Die Heiterkeit (2016)

Die Heiterkeit (2016) © Malte HM Spindler

Im Rahmen des Prêt à écouter Festivals des Karlstorbahnhofs gastiert die Indie-Band "Die Heiterkeit" in Heidelberg und hinterlässt neben schweigsamen Charisma vor allem eine große Anzahl kleiner Pop-Noir Juwelen.

2010 in Hamburg gegründet, legten Die Heiterkeit im Juni 2016, nach "Herz aus Gold" 2013 und "Monterey" 2014 bereits ihren dritten Longplayer vor. "Pop & Tod I + II" ist nicht weniger als das obligatorische, große Doppelalbum, ohne das keine namhafte Popband seit den Beatles ausgekommen wäre.

Das von Moses Schneider produzierte Album schlägt schon im Titel den allumfassenden Bogen und zeigt das neu formierte Team um Mastermind Stella Sommer in absoluter Hochform. Das Feuilleton überschlug sich bereits mit Namensfindungen für die 20 düster-romantischen Kleinode: Deathpop, Chanson Noir, Indieglam.

We are band & sound

In der Tat stellte die Band in Heidelberg ihre rasante musikalische Entwicklung in einem einstündigen Kurzauftritt vor intimem Publikum im Karlstorbahnhof eindrucksvoll unter Beweis. Differenzierter als beim Lo-Fi Geschrammel™ der ersten beiden Platten steigt das Quartett mit "Die Kälte" vom neuen Album verheißungsvoll ein. Stella Sommer unterstützt dabei Sonja Deffner an den Roland-Keyboards und man erhält den Eindruck, einem Mittsiebziger Konzert von Kraftwerk oder Cluster beizuwohnen.

Warmer Analogsound und mehrstimmiger Frauengesang – ein starker Auftakt! Im Folgenden spielt die Band den Großteil ihres Doppelalbums. Stücke wie "Weiße Elster", "Panama City" oder "Betrüge mich gut" sind eingängig, funkelnd und verheißungsvoll.

Frontfrau by nature

Dabei ist es natürlich vornehmlich die Stimme von Stella Sommer, die dem ganzen Vorhaben seinen besonderen Reiz verleiht. Nur scheinbar gelangweilt und beiläufig phrasiert sie die Songs großartig im Stil von Nico oder Ingrid Caven ("Die großen weißen Vögel") und wirkt dabei abgeklärt wie eine alte Chanson-Diva.

Bei "Haben die Kids" fühlt man sich nicht zum ersten Mal an die frühen Tocotronic erinnert, als deren entwaffnendes Sloganeering noch für Stirnrunzeln sorgte. Ist das schon Meinung oder noch clevere Provokation? Auch Stella Sommer beherrscht diesen schmalen Grat in ihren Texten meisterlich und untermauert den Zwiespalt noch zusätzlich durch ihre präsente, aber doch distanzierte Aura.

Große Vorbilder und elegantes Finale

Den romantischen, dunkel-schimmernden Popperlen tut dies keinen Abbruch und das vorwiegend studentische Publikum erhält auch die Videohits von "Pop & Tod I + II" serviert: das Titelstück mit pfauenhaften Backing-Vocals, "Schlechte Vibes im Universum" und vor allem "Im Zwiespalt", bei der Hanitra Wagners (Oracles) Bass schön hüpft und pluckert.

"Dünnes Eis" orientiert sich an englischen Indie-Gitarrenbands mit Düsterkeyboards wie The Cure oder auch Killing Joke und bei "Komm mich besuchen" sägt Sommers Gitarre fast so dissonant wie bei den alten The Jesus & Mary Chain. Von den Vorgängerplatten gibt es den Publikumsliebling "Alles ist so neu und aufregend" und das rührende "Kapitän" als feine Zugabe.

Dabei legt Messer-Schlagzeuger Philipp Wulff eine Pause ein, der ansonsten den Sound der Grrrrlband souverän erdet. "The End“ beschließt wie am Anfang mit warmen Analog-Keyboard-Sound das Konzert und bildet einen treffenden Rahmen für eine beeindruckende, sehr kohärente Band, die unbeirrt ihren Weg jenseits des Mainstreams weitergeht.

Setlist

Die Kälte / Betrüge mich gut / Weiße Elster / Alles ist so neu und aufregend / Panama City / Pop & Tod / Schlechte Vibes im Universum / Zwiespalt / Alle Menschen / Vergessen / Dünnes Eis / Das Ende der Nacht / Komm mich besuchen / Haben die Kids / Kapitän / Heiterkeit / The End

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