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Queensryche live beim Summer Breeze Open Air, 2016 © Andreas Defren

Im Rahmen ihrer aktuellen Europatour machen Queensrÿche im Aschaffenburger Colos-Saal mit einer Art "Greatest Hits"-Programm Halt. Ein an sich sehr positiver Gesamteindruck wird allerdings durch eine allzu kurze Spieldauer getrübt.

Es war einmal, vor geraumer Zeit, eine der wohl kreativeren Gruppen im Rock- und Metalbereich. Mehr als ein Jahrzehnt lang sorgte der Fünfer aus Seattle schon lange vor der Grunge-Ära mit extravaganten Werken für Aufsehen. Doch dann verlor sich diese Band zunehmend in musikalischer Orientierungslosigkeit und inneren Zwistigkeiten, bis 2012 schließlich der große Knall folgte und sich die einst so grandiosen Queensrÿche in zwei Lager teilten.

Nach der Trennung von Ursänger Geoff Tate legte die neue Besetzung mit den Gründungsmitgliedern Michael Wilton, Eddie Jackson und Scott Rockenfield eine fulminante Rückkehr zur alten, härteren Gangart hin. Auf die Europatournee zu "Condition: Hüman", dem zweiten Queensrÿche-Album in der Formation um den neuen Frontmann Todd La Torre und den ebenso frischen zweiten Gitarristen Parker Lundgren durfte man also äußerst gespannt sein.

Gemischtes Vorprogramm

Für ihren Auftritt im Aschaffenburger Colos-Saal haben sich die US-Amerikaner gleich zweifache Verstärkung mitgebracht. Den Anfang machen die italienischen Prog Metaller von Methodica, die etwa eine halbe Stunde lang das Publikum mit Stücken ihres aktuellen Longplayers "The Silence Of Wisdom" anheizen dürfen. Bisweilen gelingt das den Mannen vom südeuropäischen Stiefel auch ganz gut, obwohl das Dargebotene durch allzu viele genretypische Zutaten doch hier und da ein klein wenig die Originalität vermissen lässt.

Sehr viel rotziger präsentieren sich kurz darauf Archer Nation, die Queensrÿche vom amerikanischen Kontinent mit über den großen Teich gebracht haben. Das deutlich von Bands wie Motörhead und Guns 'N Roses beeinflusste Power Trio aus dem kalifornischen Santa Cruz geht sehr viel roher zu Werke als die fünf verspielteren Italiener vor ihnen. Ihr gut halbstündiges Thrash-Programm sorgt dafür, dass die Zuschauer in der mittlerweile gut gefüllten Halle langsam, aber sicher richtig auf Betriebstemperatur kommen.

Runderneuert

Zu guter Letzt betreten dann Queensrÿche die Bühne des Colos-Saals und legen gleich mit dem ersten Song ihres neuesten Albums "Condition: Hüman" los. "Guardian" demonstriert als Opener gleich, wozu die neue Formation imstande ist. Denn das Stück besitzt sämtliche Markenzeichen vergangener Zeiten und wirkt im Reigen der folgenden Klassiker "Operation: Mindcrime" und "Best I Can" keinesfalls fehl am Platz. Wilton und Lundgren zaubern feinste Gitarrenriffs aus ihren Streitäxten, während Rockenfield und Jackson einmal mehr ihre Klasse als Rhythmusgruppe herausstellen.

Die letzte Scheibe zeigt zugleich, dass der Besetzungswechsel auch jede Menge frischen Wind in die Band gebracht zu haben scheint. Queensrÿche sind mitsamt des früheren Crimson Glory-Sängers Todd La Torre zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, ohne dabei jedoch altbacken zu wirken. Sie haben sich vielmehr auf alte Stärken besonnen und nichtsdestotrotz gleichzeitig runderneuert. Der gelungene Spagat wurde auch von den Fans honoriert, die "Condition: Hüman" zum besten Queensrÿche-Chartergebnis seit beinahe zwei Jahrzehnten verhalfen.

Todd oder Tate?

Bei dem ganzen Hickhack der vergangenen Jahre um die womöglich wichtigste Position in der gesamte Band stellt sich natürlich die Frage, wer der geeignetere Mann hinter dem Mikrofon für die Truppe ist. So genial Ursänger Geoff Tate auch jahrelang den Gesangspart ausgefüllt hat, muss die Antwort aus heutiger Sicht eindeutig Todd La Torre heißen. Stimmlich gesehen ist er über jeden Zweifel erhaben. Er klingt beinahe so wie sein Vorgänger und meistert daher alle alten Klassiker mit Bravour. Viel wichtiger ist wahrscheinlich jedoch, dass er dem Rest von Queensrÿche spürbar guttut.  

Es hat fast den Anschein, als habe seine Präsenz die Gruppe aus dem lange andauernden Dornröschenschlaf befreit, in dem sich die Band seit dem Ausstieg von Gründungsmitglied und Hauptsongschreiber Chris DeGarmo Ende der 1990er streckenweise befunden hat. La Torre mag nicht wie der typische Märchenprinz aussehen, hat aber durch seinen Einstieg die Gruppe sprichwörtlich wachgeküsst. Vergessen sind die ganzen Streitigkeiten und die – vielleicht mit Ausnahme von “American Soldier“ – durchwachsenen bis grausamen letzten Alben der Tate-Periode.

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Es ist aus diesem Grund irgendwie auch nicht besonders überraschend, dass Queensrÿche so tun, als hätten die vergangenen knapp zwei Jahrzehnte nie existiert. Für Jackson, Rockenfield und Wilton mögen sie sich wie ein ausgedehnter Albtraum anfühlen, wie ein Schleier vor ihren Augen, der sich seit der bitteren Trennung von Tate gelöst hat. Folgerichtig ignorieren sie jedwedes Material zwischen ihrem letzten richtig erfolgreichen Album, dem schwermütigen, noch in Originalbesetzung aufgenommenen “Promised Land“, und ihrer aktuellen Platte.

Weitgehend gehen sie dabei in Aschaffenburg härter zur Sache. Die einzig wirklich ruhige Nummer des Sets bildet ihr wohl mit Abstand größer Hit, die von DeGarmo seinerzeit im Alleingang geschriebene Ballade "Silent Lucidity", an diesem Abend als willkommener Durchschnaufmoment zwischen "The Mission" und "Empire" eingebettet ist. Den Rest des Sets spielt die Band routiniert wie entspannt mit jeder Menge Spielfreude herunter, und La Torre gibt inmitten seiner Kollegen gesanglich eine wesentlich bessere Figur ab als dies Tate in der Endphase seiner Queensrÿche-Zeit tat.

Wie aus einem Guss

In punkto Performance gibt es am Headliner an diesem Abend wenig auszusetzen. Inzwischen leicht ergraut, groovt Eddie Jackson speziell bei “Jet City Woman“ und “Eye9“ noch immer tiefenentspannt wie zu seinen besten Zeiten und singt zudem noch die Harmonien, wenn benötigt. Zusammen mit Drummer Scott Rockenfield tickt "Edbass" weiterhin präzise wie ein sündhaft teurer Schweizer Chronometer und liefert ein extrem tightes Fundament, auf dem sich insbesondere der immer wieder für die Fans posierende Stammgitarrist Michael Wilton mit seiner Löwenmähne austoben darf.

Das Publikum nimmt all dies mit Begeisterung zur Kenntnis und freut sich auch über Stücke wie "Damaged", "The Killing Words" und "Empire", die eigentlich bei jedem Queensrÿche-Konzert obligatorisch sein sollten. Als die Band sich dann mit den Klassikern "Queen Of The Reich" und "Take Hold Of The Flame" an ihr Frühwerk wagt, kennt der Jubel keine Grenzen mehr. La Torre beweist hierbei erneut, dass er mehr als nur ein Ersatz ist. Vor allem die vielen hohen Passagen, einst das Markenzeichen von Tate, trifft er auf eine Weise, zu der sein Vorgänger wohl heute nicht mehr in der Lage sein dürfte.

Im Internet hört dich niemand schreien…

Mit dem Thema Maschinisierung und Virtualität befassen sich Queensrÿche schließlich, als sie nach gerade einmal einer Stunde Spielzeit mit dem stakkatoartigen "Screaming In Digital" bereits zu den Zugaben übergehen. Gesellschaftskritisch war die Band ohnehin immer, und genau drei Jahrzehnte nach der Veröffentlichung des brillanten Songs scheint zumindest ein Teil ihrer Prophezeiungen schon traurige und erschreckende Realität zugleich geworden zu sein. "Rage For Order" war als Album weit seiner Zeit voraus – wie weit, lässt sich stellenweise erst im 21. Jahrhundert erahnen.

"Eyes Of A Stranger", sowohl der krönende Abschluss des fantastischen ersten "Operation: Mindcrime"-Albums als auch das große Finale an diesem Abend in Aschaffenburg, steht einmal mehr sinnbildlich für die Entwicklung von Queensrÿche in den letzten Jahren. Zwischenzeitlich mussten sich die Bandmitglieder musikalisch wohl gefühlt haben, als ob sie jemand völlig anderen im Spiegel sehen würden. Es ist blanke Ironie, ja geradezu ein Hohn, dass ausgerechnet Tate als zeitweiser Tyrann, von dem sich die Gruppe befreien musste, der Vordenker hinter diesem Album und Stück war.

Wo Licht ist, ist auch Schatten…

Sicherlich ist das epische "Eyes Of A Stranger" eines der Highlights im Queensrÿche-Katalog. Der grenzenlose Jubel des Publikums am Ende des Stückes ist diesbezüglich auch absolut verständlich. Es ist aber etwas überraschend, dass das Publikum derart einhellig einer Meinung ist, obwohl die Gruppe aus Seattle nach nur 75 Minuten endgültig die Bühne verlässt. In dieser Hinsicht wäre einiges mehr drin gewesen, besonders, da die Band auf ihren US-Konzerten in den letzten Wochen mit "Anybody Listening?", "In This Light" und einem Schlagzeugsolo von Scott Rockenfield noch drei zusätzliche Nummern aufbot.

Musikalisch gesehen arbeiten Queensrÿche weiterhin wie eine gut geölte Maschine, angetrieben von einer famos eingespielten Rhythmusgruppe, einem jungen und einem alten Saitenhexer und einem neuen Frontmann, der nicht nur wie der alte klingen kann, sondern auch eigene Impulse setzt. Nach jahrelanger gefühlter Lethargie demonstrieren sie dies auch mit einer Art "Greatest Hits"-Set live wieder eindrucksvoll, so dass sich der Besuch ihrer Konzerte endlich wieder lohnt. Ein fader Beigeschmack bleibt aufgrund der doch allzu kurzen Spielzeit bei ihren Europaterminen dennoch.

Setlist

Guardian / Operation: Mindcrime / Best I Can / Damaged / The Killing Words / The Mission / Silent Lucidity / Empire / Eye9 / Queen Of The Reich / Jet City Woman / Take Hold Of The Flame // Screaming In Digital / Eyes Of A Stranger

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