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Besetzungwechsel hin oder her: Was Crystal Castles bei ihrem Auftritt im Frankfurter Zoom liefern, wirkt wie wenig mehr als visualisiertes Playback. Wenn sie überzeugen, dann nur aufgrund der noch immer starken Songs.

Natürlich definierten sich Crystal Castles schon immer vornehmlich durch aggressiven, irgendwie punkigen Elektro-Sound. Doch war ein herausragendes Element ihrer Liveshows auch immer die unberechenbare, selbstzerstörerische Art von Sängerin Alice Glass.

Die Erwartungen an ihre Nachfolgerin Edith Frances, die Glass' Platz übernahm, nachdem diese 2014 die Band verließ, sind also dementsprechend hoch.

Vibe O Negative

Als Frances gemeinsam mit Produzent Ethan Kath und dem Live-Drummer Christopher Chartrand inmitten von nervösen Strobos und dröhnenden Samples die Bühne betritt, wirkt sie zumindest optisch als perfekter Nachfolger von Glass. Mit zerzauster Frisur und Type O Negative-Shirt passt sie perfekt zu dem schwer zu beschreibenden Vibe dieser Band.

Crystal Castles drücken ab der ersten Sekunde ihres Sets aufs Gas: Die vornehmlich von ihrem letzten Album "Amnesty (I)" stammenden Songs lassen ihre Muskeln spielen. Kath serviert am Synthesizer vor allem krachende Bässe, Frances tanzt wie ein Derwisch im grellen Licht der sich nie beruhigenden Strobos und bespritzt das Publikum immer mal wieder mit Wasser. 

Kalkül und Routine

Doch mischt sich dieser vordergründig konfrontativen Performance nach ein paar Songs schnell ein fader Geschmack bei. Ohne Vergleiche zu Glass ziehen zu wollen: Die Show, die Edith Frances in Frankfurt abliefert, wirkt auch ganz für sich betrachtet nicht wirklich energiegeladen, sondern eher kalkuliert und – leider – auch lustlos. 

Dieser Eindruck gilt gleichermaßen für Ethan Kath. Dieser hebt kaum den Blick vom Synthesizer, spielt sich im Eiltempo durch die Setlist. Lediglich der Drummer sorgt mit seinem Spiel für ein wenig Dynamik auf der Bühne. Was von ihm jedoch letztlich beim Publikum ankommt, ist ein schwer zuzuordnender Mischmasch aus realen Hi-Hats und alles übertönenden, vorprogrammierten Beats.

Beyond (a)live

Das ist wohl der schwerwiegendste Kritkpunkt an der Show von Crystal Castles: Die einzelnen Musiker gehen so sehr hinter ihrer Soundwand unter, dass sich die Frage stellt, ob da wirklich eine Band spielt. Die Songreihenfolge, die Interludes, alles ist festgelegt, es gibt keinen Raum für Spontaneität. Neben den (schwer zu hörenden) Drums deutet einzig die Stimme Frances' gelegentlich an, dass hier tatsächlich echte Menschen spielen. 

Doch wenn sie Mal nicht durch einen Vocoder oder von zahllosen Effekten verfremdet singt, dann klingt ihre Stimme dünn und nicht wirklich kraftvoll. Die vermeintliche Energie der Band kollabiert ganz schnell unter dem einengenden Korsett ihrer Konstruiertheit. 

Verschenktes Potential

Crystal Castles scheitern letztlich an ihrem eigenen Image. Der aggressive, treibende Sound deckt sich nicht mit einer so sterilen, emotionslosen Live-Show. Was die Band letztlich abliefert, sind kalkulierte Bilder, hinter denen sich nur wenig wirkliche Spielfreude zeigt. 

Ihr Auftritt ist so wenig mehr als Show, als visualisierte Playlist. Dass das Publikum an dieser trotzdem Spaß hat, liegt vor allem an den nach wie vor starken Songs, die gespielt werden. Gerade Klassiker wie "Crimewave", "Baptism" oder "Not In Love" funktionieren perfekt, wenn man die Band ausblendet und sich nur auf die Musik konzentriert. Einen Live-Auftritt hätte es dazu nicht gebraucht. 

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