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AnnenMayKantereit (live in Frankfurt, 2017) © Mathias Utz

Mit ihrem studentisch angehauchten Pop-Rock haben AnnenMayKantereit in den vergangenen Jahren geradezu den Nerv der Zeit getroffen. In der Frankfurter Jahrhunderthalle präsentieren sich die Kölner zwar mit einer energiegeladenen Show, aber für ihr Alter doch recht kurz angebunden.

AnnenMayKantereit sind ein Phänomen, das in dieser Form wohl nur im Internet- und Social Media-Zeitalter möglich sein dürfte. Zu Beginn des Jahrzehnts stand das durch den Einstieg von Bassist Malte Huck inzwischen zum Quartett angewachsene Kölner Trio um den reibeisigen Sänger Henning May noch in der Fußgängerzone ihrer Heimatstadt und verdingte sich als Straßenmusiker.

Ein paar massiv erfolgreiche YouTube-Videos später sind die Jungspunde in aller Munde – und spätestens seit ihrem bei Universal erschienenen Album "Alles nix Konkretes" womöglich die deutschsprachige Band der Stunde. Das zeigt sich auch daran, dass die Gruppe mit dem etwas sperrigen Namen mittlerweile vor ausverkauften, größeren Häusern wie der Frankfurter Jahrhunderthalle spielt.

Der Zug ist abgefahren

Unterstützung für ihre diesjährigen Frühjahrskonzerte haben sich AnnenMayKantereit aus der Bundeshauptstadt mitgebracht. Die Höchste Eisenbahn, eine vierköpfige Truppe rund um die beiden eigentlich aus dem Ländle stammenden Berliner Singer/Songwriter Francesco Wilking und Moritz Krämer, bieten stimmungsvolle poetische-melodische Melancholie in deutscher Sprache.  

In ihren Liedern mutieren die Zugführer zu Geschichtenerzählern, die keinem expliziten musikalischen Stil folgen und gerne zwischen einzelnen Instrumenten hin- und herwechseln. Leider wird ihnen an diesem Abend nicht der geeignete zeitliche Rahmen geboten, damit sich ihre Songs so richtig entfalten können. Nach einer halben Stunde ist schon Schluss für die Hauptstädter.

Erdige rheinische Boyband

Höchste Eisenbahn wird es dann eigentlich auch, dass sich AnnenMayKantereit in der Jahrhunderthalle zeigen. Als sie dann ohne viel Schnickschnack wie Tape-Intro, extravaganten Kostümen oder groß angelegten Lichteffekten die Bühne betreten, ist der Jubel im Innenraum dafür umso größer. Man fühlt sich gelegentlich an das Konzert einer Boyband erinnert.

Man fühlt sich gelegentlich leicht an das Konzert einer Boyband erinnert, während AnnenMayKantereit beginnen, sich durch ihre erdigen kurzen, aber prägnanten Pop-Rock-Songs à la „Wohin Du gehst“ und „Es geht mir gut“ zu arbeiten. Das mag teils auch an dem über weite Strecken recht jungen Publikum liegen, das oftmals nur unwesentlich älter sein dürfte als die vier Mittzwanziger aus Köln selbst.

Alltägliches aus dem Leben

AnnenMayKantereit geben sich bei ihrer Performance erfrischend unprätentiös. Ihre Songs erzählen von Alltäglichem, von kleinen Träumen und Wünschen und von Personen, die – wie es der Frontmann anmerkt – im Gegensatz zu denen von Andreas Bourani wirklich existieren würden. Als Beispiele seien ihr Tonmann in "Das Krokodil" und Mays Vater in "Oft gefragt" angemerkt.

Ab und an liegt aber genau darin das Problem. Womöglich ihrem Alter geschuldet, leben AnnenMayKantereit in der Realität wie auch musikalisch in einer studentisch geprägten Version der heutigen Welt, die sich mit dem Status Quo zufrieden gibt und sich wenig rebellisch zeigt. Zu den größten Sehnsüchten gehören dabei eine Altbauwohnung im "3. Stock", die eine Abwechslung zum aktuellen WG-Leben in "Neues Zimmer" darstellt.

Raue Emotionen

Wesentlich höhere Ambitionen scheinen AnnenMayKantereit textlich derzeit nicht zu haben, was sie einerseits zu Paradevertretern der Millennials macht, deren Ideen und Träume – analog zum Albumtitel – "Alles nix Konkretes" zu sein scheinen. Die stellenweise recht simplen Texte, die sich durch häufige Wiederholungen auszeichnen, werden dafür von Henning Mays Reibeisenstimme mit einer Inbrunst wiedergegeben, die ihresgleichen sucht.

Sie eignen sich zudem umso besser zum Mitsingen, und dank der von Drummer Severin Kantereit und Bassist Malte Huck auf den Punkt gebrachten, eingängigen Rhythmen und rotzigen Chords von Gitarrist Henning Annen auch zum Mitwippen. Genau dafür sind die Zuschauer gekommen. Sie wollen den aus dem Leben gegriffenen Herzschmerz von "Pocahontas" oder "Mir wär‘ lieber, Du weinst" zelebrieren.

Zurück zu den (Konzert-)Wurzeln

Andererseits erteilen AnnenMayKantereit der sonstigen Technologieaffinität ihrer Generation eine klare Absage. "Das hört sich bestimmt erstmal komisch an, aber Klatschen ist geiler als Handys", merkt der Frontmann an. Überraschenderweise folgt das Publikum den Anweisungen des Sängers aufs Wort, zumindest was die Benutzung ihrer Mobiltelefone angeht.

Als May bei der ersten Zugabe "Barfuß am Klavier" alleine auf der Bühne sitzt und in die Tasten schlägt, gehen statt der funkelnden Displays der Smartphones dann gute, alte Feuerzeuge in die Höhe, die wie die unter der Hallendecke tanzenden Lichterketten im finalen "21, 22, 23" für etwas Abwechslung bei der recht spartanisch gehaltenen Beleuchtung sorgen.

Mehr als heiße Luft

Musikalisch wesentlich vielseitiger präsentieren sich AnnenMayKantereit immer, wenn sie aus dem selbstauferlegten Korsett ihrer knapp gehaltenen Stücke ausbrechen. Dafür haben sie sich als Gast den gerade einmal 19-jährigen Trompeter Ferdinand Schwarz mitgebracht, der die Band bei mehreren Songs wie "James", "Bitte bleib", "Du bist überall" und "Gypsy" unterstützt.

"Du bist überall" nutzt Henning May außerdem als Plattform für verschiedene Ansagen, die ihm – nach eigenem Bekunden – häufiger misslingen, aber beim Frankfurter Konzert ganz gut funktioniert. Obendrein darf sich Severin Kantereit mit einem perkussiven Intermezzo in der gelungenen Version des eigentlich schon zu Tode gecoverten Bobby Hebb-Evergreens "Sunny" auszeichnen.

Knapp bemessen

Dennoch verabschieden sich AnnenMayKantereit nach gerade einmal etwas über 80 Minuten schon wieder von ihren zahlenden Gästen, nicht ohne sich allerdings zuvor durch den Beatles-Klassiker "Come Together" und ihre eigene Hymne über das Älterwerden, "21, 22, 23", gerockt zu haben. Als sie die Bühne im Anschluss verlassen, gehen die meisten Fans vollkommen zufrieden wieder nach Hause.

Es gibt jedoch auch einige andere Stimmen, die sich ob der relativ geringen Spielzeit etwas enttäuscht zeigen. Hier hätte sich das Quartett aus der Domstadt sicherlich auf ihre Wurzeln als Straßenmusiker zurückbesinnen können und noch die eine oder andere Coverversion oder Jameinlage mehr in seine Setlist integrieren können. 

Setlist

Wohin Du gehst / Es geht mir gut / Nicht nichts / Neues Zimmer / Mir wär‘ lieber, Du weinst / James / 3. Stock / Sunny / Das Krokodil / Bitte bleib / Du bist überall / Gypsy / Pocahontas / Länger bleiben / Oft gefragt // Barfuß am Klavier / Come Together / 21, 22, 23 

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