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Turbonegro (live auf den Weltturbojugendtagen Hamburg, 2016) © Johannes Rehorst

Auch 2016 erlebte Hamburg eine Party, wie es sie sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Die Weltturbojugendtage waren zur Stelle - und mit ihnen natürlich Turbonegro und Fans.

Uniformiertes Auftreten ist in Hamburg ja eigentlich der Staatsmacht, Bikern, Fußballfans oder Junggesell(-inn)en-Abschieden vorbehalten.

Einmal im Jahr ist das aber anders: Am letzten Wochenende im Juli fällt eine ganz besondere Spezies wie eine Horde Hunnen über die Hansestadt her: Sie trägt Matrosenmützen, Make-up und Jeanskutten und tritt meist im Rudel auf: Die Turbojünger sind los.

Turbo-Navy

Turbonegro sind Kult. Und zwar wortwörtlich. Um die Deathpunk-Väter hat sich in den beinahe 30 Jahren ihres Bestehens mit der Turbojugend eine Fanbewegung gebildet, wie man sie sonst nur von Kiss und der legendären Kiss-Army kennt.

Statt einer Army haben die Norweger eine Navy – die Turbojugend. Einmal im Jahr kommen hunderte Turbojugendlichen aus aller Welt – inzwischen gibt es über 2800 Chapter – dort zusammen, wo alles anfing: im Herz von St. Pauli.

Treffpunkt Schlemmereck

"Turbojugend St. Pauli welcomes all Denim Demons & Bad Mongos to Weltturbojugendtage". Das Schlemmereck mitten auf dem Hamburger Berg, wo sich der Sage nach die erste Turbojugend gründete, ist der Treffpunkt der Wahl. Ein großes Banner über der Tür zeigt den Kiezbesuchen, was Sache ist.

Bei "Godfather" Herbert trifft man sich auf ein Astra oder auf eine Fako – eine Fanta Korn, das bevorzugte Getränk der Kuttenträger. Stellenweise ist vor der Traditionskneipe kein Durchkommen mehr, es wird getrunken, geraucht und natürlich gesungen – denn eigentlich kommen die Dudes und Dudettes ja vor allem, um "ihre" Band zu feiern, und zwar ausgiebig. 

Drei Tage lang geht das Programm der inzwischen 12. Auflage der WTJT – vom Vorglüh-Abend im Indra am Donnerstag bis zum finalen Orgasmus am Samstag mit den Helden der Bewegung, die sich in diesem Jahr mal wieder höchstselbst die Ehre geben, verbringt die Turbofamilie die Zeit mit Livemusik und einem spaßigen Rahmenprogramm, das Grund genug bietet, sich einmal unters Volk zu mischen.

Tropische Temperaturen

Im ausverkauften Hamburger Grünspan herrschten am Freitagabend schon vor Beginn der Shows tropische Temperaturen, denn während draußen immer noch verzweifelte Zuspätkommer nach Karten fahnden, geht es drinnen schon heiß her.

Den freitäglichen Konzertringelpiez mit Anfassen eröffnen die Lokalmatadoren von Endseeker. Deren angenehm ranzig nach alter Schule duftender Death-Metal dürfte vor allem den Metallern unter den Turbojüngern zugesagt haben – fliegende Matten wurden jedenfalls einige gesichtet.

Nordlichter in Hitze

Der Großteil des Publikums hält sich zu diesem Zeitpunkt noch vor dem Club auf und stimmt sich auf die folgende Sauna-Session ein, die Mantar kurz darauf endgültig mit einem Aufguss direkt aus der Hölle eröffnen. Für das Zwei-Mann-Terrorkommando ist die Show quasi ein Heimspiel, denn obwohl Hanno und Erinc ihre Wurzeln eigentlich in Bremen haben, sind sie inzwischen Wahlhamburger – Hanseaten unter sich, quasi.

Gefangene macht das Duo sowieso nicht, auch wenn Hannos Stimme gegen Ende merklich den Geist aufgibt. Kein Wunder, denn was die Stimmbänder des schlaksigen Gitarristen knapp eine Stunde leisten müssen, steht dem körperlichen Hochleistungen seines Kompagnons am Drumset in nichts nach.

Statt zwei Musikern wähnt man stellenweise einen ausgewachsenen Panzer auf der Bühne. Spätestens als "Era Borealis" vom neuen Album durch die Boxen dröhnt, springt der Funken auch auf das Publikum über: "This is era Borealis – this is Death über alles!"

Bandwechsel

Bier und Schweiß fließen in Strömen und als wenig später Kvelertak die Bühne übernehmen, hat die Temperatur sicher längst die 40-Grad-Marke geknackt. Statt zwei stehen nun sechs völlig Bekloppte auf der Bühne und machen rasch klar, warum sie für die Turbojugendtage genau die Richtigen sind: Denn dass die Norweger den Namenspaten des Events mehr als nur freundschaftlich verbunden sind, hört man immer wieder, auch wenn der Sound des Sextetts natürlich eine deutlich fiesere Mixtur darstellt.

Mit reichlich Material vom brandneuen Album "Nattesferd", aber auch mit älteren Krachern im Gepäck fackeln die Jungs den Laden endgültig ab. Sänger Erlend Hjelvik keift, schwitzt und brüllt sich in Minimalbekleidung durchs Set, um dazwischen immer mal wieder ins Publikum abzutauchen. Das wiederum gleicht inzwischen dem Bodensatz eines Hexenkessels, als der letzte Akkord verhallt, strömt die Masse auf der Suche nach Sauerstoff raus auf die große Freiheit, um sich anschließend in der Nacht zu verlieren.

Im zweiten Teil: Der zweite Tag mit der Band, auf die alle gewartet haben.

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The Day After

Wer am Samstagmittag seinen Kater überwunden hat, hat noch Zeit genug für eine Minigolf-Partie, eine Runde Hamburger Dom oder einen Abstecher ans Millerntor, wo der FC St. Pauli mit einer standesgemäßen 1:2-Niederlage gegen den FC Sevilla die Saisonvorbereitung abschließt.

Derweil hat sich vor der altehrwürdigen Großen Freiheit 36 schon wieder ein ordentlicher Pulk versammelt, um den Countdown zum Finale einzuleiten: Mit den Turbo AC’s steht die erste von drei Bands recht pünktlich auf der Bühne und macht schnell klar, wo’s heute Abend lang geht. Standen Tags zuvor die härteren Bands im Fokus, regiert heute der Rock’n’Roll.

Ob benzingeschwängert und pomadenfrisiert, oder wie bei den Holländern von Peter Pan Speedrock mit einer ordentlichen Punkrock-Kante. Die Luftgitarrenspieler im Publikum laufen zu Hochform auf und langsam aber sicher erreicht auch der letzte vom Vortag Verkaterte wieder Betriebstemperatur.

"It’s Deathtime"

Dann ist er endlich da, der Moment, auf den sich sämtliche Anwesenden über Tage so gewissenhaft vorbereitet haben. It’s Deathtime! Mit "Hot for Nietzsche" entern Bassmatrose Happy Tom,  Gitarrengott Euroboy, Drummer Tommy Manboy, Tasten-Mann Haakon Marius und Gitarrist Rune Rebellion die Bühne.

Letzterer spielt das Konzert im Sitzen – ob er sein Bein im Suff verloren hat, wie Sänger Tony Sylvester zwischendurch erklärt, oder ob es einfach nur gebrochen ist, ist auch unwichtig. Skurrile Histörchen und verquere Ansagen gehören einfach zu einer Turbonegro-Show dazu.

Bigger than the Beatles?

So zum Beispiel auch diese: "Vor 50 Jahren kam eine unbekannte Band aus Liverpool nach Hamburg, um hier – an diesem Ort – für die Prostituierten und Seemänner Musik zu machen.

Vor 20 Jahren kam eine unbekannte Band aus Oslo auch nach Hamburg – auch an diesen Ort, um für die Prostituierten und Seemänner Musik zu machen – ratet mal, welche von beiden Bands es heute noch gibt", doziert Tony Sylvester, die Menge quittiert’s mit Applaus.

Jede Menge Jubiläen

Fünf Jahre ist es inzwischen her, dass der "Duke of Nothing" den Platz seines Vorgängers Hank von Helvete am Mikro eingenommen hat – seinen Einstand gab der Brite 2011 – logisch – auf den Weltturbojugendtagen. Was damals für einige Fans noch gewöhnungsbedüftig klang, kommt heute recht stimmig rüber. Zwar hat's der bullige Mann immer noch nicht so mit der Melodie, dafür passt sein heiseres Organ bestens zu den älteren Songs der Bandhistorie.

Da trifft es sich gut, dass "Ass Cobra", dieser Bastard aus Punk und Rock’n’Roll, in diesem Jahr ebenfalls die 20 voll macht. Grund genug für Happy Tom & Co., den Schwerpunkt auf diesen Meilenstein in der Banddiskografie zu legen – sehr zur Freude der Anwesenden natürlich, die jeden Song mitgrölen, als gäbe es kein Morgen mehr. Happy Tom sorgt für die Background-Chöre, Tony Sylvester flirtet in seiner Wald-meets-Sexarbeiter-Kluft mit der ersten Reihe und Knut "Euroboy" Schreiner macht klar, dass er auch 2016 noch zu den überragenden Vertretern der Gitarristenzunft zu rechnen ist.

Gekonnte Songauswahl

Gemeinsam mit der Menge ist man "Drenched in Blood", feiert in der "City of Satan" mit dem "Denim Demon" höchstpersönlich die "Age of Pamparius", bekommt etwas "Special Education" und vor lauter "Rock against Ass" entfährt so manchem hartgesottenen Turbojünger ein kräftiges "Fuck the World". Selbst der werte Verfasser muss irgendwann zugeben "I Got Erection".

Als sich die Väter der Bewegung nach gut anderthalb Stunden von der Bühne verabschieden, können die meisten es immer noch nicht fassen beziehungsweise lassen, tanzen eine Polonaise durch die Freiheit oder liegen sich zu Starship in den Armen. "We built this city on Rock'n'Roll" – in der Tat, heute ist Hamburg auf drei Akkorden, Sex & Drugs aufgebaut.

Und Schluss

Dann heißt es zurück ins Schlemmereck oder eben in eine Kiezkneipe der Wahl, um mit einem Astra oder einem Mexikaner das denkwürdige Wochenende noch etwas denkwürdiger zu machen.

Die ganz Harten feiern gleich durch bis Sonntag früh, um nach dem obligatorischen Gruppenfoto auf dem Fischmarkt an Ort und Stelle ihr Katerfrühstück einzunehmen. Und dann heißt es wieder 362 Tage warten – denn die nächsten Turbojugendtage kommen bestimmt.

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