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© Jamie Day Fleck

Mit der "Tunneleffekt"-Reihe beweist das Team von Enjoy Jazz, dass das Genre im Grunde keine Grenzen kennt. Auch John Kameel Farah zählt zu diesen Grenzgängern, wie er in der Jesuitenkirche Heidelberg unter Beweis stellt.

Die Jesuitenkirche Heidelberg kann auf eine bewegte Vergangenheit zurückblicken. Ursprünglich zur Rekatholisierung der calvinistisch-protestantischen Kurpfalz errichtet, diente der Kirchenbau unter anderem als Lazarett, aber auch als Lagerraum musste die Kirche schon herhalten. Dass hier einmal harte elektronische Klänge zu vernehmen sein werden, hat im 18. Jahrhundert aber wohl niemand erwartet.

Genau das geschieht aber beim Konzert von John Kameel Farah im Rahmen von Enjoy Jazz. Der kanadische Pianist war bereits 2014 zu Gast auf dem Festival und überzeugte durch eine Mischung aus postmodernem Jazz und Dubstep. Die Zuschauer sind gespannt, was diesmal kommt.

Konzert und Kommentar

Die Bänke der Kirche sind etwa zu einem Drittel gefüllt. Die Besucher sitzen aufgrund der frischen Temperaturen im Gemäuer eng beieinander. Mittig vor der Vierung ist ein Flügel aufgestellt, links und rechts daneben zwei Lautsprecher. Um kurz nach acht erscheint John Kameel Farah und tritt an das Instrument.

Bevor das Konzert aber tatsächlich beginnt, richtet der Künstler einige Worte ans Publikum, zunächst auf Deutsch, dann Englisch. Farah bedankt sich bei den Besuchern fürs Erscheinen, beim Team von Enjoy Jazz und nicht zuletzt beim Kantor der Jesuitenkirche, der das Konzert in dieser Räumlichkeit erst möglich gemacht hat. Außerdem erläutert er, dass viele seiner Stücke an eben diese Räumlichkeit und die ihr ganz eigene Akustik angepasst wurden. Wer die teils sehr basslastigen Lieder Farahs kennt, kann vermuten, dass dies eine Herausforderung war.

Ein dynamischer Künstler

Dann setzt sich Farah an den Flügel und greift in die Tasten. Er entlockt dem Instrument anfangs einige arabisch anmutende Töne – ein Motiv, das sich durch das gesamte Konzert ziehen wird. Nach und nach setzen Synthesizertöne und elektronische Spuren vom Laptop ein. Dann erfolgt ein erstes Staunen beim Publikum: Farah lässt die in die Looping-Station gespeisten Spuren weiterlaufen, steht auf und setzt sich an die kleine Orgel der Kirche.

Wieder spielt er Spuren, die sich mit den bereits laufenden verweben und ein neues Klangbild schaffen. Die Orgel wird elektronisch abgenommen und dann verzerrt über ein zweites, seitlich stehendes Lautsprecherpaar wiedergegeben. In der Höhe und Weite des Kirchenbaus verirren und verlieren sich die Klänge, nur um aus gänzlich ungeahnter Richtung wieder aufzutauchen.

Perspektivwechsel

Es folgt das gleiche Spiel. Farah lässt die Spuren weiterlaufen und bewegt sich zum Flügel. Im Duo mit seinem Phantom-Ich an der Orgel füllt der Kanadier die Halle bis in die letzte Ecke mit Klang und endet dann sein erstes Stück. Der Applaus setzt zunächst nur zögerlich ein, was aber nichts mit der Leistung Farahs zu tun hat.

Vielmehr ist es nicht so leicht zu erahnen, wann ein Stück endet. Farah lässt althergebrachte Liedstrukturen völlig hinter sich, variiert einzelne Motive in immer neuen Formen und Lautfarben, öffnet musikalische Horizonte. Als der Applaus also erschallt, geschieht dies zwar zögerlich, aber dann mit Begeisterung.

Aus der Tiefe des Raums

Zwischendurch berichtet Farah von seiner Inspiration. Er erzählt, einer der Freunde seines großen Bruders sei Astro-Physiker. Für ihn habe er schon früher einige Kosmos-Modell-Videos mit dem Piano begleitet und so eine gewisse Faszination für die Weiten des Alls entwickelt. So wie man in der Astrophysik lange davon ausgegangen ist, dass das Universum sich vom Urknall immer weiter ausdehnt, nur um dann wieder in sich zusammenzufallen, so dehne auch er sich mit jedem Konzert aus. Das muss man sich mal vorstellen: Da steht ein Elektro-Jazz-Künstler in einer von den Jesuiten gebauten Kirche und erzählt solche Dinge. Auch das hätten die Erbauer sich sicherlich nicht träumen lassen.

Der Raum als musikalisches Konzept ist aber genau das, was sich wie ein roter Faden durch das gesamte Konzert hindurch zieht. Die harten, lauten Bässe fegen wie Impulse, beinahe schon sichtbar über das Publikum hinweg und lassen Boden und Holzbänke erbeben, teils grollend-tief, teils knackig-verzerrt. Dann wieder folgen leise Klavierpassagen, die in dem großen Gemäuer zärtlich und verloren zugleich wirken, so etwa, als Farah ein Stück des britischen Komponisten William Byrd (1543-1623) zum Besten gibt. Man kann dem Kantor der Kirche gar nicht genug für diese Gelegenheit danken.

Alte Musik

Für sein letztes Stück geht Farah vom Flügel hinüber an die große Orgel der Kirche. Alles, was bisher erklang, erblasst vor diesem Instrument. Es bleibt dem Autor nichts anderes übrig, als Hesse zu zitieren, um dieser Darbietung gerecht zu werden: "Da, ein hoher starker Orgelton. Er füllt, anwachsend, den ungeheuren Raum, er wird selber zum Raume, umhüllt uns ganz. Er wächst und ruht aus, und andere Töne begleiten ihn und plötzlich stürzen sie alle in einem hastigen Davonfliehen in die Tiefe, beugen sich, beten an, trotzen auch und verharren gebändigt im harmonischen Baß."

Nach etwa neunzig Minuten endet die Darbietung des John Kameel Farah. Am Ende lässt sich nicht sicher sagen: War das Jazz? Oder progressive Klassik? Oder Elektronika? Man muss dieser Musik aber auch gar keinen Stempel aufrdücken, muss sie in keine Schublade stecken. Sie steht für sich selbst und ihren Zauber, dem Zuhörer völlig neue Klangwelten und Perspektiven auf Musik zu eröffnen. Das hat John Kameel Farah mit diesem Konzert ganz sicher geschafft. Die stehenden Ovationen hat er mehr als verdient.

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