Cat Power

Cat Power © Cat Power

In der gut gefüllten Centralstation eröffnete Cat Power die jährlichen Merck-Sommerperlen. Das Publikum hatte die Amerikanerin, die ohne Backing-Band solo auftritt, schnell auf ihrer Seite – nur die Künstlerin selbst scheint nicht sehr von sich überzeugt.

Wenn Cat Power zum Mikrofon greift, fühlt man sich schnell in ihren Bann gezogen. Ob Depressionen, Einsamkeit oder Alkoholismus: Furchtlos stoßen ihre Songs in Bereiche des Lebens vor, in denen wenig Licht zu finden ist.

Dazu passend ist die Bühne, von der aus Chan Marshall, so der eigentliche Name der Künstlerin, ihr Leid in den Saal singt, auch spärlich beleuchtet. Ihre Stimme bildet das einzige klar wahrnehmbare Element der Show.

It’s all in her voice

Das mag zum einen am knarzenden Gitarren-Amp gelegen haben, aber eben auch an der Stimme selbst, denn Chan Marshall ist eine hervorragende Sängerin. Ihre Stimme an sich klingt eigentlich naiv und unschuldig, doch wenn sie anfängt zu singen, bricht sie kompromisslos mit dieser Unschuld. In den Gegensätzen, die diesen Bruch möglich machen, verwirklichen sich die Abgründe, von denen sie singt, in musikalischer Weise. Die Atmosphäre, die sie so erzeugt, ist bedrückend und nahegehend.

In "Names" etwa, einem Song, der umso wirksamer ist, weil er im Songwriting auf sämtliche Twists und Kniffe verzichtet: "Her name was Naomi / Beautiful round face, so ashamed / Told me how to please a man / After school in the back of a bus / She was doing it every day / She was eleven years old". Das Leid nüchtern auf den Punkt gebracht. Den Text weiter ausschmücken, um ihn wirkungsvoller zu machen, muss Marshall nicht, denn das tut sie bereits mit ihrer Stimme.

Drei Medleys in anderthalb Stunden

Nachdem sie vorher mit Band unterwegs war, war der Auftritt in Darmstadt nun der zweite, den Cat Power komplett solo bestreitet: Zu Beginn ein paar Songs auf der Gitarre, dann einige mehr auf dem Klavier, danach zum Abschluss zurück zur Gitarre. Ihre Solo-Gigs besitzen einen improvisatorischen Charakter. Hat sie sich erst einmal hinter einem Instrument positioniert, geht ein Song schnörkellos in den nächsten über. Sie spielt mit den Arrangements, verändert Melodien, in manchen Fällen sogar so sehr, dass ein Fanfavorit wie "Metal Heart" nur noch am Text erkennbar ist.

Der Medley-Charakter, der so entsteht, sorgt für ein kurzweiliges Konzert, schade ist dabei vielleicht, dass ein wunderschöner längerer Song wie "Colors and the Kids" ("It must just be the colors and the kids that keep me alive") in seiner gekürzten, etwas schnelleren Variante (vermutlich um im Flow zu bleiben) etwas gehetzt wirkt, aber die meisten Songs verlieren dadurch nichts von ihrer düsteren Eleganz.

Das schlechte Gewissen einer guten Künstlerin

An einer Stelle tut sich Marshall schwer mit dem Übergang, sie findet die passende Tonart nicht – auch das ein Risiko solch einer schnelllebigen Show – und bricht den Song ab. Es ist der einzige auffällige "Fehler" (einen Verspieler kann man das schlecht nennen) der Show, doch bei weitem nicht die einzige Stelle, an der die Künstlerin sich entschuldigt.

"Sorry", sagt sie immer wieder mit schlechtem Gewissen und oft kann das Publikum gar nicht nachvollziehen, warum. Es reagiert mit lautem Applaus und gutem Zureden: "You sound great, Chan!". Die Künstlerin wird von ihrem Publikum aufgebaut – sicherlich kein seltenes Phänomen, doch selten ist es so direkt wahrnehmbar.

Kurzweilige Verunsicherung

Bevor sie von der Bühne geht, bedankt sich Chan Marshall genau dafür bei ihrem Publikum und schüttet kurz ihr Herz aus. Man merkt ihr an, dass es ihr damit sehr ernst ist. Bevor sie von der Bühne geht, sieht sie sich unsicher um. Es wirkt, als wolle sie überprüfen, ob sie noch eine Zugabe geben solle.

Schließlich verschwindet sie aber doch und das Saallicht geht an. Eine Zugabe gibt es keine mehr, doch noch ehe man sich beschweren kann, wie kurz das Konzert nun war, fällt einem auf, dass sie knappe anderthalb Stunden gespielt hat. Cat Power hat Darmstadt ein kurzweiliges Konzert beschert und entschuldigen muss sie sich wahrlich für nichts. 

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