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ABC (live in Mannheim 2016) © Torsten Reitz

34 Jahre nach "The Lexicon Of Love" sorgt Martin Fry mit seiner Band ABC im Capitol in Mannheim für die Restaurierung des Frühachtziger-Popsounds und versetzt sein Publikum mit einem zündenden Best Of-Programm in Ekstase.

Martin Fry erinnert sich: "Es ist sehr lange her, dass wir in Mannheim gespielt haben". Vor ziemlich genau 34 Jahren, im Januar 1983, gastierten die damaligen Senkrechtstarter aus England mit ihrem sagenhaften Debüt "The Lexicon Of Love" im Mannheimer Rosengarten.

Erfolge und Misserfolge

Die vergangenen 34 Jahre haben auch beim einstmals tolletragenden Blondschopf Fry Spuren hinterlassen. Dazu kam der Flop des zu rockigen zweiten Albums "Beauty Stab" (1983), die fehlenden Chartserfolge späterer Singles in ihrem Heimatland UK, der Verlust des Plattenvertrages und der Abgang des kongenialen Bandpartners Mark White im Jahr 1992.

Fry hielt sich mit sporadischen Gigs und Auftritten bei Night of the Proms oder fernsehformatigen Launigkeiten wie "Reuniting the bands" bei VH1 im Gespräch. Doch erst 2016 gelang ihm mit "The Lexicon Of Love II" ein vielbeachtetes Comeback, das ihm das Budget für die groß angelegte "Viva Love"-Tour bescherte.

Nostalgie liegt in der Luft

An diesem unwirtlichen Dezemberabend des Jahres 2016 drängen sich vorwiegend Überlebende der Achtziger im Foyer des Mannheimer Capitols, um Martin Frey mit seiner neu zusammengestellten Band ABC erleben. Wenn es Haar und Klamotten noch hergeben, kann man hier und da sogar noch ein paar wenige, toupierte New Romantics erkennen.

Nachdem das sehr gut gefüllte ehemalige Mannheimer Kino Capitol artig das Countryduo Lewis & Leigh beklatscht hat, das es sogar schon zu Inas Nacht geschafft hat, wird der Saal unruhig, bis um 21:00 Uhr schlagartig die Lichter ausgehen und die sechs Musiker sowie eine Backgroundsängerin die Bühne betreten.

Nur die Hits

Vielumjubelt stimmt Martin Fry nach kurzer Begrüßung "When Smokey Sings" aus dem Jahr 1987 an. Die Stimme des 58-jährigen lässt bereits hier erkennen, dass sie nichts von ihrer Grandezza und Erhabenheit eingebüßt hat. "Elegance in eloquence" heißt es treffend in dieser Verbeugung vor Smokey Robinson. Dazu passend ist der Sound der Band tight und funky.

Martin Fry hat das Publikum sofort auf seiner Seite und spielt ausschließlich Stücke der ersten vier ABC-Alben der Jahre 1982-1987 sowie fünf Stücke vom brandneuen "The Lexicon Of Love II", von denen besonders "Viva Love" und "Flames Of Desire" an alte Glanztaten anknüpfen können.

Ein Dandy mit Geschichte

Martin Fry, der blonde Schlacks, trägt wie die ganze Band einen dunklen Anzug, den er nur bei den Uptempostücken aufknöpft, dazu ein weißes Hemd mit dünner Krawatte. Früher kleideten sich so die "Popper" und Fry trägt diese Haltung fort, die man in der Tat als "sophisticated" bezeichnen kann.

Auch ansonsten ist Fry immer Herr der Lage und dirigiert seine hervorragende Band mit kleinen Gesten und Zeichen, wie es nur die großen Crooner können. Flöte, Flügelhorn und Saxophon zeigen, dass ABC immer näher am reinen Pop waren als am New Wave oder Postpunk.

Das Jahr 1982 hat neben "The Lexicon Of Love" auch große Popalben von Spandau Ballet, Duran Duran oder auch The Cure hervorgebracht. Auf letztere bezieht sich Fry in seinen kurzen aber gekonnten Ansagen. "You are too young to remember the 80s" wird zum Running Gag des Abends und Fry bekennt "...but I still live there".

Die Mittachtziger-Phase

ABC kredenzen den kantigen Rocker "That Was Then But This Is Now“ von "Beauty Stab" und zeigen mit "How To Be A Millionaire", wie schillernd, dekadent und papageienbunt das Popjahr 1985 war. Die Stimmung im Saal erreicht den Siedepunkt. Die Zuschauer tanzen ausgelassen zu "King Without A Crown“ und "The Night You Murdered Love", zwei weiteren Dancefloorkrachern vom Album "Alphabet City", das im Jahr 1987 vor allem in Deutschland hohe Chartsplatzierungen erreichte.

Bereits damals attestierten Kritiker der Band einen zunehmend sterileren und nahezu antiseptischen Sound. Diesen sollten ABC auch auf ihrem Weg in die frühen Neunziger durch die Adaption von House- und Acidmusik nicht mehr ablegen.

The Lexicon Of Love

Im Kontrast dazu und im Fokus des ganzen Abends stehen acht Songs ihres unerreichten Debüts "The Lexicon Of Love", die im zweiten Konzertteil an einem Stück gespielt werden. Statt Keyboards, wie bei besagten späteren Produktionen, verpasste der geniale Trevor Horn ABC im Jahr 1982 himmelwärts stürmende Streicher-Arrangements und einen organischen, warmen Sound. Das Füllhorn an Hits aus der frühen Jugend der meisten Anwesenden verpasst seine Wirkung nicht.

Egal, ob der vergiftete Pfeil von "Poison Arrow", "Show Me" oder das an Heaven 17 erinnernde "4ever 2gether" – das Publikum tobt und singt lauthals mit. Fry ist sichtlich angetan von der "Rockcity Mannheim". Das erhabene und unglaublich majestätische "All Of My Heart" beschließt das reguläre Konzert mit großen, raumgreifenden Pianoakkorden – und jeder im Saal weiß, was nun als Zugabe kommen wird.

The Sound Of 1982

"The Look Of Love" ist nicht irgendein Song der an erfolgreichen Songs nicht gerade armen, englischen Popmusik. Es ist der Song des Jahres 1982, der alle Jahre schadlos überdauert hat. Ein funkelndes Popjuwel, das sich über das Wesen der Liebe auslässt und in dem der Sänger sich unnachahmlich am Ende selbst zuflüstert: "Martin, maybe one day you will find true love". Herrlich überkandidelt und hoffnungslos romantisch, wie das ganze Popjahr 1982.

Nachdem alle Handys im Saal unausweichlich diesen fraglos größten Moment des Abends eingefangen haben, verlassen Fry und seine Mitstreiter unter größtmöglichen Applaus die Bühne. So geht gelebte Nostalgie, die Menschen glücklich macht.

Setlist

When smokey sings / How to be a millionaire / Viva Love / Singer not the song / That was then but this is now / 10 below zero / King without a crown / The night you murdered love / Flames of desire / Kiss me goodbye / Show me / Poison arrow / Many happy returns / 4ever 2gether / Date stamp / Tears are not enough / All of my heart / The look of love Part 1

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