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Get Well Soon (live in Mannheim, 2016) © Johannes Rehorst

Die neue Reihe NTM Pop am Nationaltheater Mannheim startete mit Konstantin Gropper alias Get Well Soon, der zeigt, dass er auch als Performer mit einem ausgewachsenen Orchester im Rücken eine gute Figur macht.

Symphonische Projekte sollen bei der neuen Reihe NTM Pop am Nationaltheater Mannheim künftig regelmäßig mit zeitgenössischer Popmusik korrespondieren und so einen Austausch zwischen den musikalischen Kulturen schaffen. 

Hohe Erwartungen

Was liegt näher als Konstantin Gropper aka Get Well Soon zur Premiere zu verpflichten. Schließlich greift der Kopf der Mannheimer Band bei seinen eigenwillig arrangierten Pop-Kleinodien häufig in die Vollen, was die orchestrale Untermalung betrifft. Manche Get-Well-Soon-Songs gleichen in ihrer Opulenz ausgeklügelten Kammerpop-Kompositionen.

Dass nun mit "Vexations" gerade das wohl sperrigste Werk im Katalog des Wahl-Mannheimers im Fokus der Premiere von NTM Pop stand, legte die Erwartungs-Messlatte noch ein ganzes Stück höher.

Gänsehaut und Tiefgang

Das 2010 erschienene Album setzt sich nicht nur inhaltlich mit dem philosophischen Konzept des Stoizismus auseinander, sondern setzt durch düstere Arrangements, ein ausgefallenes Instrumentarium und musikalische Zitate von Pergolesi bis Satie auch ein Ausrufezeichen in Sachen komplexer zeitgenössischer Popmusik.

Um es vorweg zu nehmen: Die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Was die beiden Hamburger Arrangeure Roman Vinuesa und Peter Häublein Gropper und dem Nationaltheater-Orchester auf den (Klang)Körper geschneidert haben, sorgt für Gänsehautattacken, Hörgenuss mit Tiefgang und am Ende für minutenlange Standing Ovations für die Protagonisten des Abends.

Auftakt mit Gezwitscher

Von Vogelgezwitscher begleitet eröffnen Dirigent Matthew Toogood und sein Orchester mit den zarten Streichpassagen und getragenen Flötenklängen der "Ouvertüre nach Nausea", dem Opener von "Vexations", Vorhang und Tür zum Abend. Zu "Seneca‘s Silence" betreten dann Konstantin Gropper und seine Schwester Verena das Parkett, um einen ersten Ausblick zu geben, auf das, was die kommenden anderthalb Stunden Sache sein wird: Eine komplett neue Erfahrung von Werk und Interpret.

Stimmlich stets sicher haucht, croont und singt sich Gropper durch den Abend, getragen von einem Klangkörper, der die Nuancen der Originalsongs wiedergibt, ohne dass es aufgesetzt klingt. Der Sopran seiner Schwester verlieh schon den ursprünglichen Versionen einen hohen Wiedererkennungswert, als gleichberechtigte Stimme verstärkt sich diese Wirkung nochmals.

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"5 Steps/7 Swords" markiert den ersten Höhepunkt von vielen weiteren: Die schon im Original vorhandenen Bläsersätze mutieren hier in Kombination mit Schlagwerk zu opulent ausufernden, morriconesken Klangexplosionen, das Spiel mit Dynamik und Lautstärke gerät zum Wechselbad der Eindrücke für den Zuhörer – ein langer Zwischenapplaus ist die Folge.

Zu "We Are Still" räumen die beiden Vokalisten das  Feld, um dem Orchester den ihm gebührenden Platz einzuräumen, um zu "A Voice In The Louvre" zurückzukommen. Hier greift Gropper zur Ukulele, auch sonst ist das Stück, das sich inhaltlich mit einer Episode aus dem Leben von Rainer Maria Rilke auseinandersetzt, durch den Einsatz perkussiver Elemente und Schlagwerk recht nahe an der Originalversion.

Poetik-Dozentur inklusive

Eine dunkle Zeit seines Lebens sei es wohl gewesen, meint Gropper heute, sechs Jahre später, zur Entstehungszeit von "Vexations". Überhaupt ist schon die Moderation des Wahl-Mannheimers als ein Highlight des Abends zu bezeichnen. "Halb Konzert, halb Proseminar", so schlimm, wie Gropper es formulierte, war’s dann aber doch nicht.

Vielmehr lieferte der Künstler selbst auf unterhaltsame Weise die Linernotes zum Abend, und so wie "Vexations" selbst ein Kompendium von Zitaten ist, zitierte er sich in seinen Ansagen durch die (Pop-)Kulturgeschichte, von Jerry Seinfeld bis Werner Herzog. Frei nach dessen Zitat "Es ist eine große Metapher – ich weiß nur nicht wofür" rätselt er über seine Motive für "That Love", geiselt in der Ansage zu "Aureate!" den Alarmismus eines Peter Sloterdijk und selbst die altehrwürdige Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross bekommt ihr Fett weg.

Gespenstisches Finale

Bei "Aureate!" – zu deutsch Vergoldet! wird abermals das ganze Klangspektrum des Orchesters ausgereizt. Wo zuvor bei "A Burial At Sea" noch das traurige Bild von Melvilles Kapitän Ahab in seinem nassen Grab mit dem monotonen Klang von Wassertropfen und einem gespenstischen, teils ohne Mikro gesungenen Outro beschworen wurde, regieren hier uneingeschränkt Bläser, Streicher und Pauken.

Wenn zum finalen "We are Ghosts" die Geister der Aufklärung, getrieben vom Stakkato der Streicher in einem bombastischen Schlussrefrain über die Bühne huschen und am Ende nur Nietzsches übermächtiges Diktum im Raum stehen bleibt, kann endgültig gesagt werden: Ein Ärgernis war dieser Abend sicher nicht.

Fazit: gelungener Auftakt

"Vexations" bleibt auch im neuen Gewand sicherlich das komplexeste Kapitel im Oeuvre von Get Well Soon. Das soll aber die grandiose Leistung der Protagonisten nicht schmälern, denn im neuen klassischen Outfit sitzt doch hier und da auch einiges stimmiger, zwickt manche Naht nicht mehr so sehr und trägt paradoxerweise nicht so auf.

Ein gelungenes Experiment und ein Auftakt nach Maß zu einer sicher spannenden Reihe mit jeder Menge Potential, an dem sich künftige Künstler messen müssen.

Setlist

Ouvertüre (Nach: Nausea) / Seneca’s Silence / We are Free / Red Nose Day / 5 Steps/7 Swords / We are Still … / A Voice in the Louvre / That love / A Burial At Sea / Aureate! / We Are ghosts / Zugabe: Teenage FBI

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