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Justin Bieber (live in Frankfurt, 2016) © Dominic Pencz

Justin Bieber hat es geschafft: Sieben Jahre nachdem er es mit gerade mal 15 Jahren zu Weltruhm brachte, füllt er die Hallen dieser Erde immer noch mit ambitionierten Pop-Shows und noch ambitionierteren Fans. Den Fokus legt er dabei auf das Hier und Jetzt.

Der Teen-Star und seine Fans sind eine einfache Zielscheibe. Justin Bieber dürfte in seiner Karriere ähnlich viele Polemiken gesammelt haben wie Plattenverkäufe.

Sie reichen vom YouTube-Kommentar bis zur Konzertkritik in der Süddeutschen, in der der Song, den Bieber auf Akustikgitarre spielt, zum Highlight erklärt wird, einfach weil er da Gitarre spielt. Talent, so die ewiggestrige Logik, ist nur zu erkennen, wenn ein "echtes" Instrument zu hören ist.

Euphorie bevor der Vorhang fällt

Ja, die Professionellen, sie nehmen dieses leichte Ziel einfach zu gerne wahr. Man kann die Analyse zurückfahren und einfach spotten. Auf das Publikum wird herabgeblickt, die kreischen ja eh nur in Richtung eines beliebigen Produktes, das ihnen die Industrie vorgesetzt hat, als wäre die eigene Lieblings-Rock- oder Indie-Band kein Teil der selbigen. Und als hätten kreischende Teenies nicht den kulturellen Impact der Beatles und damit entscheidende Weichenstellungen der Popkultur überhaupt erst möglich gemacht.

Klar: Es ist auch verrückt, was auf so einem Konzert abgeht. Als ich nach einer guten Stunde Schlangestehen endlich in die Halle komme, wird das Geschrei plötzlich laut. Ich schlussfolgere, dass ich es pünktlich zum Showstart geschafft haben muss, aber nein: Bieber war gerade nur auf den Leinwänden zu sehen. Als zehn Minuten später die echte Version aus Fleisch und Blut auf der Bühne erscheint, ist die Euphorie dementsprechend umso größer.

Herzblut für den Weltstar

Das ist eigentlich das Signal, um mit den Augen zu rollen, doch meine Augäpfel tun meiner Coolness den Gefallen nicht. Stattdessen finde ich die Euphorie zwar nicht ansteckend, aber angenehm. Denn sie ist etwas, das Pop-Konzerte dem Gros der Indie-Konzerte voraus haben: Ich mag Künstler wie Yo La Tengo oder St. Vincent, doch beiden würde etwas mehr ausgelebte Begeisterung seitens ihres starr dastehenden Publikums gut tun. Geht man stattdessen zu Lady Gaga oder – ein paar Nummern kleiner – Marina & the Diamonds besteht kein Zweifel: Hier wird Herzblut ausgetauscht.

Als sich diese Gedanken legen, schweift mein Blick wieder gen Bühne. Das Bühnenbild ist eindrucksvoll, die Visuals im Hintergrund auch. Die Musiker sind am Bühnenrand positioniert, denn wie in den meisten modernen Pop-Shows liegt das Entertainment hier in der Inszenierung. Wohin diese Inszenierung dann zielt und wie sie funktioniert, ist wiederum das, woran man eine solche Show messen sollte.

Bieber, Bieber und nochmal Bieber

Bei Bieber ist die künstlerische Aussagekraft hinter der Ästhetik tatsächlich gering, einen derartigen Überbau, wie man ihn bei Gaga oder Beyoncé findet, gibt es nicht. Es gibt ein paar austauschbare Stichworte: zusammenkommen, man selbst sein, das Leben ist es wert. Ansonsten gibt es Bieber, Bieber und nochmal Bieber. Dieser Personenkult gehört zum Pop wie eingängige Melodien, Bieber wirkt allerdings etwas arg verkrampft dabei, obwohl er sich betont lässig gibt.

Zu Beginn eines Songs richtet sich die Kamera auf den Star, auf der großen Leinwand hinter ihm erscheint er dem Publikum mit dem Rücken zugekehrt. Und er trinkt. Das ist ein Moment, den man normalerweise nicht auf die große Leinwand wirft, doch bei Bieber wird er Teil der Show, denn der banale Akt der Flüssigkeitszunahme steigert den Effekt, als er die Flasche absetzt und sich lässig umdreht. Ergebnis: Die Halle dreht durch. So simpel lassen sich Massen euphorisieren.

Zugänglich gibt sich Bieber nicht abgehoben – außer als er auf einem schwebenden Trampolin Saltos vollführt. Zusammen mit seiner Bad-Boy-Optik ergibt das ein "harte Schale, weicher Kern"-Image, das er gerne bedient, aber auch klar macht: Am Kern hat sich wenig geändert. In seinem Hit "Love Yourself" gibt es die Zeile "My mama don’t like you / and she likes everyone" – die Mutter als Bezugspunkt in einem Liebeslied (bzw. Break-up-Song), das ist schon unfreiwillig komisch, scheint aber zu resonieren: Einige Fans tragen die Zeile als T-Shirt-Slogan.

Das neue Album im Deluxe-Sound

Das aktuelle Album "Purpose" macht gut drei Viertel der Setlist aus, seine Teen-Star-Tage hingegen werden nahezu gänzlich ausgespart. Er spielt "Baby" und zwei Songs vom "Believe"-Album von 2012, doch der Rest der Show steht ganz im Zeichen der Gegenwart. Justin 2.0 eben, außen cool und innen süß statt einfach nur süß. Das Album selbst ist dabei sogar überraschend zurückgenommen produzierter Electropop ohne wüstes EDM-Gekloppe, eine solide Angelegenheit und tatsächlich ein Schritt nach vorne.

Die Albumversionen könnten mit der pompösen Show allerdings kaum mithalten, dementsprechend werden sie live aufgeblasen. Diese Dicke-Hose-Parts sind neben den Pathos-Balladen wie "Purpose" und "Children" hart an der Fremdscham-Grenze. Sie führen sogar zu völlig unironisch inszenierten Rockismen wie einem viel zu langen Show-off-Solo des Gitarristen.

Bieber goes Metallica

Im Jahr 2016 scheint ein Pop-Konzert einen Slash-Moment ebenso zu brauchen wie Hip-Hop-Einlagen. Willkommen in der Postmoderne. Eine Szene ist in diesem Kontext allerdings so absurd, dass sie wieder gut ist: Bieber wird aus dem Bühnenboden hochgefahren, spielt ein minutenlanges Schlagzeugsolo und trägt dabei ein Metallica-Shirt. Einmal auf der Zunge zergehen lassen bitte.

Der große Hit des aktuellen Albums – "Sorry" – ist die einzige Zugabe des Abends, eine gute Pop-Nummer, nach wie vor. Das heimliche Highlight ist aber der Album-Track "The Feeling" mit Sängerin Halsey (per Leinwand). Obwohl er einer der ersten Songs war, bleibt mir die Melodie lange im Ohr und das dazugehörige Bühnenbild im Gedächtnis. Warum das keine Single war, wird mir ebenso ein Rätsel bleiben wie die Freudenausbrüche um mich herum.

Das Publikum ist übrigens näher an der 20 als an der 14 – viele sind also mit Bieber erwachsen geworden. Das weiß ich, weil Bieber selbst in einer Ansage fragt, wie alt die Leute seien und von 10 bis 29 jedes Jahr durchgeht. Ab 14 wird es laut, bis 20 steigert es sich, dann flaut es langsam wieder ab. Nach der 29 fragt er, ob da überhaupt noch jemand gerufen habe, und beschließt, es ab der 30 sein zu lassen. Ein kurzer Augenblick Selbstironie durchbricht die Oberfläche. Stand ihm eigentlich ganz gut.

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