenierung eines Auftritts sein, wenn nun etwas Großes passieren würde. Die ersten Zeilen des Album-Openers "Long Lonely Road" sind dazu eigentlich prädestiniert.

Denn es besteht nur aus der extrem ausdrucksstarken, eigenwilligen Stimme mit ihrem einzigartig brüchig-nasalem Timbre, das von den Instrumenten unisono mitgesummt wird wie ein Gefangenenchor. Doch die Magie dieser Stimme verfliegt im riesigen Foyer der Centralstation, die Band versucht dranzubleiben, aber schon ist der Faden ein für alle mal gerissen.

Gefangen in der Halle

Bemerkenswerte Momente gibt es in diesem Konzert durchaus, besonders wenn Valerie June die Initiative ergreift. Hier ein galoppierendes Banjo-Solo, dort ein unsterblicher Moment zwischen Akustikgitarre und gehauchten Bluesversen. Und immer wieder spontane Tanzeinlagen mit weit am Mikrofon vorbei improvisierten Phrasen, die trotz des akustisch dafür völlig ungeeigneten Raums die verstärkte Band locker übertönen und durch Mark und Bein gehen.

Dann wünscht man sich, dass die weit oben im Raum hängende Anlage gleich ganz abgeschaltet wird, die Musiker von der meterhohen Bühne herabsteigen und man den Klang ungefiltert aus nächster Nähe erleben kann. Vielleicht am liebsten draußen, Barfuß auf dem heißen Asphalt.

Frei von jeglichen Konventionen

Ein besonderer Reiz von Valerie Junes Musik ist, dass sie die meisten Töne bewusst unsauber intoniert, so als würde sich ihr Ausdruckswille in seiner Natürlichkeit nicht von den Regeln der Musik einschränken lassen.

Der gleiche Freiheitsdrang zeigt sich in ihrem völlig unbekümmerten Songwriting, das sogenannte "schwarze" und "weiße" Stilrichtungen nicht bloß vermischt, sondern als musikalische Szenenbilder für ihre Erzählungen verwendet.

Die letzten beiden Alben haben aus diesem genialen Konzept eine Kunst gemacht, die aber zumindest an diesem Abend nicht live auf der Bühne umgesetzt werden kann. Das Mosaik fällt auseinander, denn seine Einzelteile scheinen sich plötzlich voneinander abzustoßen.

Nicht komplett überzeugt

Das liegt zum einen an der Band, deren Musiker nicht immer ganz auf der Höhe sind und auch mal einen Einsatz verpassen. Vor allem aber fehlt ihnen bei der Überwindung der Stilgrenzen die Mühelosigkeit Valerie Junes, sodass die gewagte Mischung nie so überzeugend zusammenwächst wie auf dem Album.

Zum anderen ist da aber das Gefühl, dass alles nicht so richtig zusammenpasst. Der heiße Sommerabend und der klimatisierte Raum, die absichtlich staubige Musik und der perfekt ausgesteuerte Sound, die exzentrische Künstlerin aus den USA und das interessierte, aber auch etwas distanzierte Publikum.

Das ist irgendwie schade, denn angesichts ihres ausgezeichneten Rufs und prominenter Fans wie Michelle Obama oder Norah Jones würde es nicht überraschen, wenn Valerie June bald als Grammy-Gewinnerin gefeiert wird. Ihr Konzert in Darmstadt ließ dieses Potential aber nur teilweise erkennen.