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U2 (live in Berlin, 2017) © Peter H. Bauer

Bombast und Pathos - das erwartet jeder Besucher eines Konzerts von U2. Die Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion in Berlin erleben aber eine erfreulich sparsam inszenierte Show, die das in den Mittelpunkt rückt, worum es eigentlich geht: die Musik.

Es gibt Konzerte, die benötigen Zeit, um in Fahrt zu kommen. Nicht so der Auftritt von U2 im ausverkauften Berliner Olympiastadion. Kein Wunder, U2 starten mit "Sunday Bloody Sunday", einem ihrer größten Hits. Der Innenraum explodiert förmlich vor Begeisterung, auf den Tribünen springen fast alle Zuschauer auf. 

Stadionrock im Regen

Dabei sind die äußeren Bedingungen alles andere als ideal. Unablässig prasselt der Regen auf das Olympiastadion. Auf der Bühne bilden sich gar nicht so kleine Pfützen, Stage hands montieren hastig eine Überdachung auf Larry Mullens Drumset. Bono singt dazu "Singin' In The Rain" und fordert das Publikum auf, mitzumachen. 

Während der ersten sieben Songs herrscht Ausnahmestimmung. Ein Mega-Hit jagt den nächsten, alles jubelt, schreit, hüpft und tanzt. Das ist Stadionrock in reinster Form, aber er wirkt nie seelenlos. Viele andere Bands, beispielsweise Depeche Mode, haben sich mit Covern von David Bowie verhoben, aber als Bono vorsichtig tastend "Heroes" auf Deutsch singt, fühlt sich das seltsam richtig an. 

Dazu erklingen die charakteristischen Gitarrenriffs von The Edge und Bono bestätigt seinen Ruf als einer der großen Frontmänner der Rockgeschichte. Er hat die 70.000 Zuschauer komplett im Griff, eine kleine Geste genügt, aber warum kleine Gesten, wenn auch große funktionieren? 

Konzentration auf das Wesentliche

Die Inszenierung ist dennoch erfreulich sparsam. Die ersten vier Lieder, gespielt auf der B-Stage im Innenraum, werden weder besonders beleuchtet noch anderweitig inszeniert. Hier spielen vier Musiker ihren hymnischen Breitwand-Rock – und sie machen es gut. Dazu trägt auch der gute Sound im weiten Rund des Olympiastadions bei. 

Mit dem Beginn von "The Joshua Tree" kommen Filme von Anton Corbijn hinzu, der das originale Cover des Albums fotografierte. Sie zeigen zu Beginn hauptsächlich eindrucksvolle Landschaften des US-amerikanischen Südwestens in Schwarz-Weiß. Später wird es etwas bunter, aber insgesamt ist von der inhaltlichen Überfrachtung früherer Tourneen nichts zu spüren.

Momente der Schönheit

Spätestens nach "Bullet The Blue Sky" wandelt sich der Charakter des Konzerts. Nein, leise oder subtil ist hier nichts, aber die Komplettaufführung von "The Joshua Tree" erlaubt es, Perlen wie "Red Hill Mining Town", "Trip Through Your Wires" oder "One Tree Hill" wiederzuentdecken.

Bei U2 besitzt selbst die Melancholie Stadionformat, aber das sorgt dafür, dass das Konzert nie an Spannung verliert. So sorgen U2 für einige überraschend intime Momente in dem riesigen Stadion, als sie in "One Tree Hill" an einen verstorbenen Roadie erinnern. Klar, ganz ohne Botschaft geht es nicht.

Die Predigt kommt zum Schluss

Hymnen, Predigten, Pathos: Man kann U2 nicht richtig einschätzen ohne ihre irische Herkunft zu verstehen. Das Prozessionshafte ihrer Musik ist tief in der katholischen Kultur ihrer Heimat verankert. U2 ist es gelungen, das ursprünglich Spirituelle in einen profanen Kontext zu transformieren. Sie predigen mit ihrer Musik zu den Massen. Kein Wunder, dass so viele polnische Fans nach Berlin gekommen sind.

Die Predigt folgt dann in der langen Zugabe. "Miss Sarajewo" dient als Erinnerung an das Leid syrischer Flüchtlinge, auf der Videowand scrollt Artikel 1 des Grundgesetzes vorbei. Bono erinnert an die Bundestagswahl, bedankt sich bei Deutschland und erinnert an die Verpflichtung der Deutschen an die unveräußerlichen Menschenrechte. "Ultraviolet" dient als Verbeugung vor berühmten und weniger bekannten Kämpferinnen für Frauenrechte. 

Unvergesslich

Diese Botschaftenflut läuft ein wenig der ganzen Inszenierung des restlichen Konzerts zuwider, das mit politischen Botschaften sehr zurückhaltend umgegangen ist. Viel eindrucksvoller ist da der Augenblick, als Bono (vermutlich) eine Zuschauerin auf die Bühne holt und mit ihr gemeinsam zu "Mysterious Ways" tanzt. Die junge Dame schnappt sich unerschrocken Bonos Hut und gibt auf der Bühne eine wirklich gute Figur ab. Ob Bono seinen Hut am Ende zurückbekommen hat?

Im Zugabenteil gibt es auch viel, um die Zuschauer nochmal zum Ausrasten zu bringen: "Beautiful Day", "Elevation" und "Vertigo" bieten den Soundtrack zu ausgelassenem Tanzen und Springen im Innenraum. Den Abschluss bildet natürlich "One", das wirkliche Ende kommt dann mit einem kurzen Cover des Beatles-Klassikers "Rain". "Wir werden das Konzert nicht vergessen", lässt Bono verlauten. Die Zuschauer auch nicht, das ist klar: Es war ein eindrucksvoller Abend.

Setlist

Sunday Bloody Sunday / New Year's Day / Bad / Pride (In the Name of Love) / Where the Streets Have No Name / I Still Haven't Found What I'm Looking For / With or Without You / Bullet the Blue Sky / Running to Stand Still / Red Hill Mining Town / In God's Country / Trip Through Your Wires / One Tree Hill / Exit / Mothers of the Disappeared / Miss Sarajevo / Beautiful Day / Elevation / Vertigo / Mysterious Ways / Ultraviolet (Light My Way) / One

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