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Ian Anderson (live in Mannheim, 2016) © regioactive.de

Ian Anderson bringt das halbfiktionale Multimedia-Spektakel über den Agrarwissenschaftler Jethro Tull vor seiner treuen Anhängerschaft auf die Bretter des Mannheimer Rosengartens und transportiert damit die Musik seiner legendären Band auf ein neues Level, jedoch nicht ohne erkennbare Risse im Fundament.

Ian Anderson ist nicht nur seit fast 50 Jahren ein Meister auf der Querflöte sowie begnadeter Musiker und Komponist, nein, er hat sich auch schon immer zusätzlich für die geopolitischen und landwirtschaftlichen Probleme der modernen Zivilisation interessiert.

Ein naheliegendes Thema

Noch beinahe zufällig wurde der englische Pionier der Agrarwissenschaften Jethro Tull (1674-1741) Namensgeber seiner Band. In den späten 1970er Jahren bewegte sich Ian Anderson aber stets am Puls der Zeit.

Das betraf insbesondere die Ängste und Sorgen bezüglich der damals nahenden Jahrtausendwende (z. B. in "Dark Ages") und der drohenden Überbevölkerung. Als Landwirt und Lachszüchter war er selbst Unternehmer und betonte in seinen Liedtexten immer wieder den hohen Stellenwert der Natur sowie der Pflanzen- und Tierwelt.

Ein Ian Anderson-Projekt

Die Band Jethro Tull hat sich in den letzten 10 Jahren immer mehr zu einem Ian Anderson-Projekt mit Begleitung entwickelt.

Zwei sehr gute Studioproduktionen 2012 und 2014 sowie die hervorragende Bearbeitung alter Jethro Tull Alben durch Steven Wilson halten das Interesse am 69-jährigen Urgestein der britischen Blues-, Folk- und Progressiv-Ära auch in Deutschland hoch.

Das Konzept

So ist auch an diesem Abend der Mannheimer Rosengarten, in dem Ian Anderson regelmäßig über Jahrzehnte zu Gast ist, wieder einmal fast ausverkauft. Das treue, in die Jahre gekommene Publikum wartet gespannt auf die neue Produktion.

2014 hatte Anderson die Idee eine Rock-Oper über den Namensgeber seiner alten Band auf die Bühne zu stellen. Diese beinhaltet neben den Bandklassikern mit Bezügen zum Leben und Wirken der historischen Person Jethro Tull auch fünf neue Songs, Gastsänger und Videoeinspielungen.

Die Umsetzung

Selbstironisch und mit dem für ihn typischen trockenen Humor hatte Anderson bereits im Vorfeld verlauten lassen, dass es sich bei diesem Vorhaben nur um einen Vorwand handeln würde, wieder einmal eine Best-Of Tournee zu spielen. Es werden Klassiker wie "Aqualung", die Folkmeisterwerke "Heavy Horses" und "Songs From The Wood" oder der frühe Blueskracher "A New Day Yesterday" durch das bereits seit 5 Jahren aktive Line-Up kompetent und druckvoll dargeboten. Die Show verzichtet gänzlich auf die stets eloquenten Zwischenansagen von Anderson und lockert ihr strenges Rock-Oper-Korsett zu keinem Zeitpunkt.

Die in Videoeinspielungen präsenten Gastsänger, allen voran der ausgebildete Theaterschauspieler Ryan O'Donnell und die Isländerin Unnur Birna Björnsdóttir sind die tragenden Figuren der Inszenierung. Die Einspielungen über die Videoprojektion zeigen das Leben und Wirken von Jethro Tull, der das Ernährungsproblem einer rasant wachsenden Weltbevölkerung lösen möchte. Generationskonflikte, genmanipuliertes Getreide, Politik und Pharmakonzerne sind nur einige der Irrungen und Wirrungen, die Ian Anderson in Form der Rock Oper thematisiert.

Contra Rock-Oper

Sicherlich als cleveres Konzept erdacht, geht die Rechnung von Ian Anderson nicht ganz auf. Die Stücke aus dem Tull-Katalog, jedes für sich ein musikalisches Highlight, wirken im Gesamtkontext eher inhomogen. Man vermisst etwas den "Flow" im Gesamtkonzept. Der Zuschauer weiß nicht, ob er der Storyline auf der Leinwand folgen soll oder doch lieber dem immer noch rüstigen Flötenspieler bei seinen gewohnt agilen Bühnenaktionen zuschauen möchte. Beides gleichzeitig erscheint unmöglich. Viele der alten Tull-Hits werden nun von der isländischen Sängerin getragen – ein Umstand, an den man sich erst einmal gewöhnen muss. Ausgestattet mit einer begnadeten Stimme verleiht sie z.B. dem vielumjubelten "Living In The Past" eine ganz andere Färbung.

Mit Ryan O'Donnell verhält es sich etwas anders, da er Anderson bereits seit "Thick As A Brick II" aus dem Jahre 2012 unterstützt. Er ist vornehmlich Schauspieler und "spielt" somit auftragsgemäß den Sänger. Die Videoeinspielungen transportieren die Geschichte nicht immer sofort nachvollziehbar und mit einem Überfluss an Informationen. Auch die Synchronisation von Video und Livemusik funktioniert zu Beginn der Show nicht vollständig.

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Pro Rock-Oper & Highlights

Es wirkt fast schon charmant und erinnert an die ungelenken Auftritte im Tommy-Musikfilm von Jack Nicholson und Oliver Reed, wie Bassist David Goodier den Vater von Jethro Tull gibt oder Keyboarder John O’Hara den Biologen im Labor. Ian Anderson selbst übernimmt natürlich die Rolle des Erzählers. Er tut auch seinen Anhängern einen großen Gefallen und packt selten gehörte Stücke wie "Back To The Family“ in das Programm.

Altfans sind gerührt, die Folkperlen "Jack-in-the-green" und vor allem "Weathercock" noch einmal von ihrem Idol dargeboten zu bekommen. Letzteres erhält in den Videoeinspielungen eine sehr gute Umsetzung, indem es den gealterten Anderson als lebenden Wetterhahn im sommerlichen Maisfeld zeigt.

"Wind-up" vom legendären 1971er Album "Aqualung" gerät zum frühen Höhepunkt des Sets und wird stürmisch dargeboten. Jethro Tull hatten hier perfekt das Laut/Leise-Spiel für sich entdeckt, bei dem ruhige akustische Passagen von lauten E-Gitarren konterkariert werden. Auch "Farm On The Freeway" vom 87er Comeback-Album "Crest Of A Knave" ist stimmig und stellt den Moment dar, als der Vater von Jethro Tull, zum Unwillen seines Sohnes, Äcker an den Staat verkauft, der darauf Autobahnen bauen will.

Die 5 neuen Songs

Ein wenig drängt sich der Eindruck auf, Anderson habe bei der Konzeption der Show noch kein komplettes Album vollendet gehabt und daher um die vorhandenen Songs das Best-Of Konzept entwickelt. Leider können von den neuen Stücken nur wirklich "Prosperous Pasture", mit Unnur Birna Björnsdóttir folkig-leicht umgesetzt und "The Turnstile Gate" mit eingängiger Melodie überzeugen.

"And The World Feeds Me" als 80s Midtempoballade funktioniert ebenfalls noch ganz gut, wohingegen "Fruits Of Frankefield" und "Stick, Twist, Bust" als klobige Rocker für Anderson-Verhältnisse relativ gewöhnlich ausfallen.

Stimmen und Lautstärken

Es ist leider auch durch das Gastsängerkonzept nicht zu kaschieren, dass Ian Anderson stimmlich keine volle Show mehr alleine tragen kann. Die Art und Weise wie er sich physisch quälen muss, um die letzten Töne herauszuholen, ist für den Zuschauer fast schon schmerzhaft nachzuempfinden. In der viertelstündigen Showpause ist dies Gesprächsthema bei nicht wenigen Fans.

Neben Flöte und Virtuosität der klassischen Siebzigerjahre-Besetzung war auch Andersons markante Stimme lange Zeit ein Erkennungszeichen der Band. Er selbst hat früh zugegeben, dass ihn seine Gesangsstimme sehr viel Kraft kosten werde, da sie völlig anders erzeugt würde als seine herkömmliche Sprechstimme. Rund 45 Jahre Dauertourneen haben nicht mehr heilbare Schäden hinterlassen.

Größe und Gelassenheit

Bereits 1992 gastierten Jethro Tull mit dem "A Little Light Music" Konzept akustisch im Rosengarten. Dies war und wäre immer noch eine passende Alternative, denn gerade in den ruhigen Konzertmomenten ("Cheap Day Return", "Jack-in-the-green"), wenn seine Stimme nicht gegen die kraftvolle, aber auch sehr laute Gitarre von Florian Ophale antreten muss, zeigt Anderson, dass er immer noch Gänsehaut-Momente fabrizieren kann.

"Requiem" vom virtuosen "Minstrel In The Gallery"-Album als Zugabe ist ebenfalls so ein Moment. Eine zärtliche "Totenmesse" zum Abschluss bei der Anderson vornehmlich zur akustischen Gitarre vom Band sich vom Publikum verabschiedet und dabei nochmal Teile des Instrumentalklassikers "Bourrée" anklingen lässt. Das hat wahre Größe und die Gelassenheit des fortgeschrittenen Alters.

Fazit

Nach zwei Stunden, einer eindeutig griffigeren zweiten Showhälfte und dem unausweichlichen "Locomotive Breath" verabschiedet sich Ian Anderson von den über 2.000 Zuschauern, die ihn trotz aller Fragezeichen im Gesamtkonzept der Show feiern.

Jethro Tull haben sich in ihrer Karriere gerade in Deutschland so viel Bewunderung erspielt, dass man es auch im Alter noch zu schätzen weiß, die liebgewonnen Konzertrituale mitzuerleben. Dennoch scheint auch hier ein Abschied auf Raten unausweichlich – oder doch "no way to slow down"?

Setlist

Heavy Horses / Wind-Up / Aqualung / With You There to Help Me / Back to the Family / Farm on the Freeway / Prosperous Pasture / Fruits of Frankenfield / Songs From the Wood // And the World Feeds Me / Living in the Past / Jack-in-the-Green / The Witch's Promise / Weathercock / Stick, Twist, Bust / Cheap Day Return / A New Day Yesterday / The Turnstile Gate / Locomotive Breath / Requiem and Fugue

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