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Sleaford Mods (2015) © Simon Parfrement

Eine gute Stunde lang Wut auskotzen, extreme britische Lyrics bellen und zum Teil bitterbösen Zynismus streuen: Sleaford Mods aus Nottingham servieren im Schlachthof Wiesbaden die volle Dröhnung inklusive erratischem Punk-Rahmenprogramm als Support.

Der Wiesbadener Schlachthof ist am frühen Abend bereits recht gut gefüllt als Pisse, die erste Band des Abends die Bühne betreten. Der Sound ist für Punkrock-Verhältnisse sehr differenziert, was daran liegt, dass die Band sehr klar auf den Punkt spielt.

Nachdem sie in bester Slime-Manier über Titten, Bier, Freiheit und Anarchie im Generellen reflektiert haben, kommt der im englischen York angesiedelte Punk-Performancekünstler Mark Wynn auf die Bühne und sagt für eine Weile nichts anderes als "Hello" und "Good Evening". Dann stellt er sein Playback an und singt dazu, irrt auf der überdimensionierten Bühne umher, zitiert The Smiths, wedelt mit Gladiolen – und glaubt, damit durchzukommen.

Bisschen deplatziert

Das Publikum reagiert indifferent auf die gebrochene Darbietung des Anarchisten, der Songs und Ansagen immer wieder abbricht und sich selbst "Shut up!" zuruft. Wynn gibt sich bei seinem durch und durch britischen Vortrag sehr viel Mühe, dennoch bleibt unklar, welche Geschichten man ihm glauben kann und welche nicht.

Zwischendurch gibt er eine Art Clown und haut dann sogar die Strophen des Sleaford Mods-Songs "Tied up in Nottz" zur Musik des Disco-Klassikers "Hot Stuff" raus. Wynn versucht außerdem mit freiem Oberkörper, Rülpsen ins Mikro und angedeuteten Iggy Pop-Bewegungen zu punkten. Am Ende bleibt artiger Beifall für den Klassenclown der "Abiball-spät-am-Abend-Niveau" erreicht und eher auf kleine Bühnen oder in Pubs gehört, wo er auf Tuchfühlung mit den Zuschauern gehen kann.

"English Tapas" als Vorspeise

Das Gute an Acts, die nur Playback und Livegesang haben, ist dass die Umbaupausen kurz sind, weil kaum was umgebaut werden muss. Daher dauert es nicht lange, bis Jason Williamson und Andrew Fearn die Bühne betreten und ohne große Worte mit "B.H.S." vom neuen Album "English Tapas" loslegen.  

Die neuen Sounds wirken luftiger und elektronischer als die Lieder aus den Anfangstagen des Duos. Im Folgenden stellt die Band die Performance der neuen Platte in den Mittelpunkt des ersten Teils des Konzerts. "Army Nights", "Moptop", "Snout" oder auch "Dull" werden vom randvollen Schlachthof wie alte Bekannte begrüsst.

Die Chemie der Sleaford Mods

Bereits nach einigen neuen Songs wird deutlich, dass sie hier und heute "the real thing" sind. Ihr Act ist simpel und minimalistisch, aber höchst effektiv. Sleaford Mods haben in den letzten Jahren den einst von Mike Skinner und The Streets patentierten britischen Strassensound aus Hip-Hop, Garage, Dub und Minimalbeats adaptiert und mit einer ordentlichen Portion Aggression gewürzt.  

Darüber hinaus hat Andrew Fearn den mit Abstand geilsten Job im Rockbusiness: Bier trinken und abgehen! Und natürlich Knöpfchen drücken damit das Playback startet. Es macht ihm ersichtlich Spaß, good lad, he is.

Musik von der Straße

Jason Williamson hat hingegen auf der Bühne richtig Arbeit. Man könnte denken, er stünde einfach nur da und schimpfe wie ein Rohrspatz, aber seine Performance ist weitaus komplexer. Er spuckt die Zeilen mit unglaublicher Präzision und perfektem Timing auf die Beats und ist dabei so scharf und bissig wie der junge Johnny Rotten.

Es ist eine beeindruckende Gratwanderung zwischen Professionalität und dem Sound der Straße, der noch nicht als Routine rüberkommt. Die Glaubwürdigkeit ihres Acts, die zornige Working-Class-Attitüde, ist auch nach drei Studioplatten an diesem Abend in Wiesbaden noch voll intakt, das Publikum liebt und feiert sie – and the pleasure is entirely mutual.

Klassiker und ausrastendes Publikum

Williamson, der sich mit Ansagen eher zurückhält und immer wieder linkisch ins Publikum grinst, sagt gegen Ende des Gigs "some old classics" an, als mit Krachern wie "Jolly Fucker", "Jobseeker", "Tied Up in Nottz", "Routine Dean" und "Tweet Tweet Tweet" die Hitdichte zunimmt. Williamson spuckt Gift und Galle und nun geht dann auch vor der Bühne so richtig der gute alte Punk ab.

Es wird gepogt, die Bierbecher fliegen reihenweise auf die Bühne, was jedoch anders als bei vielen anderen Bands keineswegs zu Unmut bei den Künstlern führt, sondern von Williamson und Fearn mit entspannter Gutmütigkeit abgenickt wird. Sie wirken dabei wie zwei englische Touristen auf Ibiza, die erst richtig heiß laufen, wenn rund um sie das Chaos ausbricht.

Diese Szenen liefern eine geniale Momentaufnahme und bilden den Abschluss eines denkwürdigen Konzertabends, an dem Punk zwar nicht neu erfunden wird, jedoch eine Frischzellenkur der besonderen Art erhält.

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