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Pet Shop Boys (live in Frankfurt, 2016) © Peter H. Bauer

Allzu leicht möchte mancher die Pet Shop Boys als einen jener Retro-Acts abtun, die mit ihren alten Hits durch die Welt touren, um sich die Taschen zu füllen. Tatsächlich ist das Duo auch 2016 einer der besten Pop-Acts der Welt – und völlig auf Höhe der Zeit.

Wir schreiben das Jahr 1988. Das Ende einer Dekade nähert sich, die heute allzu oft als Sinnbild für schlechten Geschmack herhalten muss. Zu Unrecht: Technische Innovationen revolutionierten den Pop, in den zeitgleich vielerorts eine Raffinesse Einzug erhielt, die es schaffte, smart und emotional zu sein, also irgendwie verkopft und aus dem Bauch heraus zugleich.

Solche Texte schrieben Leute wie Morrissey, Mark Hollis oder eben Neil Tennant, der im besagten Jahr mit Chris Lowe eine Richtung einschlug, die dafür sorgen sollte, dass die Konzerte der Pet Shop Boys auch 28 Jahre später nichts an Relevanz eingebüßt haben.

Die Achtzigerjahre überlebt

Die meisten erfolgreichen Acts der Synth-Pop-Ära fristen – sofern sie noch existieren – heute ein eher trauriges Dasein, in ihrer Zeit gefangen wie sie sind. Ihre Konzerte verkommen zu Nostalgie-Shows – oder wer wartet heute noch voller Spannung auf neue Alben von The Human League oder Ultravox? Eben. Den Absprung geschafft haben die Bands, die sich rechtzeitig umorientierten und Ufer fanden, die die folgenden Jahrzehnte überdauern sollten.

Depeche Mode etwa hingen Martin Gore eine Gitarre um den Hals und gingen ins Stadion. Die Pet Shop Boys hingegen gingen in die Clubs: Mit "Introspective" veröffentlichten sie eine Acid-House-getränkte Platte, 1990 folgte "Behaviour", hier heißt der Haupteinfluss Deep House. Wo andere in der Bedeutungslosigkeit versanken oder Zugeständnisse an das Konträrmodell Rockband machten, bekannten sich Tennant und Lowe kompromisslos zum Pop, zu zelebrierter Künstlichkeit, Inszenierung und elaborierten, theatralischen Bühnenshows. Zeitgleich behielten sie einen Fuß in den Clubs, blieben mit neuen Entwicklungen elektronischer Subkultur up to date.

Zielgruppe: Alle

Zeitsprung. Es ist der 2.12.2016, vor der Frankfurter Jahrhunderthalle sammelt sich eine Schlange an. Sie alle wollen die Pet Shop Boys sehen, die gerade mit ihrem 13. Studio-Album "Super" auf Tour sind: das Mittfünfziger-Pärchen aus der nahegelegenen Kleinstadt, der Technofan im buntesten Rave-Outfit, die Schülerin, die die Songs aus dem Radio kennt und natürlich die Gay Community, der die Boys mit Hits wie "It’s a Sin" oder "Go West" einige ihrer hartnäckigsten Hymnen geschenkt haben.

Einen Anheizer brauchen Tennant und Lowe nicht oder zumindest keinen, der sich auf die Bühne stellen müsste. Stattdessen läuft anfangs noch dezenter Elektro, der mit jeder Minute näher an der Showtime etwas lauter und tanzbarer wird. Der Showbeginn knüpft dann auch unmittelbar daran an, als Opener dient das Trance-Stück "Inner Sanctum" vom neuen Album, das den Community-Gedanken hinter der Clubkultur feiert: "In the inner sanctum you’re a star / the boys, the girls, they all know who you are".

"Tonight we all are the pop kids"

Dem folgt als erster Hit des Abends der erste Hit der Band: "West End Girls" inklusive der Bonus-Strophe von der 12"-Version. Damit beginnt aber nicht etwa ein Hit-Feuerwerk, das durch den ganzen Abend trägt. Hits werden in den ersten beiden Dritteln der Show bewusst spärlich eingesetzt, die PSB würdigen ihr Gesamtwerk, ob es nun Radio-Airplay hatte oder nicht, ob es vom großen "Actually" (1987) stammt oder von "Fundamental" (2006). Das Motto des Abends stellt "The Pop Kids", die Lead-Single von "Super", mit seiner wunderschönen Mischung aus Sentimentalität, Arroganz und Ironie: "We were young and imagined we were so sophisticated / telling everyone we knew that rock is overrated".

Es folgen die frühe B-Seite "In the Night" über die Zazous, Anhänger einer französischen Jugendkultur im von den Nazis besetzten Frankreich ähnlich der Swing-Kids, das gewitzte "Love Is a Bourgeois Construct" ("When you walked out you did me a favor / It’s absolutely clear to me / that love is a bourgeois construct / just like they said at university"), "Love Comes Quickly" vom Debüt und überhaupt gibt es wenig Überschneidungen mit dem Set der letzten Tour. Ein so hochwertiger Backkatalog macht’s möglich.

Trommeln und Laser

Das hat aber natürlich auch Nachteile: Die perfekte Setlist kann es kaum geben, irgendwas fehlt immer. So könnte man auch ruhig mal einen anderen Song vom (unterschätzten) 1999er-Werk "Nightlife" wählen als "New York City Boy" und mit "Winner" spielen sie auch einen ihrer schwachen Songs. Das "Behaviour"-Album ist als einziges auf der Setlist völlig abwesend, ist aber eines ihrer besten. Jammern auf hohem Niveau, denn langweilig wird die Show trotzdem nie.

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Neil Tennant und Chris Lowe zeigen Mut zur Aktualität, der Schwerpunkt des Sets liegt auf Material nach dem Jahrtausendwechsel, am meisten vertreten ist neben dem aktuellen Album dessen Vorgänger "Electric", von dessen Bühnenshow auch noch die Laser übernommen wurden. Auf die sonst in ihren Shows so präsenten Tanzeinlagen verzichten sie vollständig, stattdessen fällt gegen Ende des vierten Songs ein weiterer Vorhang und offenbart drei Multiinstrumentalisten an Percussions, Synthesizern, Backing Vocals und einer elektronischen Violine.

Mit den Tänzern fehlt das offensichtlichste Mobilisierungsstilmittel einer Pop-Show, bei der niemand mit seinem Instrument über die Bühne hüpft, umso mehr Augenmerk wird auf visuelle Effekte gelegt. Zu Beginn leben die PSB ihre alte Vorliebe für geometrische Formen wie Quadrate und Kreise aus, die in allen Farben über den Hintergrund wandern, auch die futuristischen Outfits zeugen von einem eigenwilligen Ästhetizismus.

Kleine Ideen mit Wirkung

Schon der Show-Entrance ist gewohnt gekonnt: Als die runden Aufsteller am Rand der Bühne anfangen, sich zu drehen, um hinter sich Tennant und Lowe zu offenbaren, geht ein Raunen durch das Publikum, das nur noch durch das getoppt wird, das später auf die ersten Töne von "It’s a Sin" folgen wird. Obgleich die Bühnenshow gerade im Visuellen opulent ausfällt, sind es gerade diese kleineren Einfälle, die der Performance noch einmal einen ganz besonderen Touch geben.

In "The Dictator Decides", dem besten Stück auf "Super", singt Tennant aus der Sicht eines geschwächten, depressiven Diktators, der keine Kraft mehr hat, das Volk zu unterdrücken und nur noch darauf wartet, abgesetzt zu werden. Zu dystopisch-schwarz-weißen Bildern freier Oberkörper und darüber zu krabbeln scheinender Insekten singt Tennant im Diktatoren-Outfit mit unter die Haut gehender Besonnenheit Zeilen wie "I’d rather that you didn’t shoot me / but I’d quite understand if you did". Zu Beginn der Zielgerade zum Ende des regulären Sets mit "The Sodom and Gomorrah Show" und "It’s a Sin" bilden die Laser einen Regenbogen.

Aus alt wird neu

Derartige Einfälle sind so simpel und wirksam wie das Synthie-Riff von "Always on My Mind", das den Abend als letzte Zugabe beschließt. Davor gibt es dann doch noch ein paar der aufgesparten Hits wie "Domino Dancing", "Left to My Own Devices", "Go West" oder eben "It’s a Sin", die aber alle nicht einfach in ihren Hit-Versionen runtergespielt, sondern in neuen modernisierten Versionen dargeboten werden. Damit zeigen die PSB selbst bei den alten Hits, was sie auch in den neuen Songs oder dem Techno-Interlude "The Enigma" unter Beweis stellen, nämlich wie wichtig es ihnen ist, auf der Höhe der Zeit zu bleiben – die Ernte der Saat von 1988.

Neben ihrem gekonnten Songwriting, ist es all das – die leidenschaftliche Hingabe zur Inszenierung einer theatralischen Ästhetik im Dienste einer Pop-Show, das klare Bekenntnis zur Club-Kultur, Witz und Einfallsreichtum –, das ihnen den bemerkenswerten Spagat zwischen Subkultur und Mainstream ermöglicht, aus dem heraus sie einige der subtilsten Chart-Hits der Popgeschichte geschossen haben. So sind die Pet Shop Boys nicht nur die beste Band, die es je zu extensivem Airplay im Formatradio geschafft hat, sondern auch einer der sehenswertesten Live-Acts – sei es nun 1991, 2009 oder 2016.

Setlist

Inner Sanctum / West End Girls / The Pop Kids / In the Night / Burn / Love Is a Bourgeois Construct / New York City Boy / Se a vida é (That’s the Way Life Is) / Love Comes Quickly / Love etc. / The Dictator Decides / Inside a Dream / Winner / Home and Dry / The Enigma / Vocal / The Sodom and Gomorrah Show / It’s a Sin / Left to My Own Devices / Go West // Domino Dancing / Always on My Mind / The Pop Kids (Reprise)

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