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Impressionen (Global Citizen Festival 2017) © Grey Hutton

Rockstar-Politiker, aufwändig produzierte Videoeinspieler, ein entfesselter Herbert Grönemeyer und ein spanisch und deutsch singender Engländer – so war das Global Citizen Festival in Hamburg mit Coldplay, Ellie Goulding, Shakira und Pharrell Williams.

In Krisenzeiten hat sich Pop-Musik bewährt. Als Trost- und als Mutspender, aber auch, um Aufmerksamkeit auf konkrete Probleme zu lenken und Geld einzusammeln. Seit George Harrisons "Concert for Bangladesh" existiert das Konzept großer Charity-Konzerte. Damals, im Jahr 1971, nahmen die Veranstalter, umgerechnet auf die Kaufkraft von heute, 1,5 Millionen Dollar ein.

Im Jahr 2017 ist das längst nicht mehr genug. "Wir sind nicht an traditioneller Wohltätigkeit interessiert", sagt Hugh Evans, CEO der Non-Profit-Organisation Global Citizen. "Wir wollen die globale Armut bis 2030 abschaffen. Das kostet 230 Milliarden Euro im Jahr."

Lange Gästeliste

Erstmals veranstaltete die von Evans gegründete Organisation nun ein Festival in Europa, am Vorabend des G20-Gipfels in Hamburg. Und nicht irgendeines: der künstlerische Leiter, Coldplay-Sänger Chris Martin, konnte Ellie Goulding, Shakira und Pharrell Williams, aber auch deutsche Stars wie Herbert Grönemeyer und Lena Meyer-Landrut dazu bewegen, ohne Gage aufzutreten.

Dazu kamen hochrangige Politiker: der kanadische Premierminister Justin Trudeau, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz und Vertreter aller deutschen Parteien. 9000 Freikarten wurden unter aktiven Mitgliedern, den sogenannten Global Citizens verlost, dazu kamen tausende VIP-Karten zwischen 100 und 300 Euro, deren Verkauf die Produktionskosten decken soll.

Aufwärmen

Während bei G20-Protesten im sechs Kilometer entfernten St. Pauli die ersten Flaschen fliegen, aber auch friedlich Demonstrierende bedrängt werden, beginnt der Abend in der in der Mehrzweck-Arena am Hamburger Volkspark mit einer Pre-Show. Elyas M'barek und Florian David Fitz wärmen die Menge auf. Verhaltene, aber konstante Pfiffe für Olaf Scholz, der sich am Mikrofon festklammert, als hätte er Angst vor Steinewerfern.

Jubel kommt auf, als Scholz seinen "good friend" Justin Trudeau ankündigt. In Jeans und T-Shirt sieht der kanadische Premier nicht nur aus wie ein Rockstar, er spricht auch so. Trudeau ist der Obama der späten Zehner-Jahre, ein letzter Hoffnungsschimmer in einer Welt steifer Bürokraten und Diktatoren. Später wird der 45-jährige verkünden, dass Kanada gerade 100 Millionen Dollar für den Kampf gegen Polio freigegeben habe.

Leucht-Show

Dann ohrenbetäubender Jubel unter den Zuschauern. Die riesenhaften LED-Armbänder, die aus der Nähe eher wie ans Handgelenk  verrutschte Fußfesseln aussehen, beginnen zu blinken. Es sind "Xylobands", die vorab verteilt wurden. Auf den Videoscreens erscheinen quietschbunte Schimpansen. Sie tanzen genau wie die jungen Hamburger im Innenraum.

Es ist erst 19:14 Uhr, und doch wird bis in die Oberränge mitgesungen, als hätte es vorab Alcopops gratis gegeben. Coldplay spielen "Adventure of a Lifetime" und "Fix You". Chris Martin hat tatsächlich eine Deutschlandfahne im Gürtel klemmen. Hat ihm keiner gesagt, dass sich der deutsche Patriotismus seit der WM 2006 abgekühlt hat?

Die blonde Shakira, der blasse Chris Martin: ein schönes Paar

Das Konfetti regnet, die Stroboskope flackern, die Laser blitzen. Als keine Steigerung möglich scheint, betritt Shakira die Bühne. Die Sängerin trägt schwarzen Schlips zu weißem Hemd, ihr Lächeln wärmt noch die hintersten Reihen. Ein schönes Paar, die blonde Kolumbianerin und der blasse Engländer. Sie geben Coldplays "Yellow" als akustisches Duett, ein bis zwei Mal hakt es noch.

Shakira kündigt an, Martins Spanisch-Kenntnisse zu testen: "Me Enamoré" mit rhythmischer Westerngitarre und gemeinsam intoniertem Refrain funktioniert hervorragend.

Interesse am Kampf gegen Armut

Nach 35 Minuten ist ein sehr unterhaltsames Set vorbei, ganz ohne politische Botschaften. Die kommen ja noch. Aufwändig produzierte Video-Einspieler machen auf Probleme in anderen Erdteilen aufmerksam, besonders die Hungersnot in Somalia, Südsudan, Nigeria und Jemen wird thematisiert. Wissenschaftler und Politiker treten auf, auch Sigmar Gabriel nimmt sich vier Minuten ("Geile Nummer hier!"). 

Und hat der Sprecher mit der sonoren Peter-Urban-Stimme aus dem Off gerade das Ebola-Virus als Special Guest angekündigt? Nein, es ist nur der liberianische Arzt Dr. Moses, der sich der Erforschung des gefährlichen Virus verschrieben hat. Er bekommt fast so viel Applaus wie Shakira. Auch nach 25 Minuten ohne Musik ist noch keine Unruhe im Publikum erkennbar, alle hier haben aufrichtiges Interesse am Kampf gegen die Armut.

Eigeninitiative, die belohnt wird

Christiane hat Petitionen unterzeichnet, Emails geschrieben, getwittert und sogar Anrufe für Global Citizen getätigt. Politiker sollten zum Handeln gebracht werden, auch wenn die junge Hamburgerin nicht mehr weiß, welche. Gleich in der ersten Verlosungsrunde hat sie zwei Tickets für das Festival gewonnen.

Überhaupt scheinen Mädchen und Frauen zwischen 15 und 30 Jahren in der Arena in der Mehrheit zu sein, nur passend, denn die weltweite Verbesserung der Lebensbedingungen von Frauen ist eines der Hauptthemen an diesem Abend.

Englishman in Hamburg

Coldplay-Shirts allerorten, kein Wunder also, dass sich während des einstündigen Abschlusssets von Herbert Grönemeyer die ohnehin schon nicht ausverkaufte Arena merklich leert. Grönemeyers Band hat hörbar am meisten Zeit beim Soundcheck bekommen, der Klang ist wuchtig und sicher 20 Prozent lauter als zuvor.

"Frau Merkel, füllen Sie die Box", ruft der Bochumer zwischen "Schiffsverkehr" und "Mensch", bei dem Chris Martin erneut seine Fremdsprachenkenntnisse unter Beweis stellen muss. "Ich bau die Traum auf die Sand" singt Martin sichtlich amüsiert. Neben dem wie wild umherspringenden, 21 Jahre älteren Grönemeyer wirkt er beinahe steif.

"Zeit, dass sich was dreht" wird mit Special Guest Andreas Bourani performt. Der wiederum hatte sich für sein mal wehleidiges, mal ranschmeißerisch kumpelhaftes Schlager-Pop-Set mit Rapper Sido zusammengetan.

Sehenswerte Show

Viel musikalische Qualität kommt an diesem Abend zusammen, bei kaum merklichen technischen Pannen. Ellie Goulding legt mit ihrer Gitarre Angus-Young-artige Exkursionen auf dem Laufsteg hin, auf den später ein Flügel für die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili gekarrt wird. Ihr zehnminütiges Klassik-Intermezzo inmitten der tanzenden Menge funktioniert erstaunlich gut.

Geballte musikalische Genialität bei Pharrell Williams. Seine Hits wie "Blurred Lines", "Get Lucky" und "Happy" verdeutlichen, dass er nicht nur einer der größten Songwriter, sondern auch einer der besten Entertainer des Planeten ist, nicht zuletzt, weil er mit lässiger Geste dutzende Zuschauer auf die Bühne holt. Die Musik kommt zwar komplett aus der Konserve, aber schließlich weiß man auch bei Coldplay nicht so genau, ob sie bei all dem Gehampel auch wirklich ihre Instrumente bedienen.

Große Verpflichtungen

"How’s it going, everyone?" brüllt zwischendurch ein Justin Trudeau in Party-Stimmung. Die Ausgelassenheit verdeckt, dass tatsächlich etwas erreicht wurde: die anwesenden Staats- und Regierungschefs verpflichteten sich, mehr als 700 Millionen Dollar auszugeben, von denen 113 Millionen notleidende Menschen profitieren sollen.

Der mehr als fünfstündige Abend in Hamburg hat beides geboten: Eskapismus und Appelle. Ekstatische gefeierte Auftritte, Trost- und Mut-Spenden. Und Mahnungen, wie es denen ergeht, die das Pech hatte, auf dem falschen Flecken Erde geboren zu sein.

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