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Jamie Cullum (live bei der Jazzopen Stuttgart, 2017) © Reiner Pfisterer

Die Eröffnung des Schlossplatzes bei den Jazzopen Stuttgart 2017 wird grandios gefeiert. Zuerst verzaubert Norah Jones mit kunstvollem Jazz und Blues. Anschließend feuert Jamie Cullum eine geballte Ladung Power in das vollauf begeisterte Publikum.

Als erster Act kommen Beyond Headlines auf die Bühne. Die Band aus Konstanz treibt vor allem die Zuschauer vor der Bühne an, die dort tapfer ausharren, als zwischendurch ein gewaltiger Regenguss herunterprasselt. Vor allem das Spiel des Saxophons und die zuckersüße Stimme der Sängerin gefallen dem Publikum.

Um das Publikum vor dem Regen zu schützen, verteilen die Ordner kostenlose Regenponchos. Dieser Schauer bleibt aber der einzige echte Problemfall und bis zum ersten Headlinerkonzert beruhigt sich das Wetter zusehends und wird im Verlauf des Abends immer angenehmer.

Norah Jones: total entspannt

Komplett relaxt im langen Kleid und mit Sonnenbrille betritt Norah Jones die Bühne. Sie setzt sich ans Klavier und beginnt mit glasklarer, kraftvoller Stimme zu singen. Bei "Peace" ist es noch ein reduziertes Bandset, denn neben Norah Jones spielt nur der Schlagzeuger und der Bassist am Kontrabass. Zu "I've Got To See You Again" kommen die anderen Musiker hinzu. Norah lässt die Finger über die Tasten fliegen und immer wieder kleine Improvisationen in die Melodie einfließen. Dazu streichen Gitarre und Keyboard zarte Zwischentöne über die Melodie. Die Bühne ist anscheinend auch noch etwas nass vom Regenguss und Norah merkt lächelnd an: "This is the first time my piano has danced".

Vom Jazz wandelt sich der Sound nun mehr in Richtung Country. Das Arrangement der Band dreht auf bei "Don't Be Denied", vor allem die Gitarre ist nun deutlich im Vordergrund zu hören. Das Publikum klatscht schon während des Songs laut los vor Begeisterung. Als Kontrast ist "Something Is Calling You" dann wieder ganz zart. Die träumerischen Klänge untermalt der Schlagzeuger mit Handschlägen auf seine Trommeln. Norah Jones scheint in ihrem Klavierspiel förmlich zu versinken.

Das abgedrehte Highlight

Ein Ritt wie aus einem Tarantinofilm zwischen Pulp Fiction und Kill Bill ist die Darbietung von "Sinkin' Soon". Die schräge Impro der Melodie erzeugt geniale Töne, fast eine Art Retro-Sound, der von einer immer wieder aufheulenden Gitarre unterbrochen wird. Für diesen Song gibt es berechtigt Riesenapplaus, denn das ist ein echtes Highlight der Spielkunst. Mit "All A Dream" wechselt Norah Jones vom Piano zur Gitarre. Der Sound unterstreicht das düstere Drama der Melodie, in der die Gitarren immer wieder aufheulen und auch die Pedal Steel deutlich zu hören ist.

Bei "Hey You" wird es sofort wieder fröhlich. Der schnelle Up-Tempo Blues geht rockig ab. Norah Jones lässt die Saiten der Gitarre glühen, während Pete Ramm nun am Klavier sitzt und blitzschnell in die Tasten greift. Der Applaus ebbt nur kurz ab, geht aber sofort wieder hoch bei den ersten Klängen von "Come Away With Me". Die Zuschauer jubeln und klatschen, gehen die langsame, getragene Melodie mit den wunderbaren Klängen voll mit. Norah Jones setzt ihre wunderschöne Stimme großartig in Szene und am Ende klatscht die ganze Arena vor Begeisterung.

Zuckersüß und energetisch wild

Es ist faszinierend, wie schnell Norah Jones mühelos von einer Stimmungslage in die andere wechselt. Eben noch das zuckersüße Melodienspektakel von "Sunrise", dann die heulend energetischen Gitarrenklänge des rockigen "Nightingale", bei dem die Zuschauer schon zur Songmitte losklatschen und schreien. Für "Carry On" wechselt Norah wieder ans Klavier, lässt dabei gleichzeitig auch die Hammond-Orgel im Vordergrund glänzen. Völlig abzutauchen in eine andere Welt der zauberhaften Klänge scheint sie bei "Sleeping Wild". Aber auch der klassische Jazz-Club Sound wird bedient mit "Don't Know Why". Dieser entspannte Lounge-Sound wird vom Publikum schon zu Beginn abgefeiert.

Norah Jones kann aber auch aufdrehen. Ihre Stimme bei "Travelin' On" trägt über den gesamten Platz. Sie füllt diesen Raum mit Emotionen und nur die Pedal Steel unterstützt diesen sehr durchdringenden Sound perfekt. Zum Abschluss des Hauptblocks wird es nochmal richtig rhythmisch. Die energetische Power von "Flipside" mit seinen schnellen Jazz-Variationen reißt alle Zuschauer mit und am Ende werden Norah Jones samt Band mit Mega-Applaus von der Bühne geleitet. Als Zugabe folgt noch das Akustikcover "Ripple" von Grateful Dead. Norah Jones spielt an der Akustikgitarre, das Publikum klatscht den Rhythmus mit und so endet das erste Konzert des Abends.  

Setlist

Peace / I've Got To See You Again / Don't Be Denied / Something Is Calling You / Sinkin Soon / Chasing Pirates / All A Dream / Hey You / Come Away With Me / Sunrise / Nightingale / Carry On / Sleeping Wild / Don't Know Why / Travelin On / Flipside // Ripple

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Als Jamie Cullum die Bühne betritt, brandet sofort ein Riesenapplaus hoch. Die Mehrheit der Zuschauer ist wohl wegen ihm gekommen. Kein Wunder, denn Jamie Cullum ist das vierte Mal bei der Jazzopen Stuttgart und damit inzwischen so etwas wie eine Institution. Er hat sich offenbar viel vorgenommen, denn er hat seine Band gewaltig aufgerüstet. Zu den üblichen vier Musikern Tom Richards, Rory Simmons, Brad Webb und Loz Garratt, die alle mehrere Instrumente spielen können, kommen noch sechs zusätzliche Bläser hinzu. Das verspricht eine geballte Ladung an Power – und genau die gibt es auch.

Jamie Cullum hämmert auf ein separates Schlagzeug an der Vorderbühne ein, hinten drücken Schlagzeug und Percussions voll aufs Gas. Dem energetischen Power-Rhythmus von "The Same Things" kann sich kein Zuschauer entziehen. Ein kurzes: Wie geht's Stuttgart?" wird mit großem Zuspruch beantwortet und schon feuert das Saxophon gnadenlos ab. Der mitreißende Up-Tempo Swing von "When I Get Famous" ist pure Energie. Die Trompete übernimmt die Führung in der Bläsertruppe. Jamie Cullum klettert aufs Klavier und animiert das Publikum zum Mitklatschen. 

Cover-Hits ganz anders

Weiter geht das Wechselspiel der Bläser. Bei "Don't You Know" dominieren die Posaunen. Jamie Cullum rockt halb stehend am Klavier und wieder rastet das Publikum komplett aus. Der krasse Gegensatz zum Opening ist "Don't Stop The Music". Die im Original von Rihanna extrem beatlastige Nummer wird von Jamie Cullum komplett entfremdet. Er spielt den Song zunächst als langsame Version mit verspielten Jazz-Elementen, dreht erst am Ende wieder voll hoch und jagt die Stimmung der Zuschauer ans Limit hoch.

Sie singen auch "Save Your Soul" beim Oh-Oh-Oh begeistert mit. Mal lässt er die Bläser antreiben, dann wieder röhrt er selbst los wie einst James Brown mit rockig kratziger Stimme oder lässt seine Trompeter hoch quietschende Töne produzieren. Er kann aber auch den Fuß vom Gas nehmen. Ganz sanft singt er Maria Grevers Hit "What A Diffrence A Day Made" und zeigt dabei ein feines Pianospiel mit zahlreichen Jazz-Improvisationen. Aber schon wird es wieder schneller. Zuerst covert er "Shape Of You" von Ed Sheeran als schnellere Version und geht direkt über in Roy Ayers "Everybody Loves The Sunshine".

Das große Finale

Zwischendurch unternimmt Jamie Cullum noch einen kleinen Ausflug ins Publikum, klettert dann wieder auf die Bühne und dreht jetzt total ab. Er springt und tanzt, hämmert auf sein eigenes Schlagzeug ein. Das Publikum geht frenetisch mit und die ganze Arena schwenkt zu den Tönen von "Get Your Way" die Arme. Die Bläser setzen hörbare Akzente und gekrönt wird alles vom Solo des Saxophons. Als schließlich auch noch "Mixtape" ertönt, fällt jede Hemmung von den Zuschauern ab. Völlig entfesselt springt und tobt der gesamte Innenraum, die Tribüne steht und hüpft mit. Sie klatschen und singen mit Jamie Cullum, der das rasende Publikum immer noch weiter antreibt. 

So angestachelt kommt Jamie Cullum zurück auf die Bühne für eine größere Zugabe. Jetzt dreht er aber hörbar runter, denn eigentlich ist er schon über der erlaubten Spielzeit. So spielt er drei ganz entspannte Songs zum Ende, wobei "All At Sea" mit seinen akzentuierten Trompeteneinlagen heraussticht. Es ist das Ende eines grandiosen Abends, der zwei Konzerte der Extraklasse geboten hat. Schade nur, dass sie kein gemeinsames Duett gespielt haben. Denn beide kennen sich gut und haben schon miteinander gearbeitet. Der einzige kleine Schönheitsfehler.

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