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Private Selection feat. Jean-Francois Michel bei Worms: Jazz & Joy 2016 © Beatrix Mutschler

Nach einem furiosen Start am Freitag bieten Samstag und Sonntag bei Worms: Jazz & Joy 2016 zwei abwechlungsreiche Tage voller grandioser Musik - auf allen Bühnen!

Der Samstag bei Worms: Jazz & Joy sollte eigentlich an den tollen Start am Freitag anschließen. Zunächst verhindert das der Regen. Bis zum Abend regnet es so stark, dass David Maier, der künstlerische Leiter des Festivals, regelrecht niedergeschlagen ist.

Aber dann endet der Regen gegen 19:00 Uhr und die Zuschauer strömen in Massen in die Wormser Innenstadt, insgesamt 21.000 nach den Angaben der Veranstalter. Damit wurde der Rekord des Jahres 2013 fast erreicht. Kein Wunder, dass sich sowohl die Organisatoren als auch Oberbürgermeister Michael Kissel sehr zufrieden zeigen.

Vom Regen zur Sonne

Noch während des Regens spielen Heinz Sauer und Bob Degen auf dem Platz der Partnerschaft. Die beiden Jazz-Veteranen bieten minimalistisch-ruhige, aber sehr intensive Musik, die umso besser wird, je länger man unter dem Regenschirm verweilt und dem Zusammenspiel von Saxophon und Klavier lauscht.

Kurze Zeit später auf dem Weckerlingplatz die Jazz-Funk-Band Mo' Blow auf ihrer Abschiedstour eines ihrer letzten Konzerte. Vom ersten Ton ist offensichtlich, dass die Musiker alle Platten von Herbie Hancocks Headhunters-Band besitzen und auswendig kennen. Wer diese Musik kennt, weiß, dass sie auf Dauer etwas gleichförmig wird. Mo' Blow werden hingegen im Verlauf des Konzerts funkiger und schneller, so dass die Stimmung auf dem Platz nicht sinkt, sondern ansteigt.

Blues-Rock und afrikanische Klänge

Auf dem Marktplatz tritt derweil Blues-Rocker Jesper Munk auf. Seine Musik ist fraglos qualitätvoll, aber der Funke springt noch nicht so recht über. Vielleicht ist der zu diesem Zeitpunkt recht leere Platz auch etwas zu groß für den jungen Musiker. Das genaue Gegenteil dieser Situation spielte sich kurz darauf auf dem Schlossplatz bei Moh! Kouyaté ab.

Der französische Musiker mit afrikanischen Wurzeln macht vorab einen zwanzigminütigen Soundcheck. Das zahlt sich aus. Der Klang der drei Gitarren ist glasklar. Unterstützt von einem Schlagzeug spielt Moh! Kouyaté begeisternden Afropop mit sehr viel Rock, Funk und Blues. Als Highlight angekündigt rechtfertigt er dieses Prädikat mit seinem Auftritt. Es drängen sich so viele Leute auf dem Schlossplatz, dass kaum ein Durchkommen ist.  

Highlights dichtgedrängt

Mit diesem Auftritt beginnt eine Reihe von Konzerten, die wohl zum Besten zählen, was es jemals bei Jazz & Joy zu hören gab. Den Anfang macht der US-amerikanische Jazzgitarrist Kurt Rosenwinkel, der sehr filigranen, aber auch sehr hörbaren modernen Jazz spielt. Die Zuschauer auf dem sehr gut gefüllten Platz der Partnerschaft sind angetan – die meisten bleiben bis zum Schluss.

Es folgt das Konzert von Mop Mop. Dahinter verbirgt sich Musiker und Komponist Andrea Benini, der eine Band um sich geschart hat, die an diesem Abend von Anthony Joseph und Gianluca Petrella unterstützt wird. Die sieben Musiker bieten tolle Klangfarben über einem dichten rhythmischen Fundament. Das ist vielleicht nicht unbedingt Musik zum ausgelassenen Abtanzen, aber sie ist geradezu sensationell gespielt und arrangiert – mehr "In A Silent Way" als "Headhunters".

Deutsch-Pop-Doppelpack

Für den Abschluss auf der Bühne vor der Jugendherberge sorgen Honig, die ihre sehnsüchtigen Texte mit viel Emotion vortragen. Namensgeber Stefan Honig ist nicht nur ein exzellenter Sänger, sondern auch ein hervorragender Songwriter, der einige echte Folk-Pop-Hymnen geschrieben hat. 

Sein Publikum gefunden hat Joris. Bei seinem Auftritt ist der Marktplatz so gut gefüllt wie sonst nur beim Sonderkonzert von The BossHoss am Freitag. Und Joris vermag zu überzeugen. Im Vergleich zu seinem Konzert von vor zwei Jahren damals an der Jugendherberge hat er enorm an Bühnenpräsenz gewonnen. Seine eigentlich introvertrierten, oft traurigen Songs wurden inzwischen passend für die große Bühne arrangiert. Das Publikum ist begeistert und bleibt während des gesamten Gigs zahlenmäßig relativ konstant.

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Am Sonntag regnet es nicht, aber die Sonne zeigt sich nur zögerlich. Das Festival kommt in Schwung durch The Necronautics vor der Jugendherberge. Ihr wilder Ritt durch phantasievolle Welten endet leider viel zu früh, weil der für den erkrankten Gitarristen eingesprungene Ersatzmann nicht das volle Programm spielen kann. Schade, davon hätten die zahlreichen Zuschauer gerne mehr gehört.

Musik zum Tanzen und Zuhören

Wer noch Lust auf flotte Tankmusik hatte, der war nebenan bei der Huggee Swing Band genau richtig. Auch wenn die meisten Zuschauer mehr dasitzen und lauschen, trifft diese Mischung aus Swing und Blues mit Coverhits wie "Sing, Sing, Sing" von Benny Goodman genau die entspannte Stimmung am Sonntagnachmittag.

Gleichsam angenehm und sehr ausgefeilt im Ohr sind die Klänge auf der Jazzbühne bei Sebastian Studnitzky. Sein "Memento - Orchestral Expierence" ist eine wohlklingende Harmonie aus zarten Streichern, die von Klavier, Kontrabass und Trompetenklängen sanft umspielt werden. Die Sitzplätze rundum sind alle besetzt, die Zuschauer spendieren Standing Ovations und auch hinterher hört man nur begeisterte Worte für diesen Auftritt.

Quer durch alle Genres

Für die Fans der rockigeren, handgemachten Musik spielt das Henrik Freischlader Trio auf dem Marktplatz. Die Blues-Rocker mit ihren harten, ausgefeilten Riffs sorgen für wippende Köpfe und eine stetig wachsende Zuschauerzahl. Ein weiterer Anziehungspunkt ist Big Daddy Wilson. Ähnlich wie bei Moh! Kouyaté am Samstag ist der Schlossplatz erneut viel zu eng für den Besucherandrang. Ohne die Bierzeltgarnituren direkt vor der Bühne hätten die Zuhörer sicher besser aufrücken können.

Der bullige Sänger an der großen Percussion wird flankiert von zwei Gitarristen und einem Schlagzeug. Seine tiefe, dunkle Stimme liefert authentischen Südstaatenblues und nebenbei auch noch Statements wie: "We need no Donald Trump, all we need is love". Für seine Musik erntet er viel Applaus und begeisterte Zwischenrufe. 

Von Folk bis Soul

Das komplette Gegenteil davon sind Mister and Mississippi aus den Niederlanden. Ihr sphärischer, harmonischer Gesang wird auf dem knallvollen Platz an der Jugendherberge von Einspielern wie Meeresrauschen untermalt. Dazu spielen sie Keyboard und Gitarren ein, die immer kleine Akzente setzen, ohne brachial in den Dreamsound einzubrechen.

Der schnelle Rhythmus des Souls wird dagegen am Weckerlingplatz geboten. Der englische Soulsänger Myles Sanko verbindet rhythmischen Soul mit zartem Schmelz in der Stimme. Die Begeisterung für seine Musik nimmt stetig zu. Mitte des Konzerts stehen zahlreiche vorher sitzende Zuschauer auf und gehen voll mit. 

Von Blues bis Jazz

Auf dem Marktplatz lauschen derweil die Hörer den Klängen und der Stimme von Andreas Kümmert. Der Sieger von The Voice of Germany ist ja bekanntlich nicht unumstritten. Aber in Worms liefert er mit kraftvoller Stimme ein Konzert mit emotionalem Tiefgang ab. Mit heulenden Gitarrenriffs zieht er immer mehr Zuschauer an und sein Blues-Rock kann durchaus überzeugen. Das Publikum ist jedenfalls begeistert.

Wer lieber Jazz hört, eilt zum Platz der Partnerschaft. Dort sind die Reihen zwar nicht mehr vollbesetzt, aber die Anwesenden lauschen dem serbischen Pianisten Bojan Z und seinem musikalischen Partner, dem französischen Saxophonisten Michel Portal. Ihre Musik beginnt etwas sperrig, steigert sich aber dann zu einem überaus gelungenen Zusammenspiel – wiederum Jazz auf hohem Niveau.

Ein immer noch unterschätztes Festival

Es ist erfreulich, dass die Zuschauer das fast durchgehend exzellente musikalische Niveau von Worms: Jazz & Joy 2016 zu schätzen wussten. Die letztjährige Besucherzahl wurde fast um 5.000 Zuschauer übertroffen, was aufmerksame Beobachter schon beim Gang über die Plätze erahnen konnten.

Festivalleiter David Maier und sein Team haben sich in diesem Jahr tatsächlich selbst übertroffen. Es ist schon eine Leistung, drei Tage fast nur Musik auf hohem Niveau zu bieten. Es bleibt nur noch zu hoffen, dass Jazz & Joy 2017 endlich mal bei durchgängig gutem Wetter stattfindet – dann vom 16. bis 18. Juni.

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