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Blues Pills (live in Heidelberg, 2016) © Johannes Rehorst

In der gut gefüllten halle02 in Heidelberg unterstreichen Blues Pills ihren Status als neue Konsensband des Retro-Rocks und sorgen für fast so etwas wie Stadionatmosphäre im Club.

Das mit dem Retro-Rock ist so eine Sache. Die hohe Kunst in diesem Genre besteht darin, einem Musikstil, in dem eigentlich schon alles längst gesagt wurde, irgendwie doch noch einen eigenen Stempel aufzudrücken.

Eine Band, die das seit ihrer Gründung 2011 quasi mit links geschafft hat, auf dem schmalen Grat zwischen Hommage und Epigonentum zu wandeln, sind Blues Pills, die sich offensichtlich inzwischen vom Insider-Tipp zu einer Konsens-Band entwickelt haben.

Die neue Konsensband

Das macht sich auch bei dem Auftritt der inzwischen fünf Schweden aus Örebro am Dienstag in Heidelberg bemerkbar. Die halle 02 ist auch unter der Woche gut gefüllt, das Publikum bunt gemischt, vom Jugendlichen bis zum Mittsechziger ist alles vertreten, Kuttenträger, Hipster, Jung- und Althippies treffen sich zum Feierabenbier.

"Hallo Heidelberje" – mit ihrem sympathischem schwedischen Akzent hat Frontfrau Elin Larsson das Herz des Publikums schon gewonnen, bevor sie überhaupt einen Takt gesungen hatte. Sie sprachs, grinst, streift sich dezent die Ballerinas von den Füßen, um dann zusammen mit ihren Mitmusikern barfuß knappe 70 Minuten wie ein Derwisch über die Bühne zu wirbeln, zu springen und den Schellenkranz zu schütteln.

Was für eine Liveband

Ganz klar. Die Blues Pills sind eine Live-Band. Und was für eine. Da sitzt jeder Ton, jeder Schlag, die Bässe rollen ganz tief unten, die Gitarrenriffs atmen den Spirit der Heavy Seventies nicht nur, sondern machen ihn fast greifbar. Gitarren-Wunderkind Dorian Sorriaux zeigt einmal mehr, dass er zu den ganz großen Talenten an den sechs Saiten gehört. Er tut das auf eine Art und Weise, die mit bemerkenswert wenig Gepose auskommt, die ausufernden Soli fügen sich in den Gesamtsound ein.

Der wiederum kommt in der halle 02 druckvoll und ausgewogen beim Publikum an und das Organ von Elin Larsson – nun, darüber braucht man auch nicht viele Worte zu verlieren. Irgendwo zwischen der oft vergleichsweise bemühten Janis Joplin, Aretha Franklin und anderen Soul-Größen hat die Blondine ihre Nische gefunden, mit einer Stimmgewalt und einer Bühnenpräsenz, die den Begriff Frontfrau so gar nicht abgeschmackt klingen lässt, da er schlicht zutrifft. Hatte sie beim letzten von uns besuchten Konzert vor einem Jahr in Wiesbaden gesundheitsbedingt ganz passen müssen, stimmt in Heidelberg an diesem Tag alles. Mühelos wechselt der Gesang zwischen samtigem Soul und röhrendem Blues, zwischen Whiskey und Rotwein, leise und laut.

Zwischen Ekstase und Routine

Die Schattenseite solcher Professionalität liegt auf der Hand: Denn manchmal – aber wirklich nur manchmal – kommt das Gefühl auf, dass bei den Schweden inzwischen so etwas wie Routine eingekehrt ist, wenn auch auf hohem Niveau. Dabei sind die Blues Pills immer dann am besten, wenn sich die Musiker in ihren Songs verlieren, sich im Wechselspiel mit dem Zuhörer auf der Bühne in einen kollektiven Rausch spielen. Und so changiert der Auftritt auch stark zwischen Ekstase und Routine.

Dem Publikum wiederum ist das zum größten Teil herzlich egal, es wird gewippt, genickt und nicht nur in der ersten Reihe fliegen die Haare in alle Richtungen. Die Setlist ist gut gemischt und lässt mit dem Titeltrack sowie zwei weiteren brandneuen Songs erste, vielversprechende Ausblicke auf das kommende Album "Lady in Gold" erhaschen.

Ein Hauch Stadionatmosphäre

Wem der kürzlich veröffentlichte gleichnamige Opener dabei vorab etwas zu glattgebügelt erschien, der wurde in Heidelberg sicher überrascht, denn live ist der Song ein richtiger Knaller. Ohrwürmer wie Bliss oder Black Smoke sorgen bei den eingefleischten Fans dagegen sowieso für ein breites Grinsen und lange Beifallsbekundungen, die das Quintett auch zu einer kleinen Zugaberunde bewogen.

Die startet mit einem Cover. "We play this one for the third time. You might know this", erklärt Elin Larsson, bevor eine wirklich gelungene Version von Jefferson Airplanes "Somebody to Love" endgültig die Mitsingreflexe weckt. Und einen Killer wie "Devil Man" mit seinem Vocals-only-Intro als allerletzten Song zu bringen – Respekt. Noch immer sitzt da jeder Ton, wo er soll und die Zuhörer dürfen beim Refrain auch nochmal ran, so dass zum Finale beinahe etwas Stadionatmosphäre aufkommt.

Setlist

Intro / Black Smoke / Little Sun / Bliss / Astralplane / Lady in Gold / No Hope left for Me / Gypsy / Elements and Things / You gotta Try // Somebody to Love / Devil Man

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