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PJ Harvey (live in Berlin, 2016) © Markus Werner

Ihr einziges Detschlandkonzert 2016 führte PJ Harvey zum Citadel Music Festival in der Spandauer Zitadelle in Berlin, wo sie eindrucksvoll zeigte, warum sie zu den herausragenden Livekünstlerinnen unserer Zeit zählt.

Mehrere tausend Besucher drängen sich in der Zitadelle Spandau für den Auftritt von PJ Harvey. Keine Selbstverständlichkeit für eine Musikerin, die sich im Verlauf ihrer mehr als zwanzigjährigen Karriere fernab vom Mainstream positioniert hat.

An einem perfekten Sommerabend setzt PJ Harvey schon optisch einen Kontrapunkt. Sowohl sie als auch ihre Band sind komplett in schwarz gekleidet. Schon als die Band unter Pauken- und Trommelschlägen die Bühne betritt, wird klar, dass jeder einzelne Ton, jede Geste, jede Aktion an diesem Abend minutiös geplant sind.

Kein Boss, aber eine Chefin

Das ist auch notwendig, denn ihre große Band bedarf natürlich der Koordination. Um langjährige Mitstreiter wie John Parrish und Mick Harvey hat sie einen illustren Kreis herausragender Musiker geformt, deren Klasse an diesem Abend eine Geschichte für sich ist. Der Sound ist nahezu perfekt, ausgewogen und lässt die sensationellen Arrangements, die von Percussion, Bläsern und Gitarren getragen werden, hervorragend zur Geltung kommen.

Über allen thront PJ Harvey, die in kurzem schwarzen Rock über die Bühne tänzelt und mit genau getimten Bewegungen und Gesten die Musik untermalt. Ihr Gesang ist makellos, nie schrill, immer exakt der Musik angemessen. In jeder Sekunde ist klar, dass sie der Kopf dieses sensationellen Ensembles ist. An das Publikum richtet sie nur wenige Worte, aber diese spricht sie auf Deutsch.

Die verlorene Hoffnung

Im Mittelpunkt des Konzerts steht PJ Harveys aktuelles Album "The Hope Demolition Project", das sie an diesem Abend zur Gänze spielt. Man kann es als Nachfolger des genialen "Let England Shake" betrachten, wenngleich es nicht dessen thematische Geschlossenheit besitzt. Auch das Songwriting ist nicht ganz auf dem Niveau des Vorgängers.

Dieser Umstand ist auch im Konzert spürbar, besonders in den ersten fünf Songs, die allesamt vom neuen Album stammen. Während der Auftakt mit "Chain of Keys" und "The Ministry of Defense" eindrucksvoll gelingt, können die zwei folgenden Lieder dieses Niveau nicht halten. Das Publikum reagiert dementsprechend verhalten, bevor "A Line In The Sand" andeutet, dass der Durchhänger temporär war.

Auf höchstem Niveau

Die folgenden drei Songs von "Let England Shake" lösen mit ihrer emotionalen Eindringlichkeit aber sofort wieder großen Jubel der Zuschauer aus. Man kann sich der Krassheit der Bilder von Liedern wie "The Glorious Land" eben nicht entziehen. Angesichts der bevorstehenden Brexit-Abstimmung besitzen diese Lieder wiederum eine offenkundige Aktualität. Werden die Engländer sich sehenden Auges in den Abgrund stürzen?

Was das Konzert angeht, geht es von jetzt an nur bergauf. Unter zahlreichen Highlights ragen besonders "When Under Ether" (von "White Chalk") und "The Ministry Of Social Affairs" hervor. Als sie mit dem laut rockigen "50ft Queenie" und zwei Klassikern ihres Albums "To Bring You My Love" auf ihre 90er-Karriere zurückblickt, reagiert das Publikum mit Begeisterung. Nach dem gospelartigen "River Anacostia" folgen drei wunderbare Zugaben, unter denen sich mit "Working For The Man" ein weiterer Song von "To Bring You My Love" befindet.

Konsequente Umsetzung

PJ Harvey hat mit ihrem Konzert die Stärke ihrer künstlerischen Vision in geradezu glänzender Weise bekräftigt. Wo sonst erlebt man ein Ensemble aus derart brillanten Musikern, das über mehr als 90 Minuten perfekt harmoniert und die Musik der Engländerin in nahezu perfekter Weise präsentiert.  

Dass das kein Zufall ist, macht PJ Harvey zu jedem Zeitpunkt des Konzertes klar. Sie hat die Zügel fest in Hand, unterstreicht aber dadurch nur ihren künstlerischen Anspruch, mehr noch, ihre Einzigartigkeit als Musikerin. Man kann nur staunend den Hut vor ihr ziehen.

Setlist 

Chain of Keys / The Ministry of Defence / The Community of Hope / The Orange Monkey / A Line in the Sand / Let England Shake / The Words That Maketh Murder / The Glorious Land / Medicinals / When Under Ether / Dollar, Dollar / The Wheel / The Ministry of Social Affairs / 50ft Queenie / Down by the Water / To Bring You My Love / River Anacostia // Working for the Man / A Perfect Day Elise / Near the Memorials to Vietnam and Lincoln

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