In den letzten beiden Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts waren die alljährlichen Monsters Of Rock-Festivals eine echte Institution in der Rock- und Metalgemeinde. Was lag da also näher als den allerersten Headliner des Originals im englischen Castle Donington zurückzuholen, um die Veranstaltung wiederzubeleben, wenn Rainbow-Bandkopf Ritchie Blackmore nach langem Rückzug in akustische Renaissancegefilde scheinbar endlich wieder die Lust auf Hartes zurückgewonnen hat?

Als Unterstützung haben sich der legendäre ‘Man in Black‘ und seine neue Formation musikalische Unterstützung von Thin Lizzy und Manfred Mann’s Earth Band mitgebracht. Der Komiker Hans Werner Olm fungiert dabei als Anheizer und gelegentlicher Moderator zwischen den Bands. Im Gegensatz zu diversen anderen Festivals in diesem Sommer spielt das Wetter auf dem Festplatz am Viadukt in Bietigheim-Bissingen mit, als sich die Tore zum in malerischer Kulisse gelegenen Gelände öffnen.

Die Sonne lacht

Zwar hat der Regen der letzten Tage auf dem Terrain hier und da seine Spuren hinterlassen und die Wiesen zu leichten Schlammlandschaften mutieren lassen. Unter der Wolkendecke taucht jedoch immer wieder ein strahlend blauer Himmel hervor, der bei den bereits zahlreich erschienenen Zuschauern für allgemeine Erheiterung sorgt. So hat es dann auch Hans Werner Olm nicht allzu schwer, das Publikum sofort auf seine Seite zu ziehen, als er mit einer Mischung aus Musik und Comedy loslegt.

Einerseits gibt er den Blues-Klassiker “Hoochie Coochie Man“ mit whiskeygetränktem Organ zum Besten. Andererseits kann er es sich nicht verkneifen, mit Helene Fischer und Xavier Naidoo zwei bekannte deutschsprachige Acts aufs Korn zu nehmen und obendrein den Rentnern dieser Nation noch ein kleines Lied zu widmen. Später wird er dann seine vielleicht bekannteste Figur, die schroffe Ruhrpottfrau Luise Koschinsky aus seinen früheren Fernsehshows, auf die Bühne bringen.

Im Geiste Phil Lynotts

Den Anfang des eigentlichen Festivals machen schließlich am späten Nachmittag Thin Lizzy, die ein gut durchgemischtes Set mit zahlreichen Klassikern der Bandgeschichte präsentieren. Los geht es mit “Jailbreak“. Logischerweise dürfen aber Hits wie “The Boys Are Back In Town“ oder “Dancing In The Moonlight (It’s Caught Me In A Spotlight)“ ebenso wenig fehlen. Den Abschluss eines unterhaltsamen 75-Minuten-Programms bildet das durch Metallica zu Bekanntheit gelangte “Whiskey In The Jar“.

Natürlich sind Thin Lizzy in dieser Besetzung ohne ihren vor dreißig Jahren verstorbenen Leader Phil Lynott in gewissem Sinne nichts anderes als eine Coverband, allerdings eine sehr gute. Als neue Rhythmusgruppe bietet die aktuelle Besetzung Judas Priest-Drummer Scott Travis und den Aerosmith-Bassisten Tom Hamilton. Zudem ist mit dem Gitarristen Scott Gorham zumindest eine Figur dabei, die schon seit vier Jahrzehnten unter diesem Banner tätig war, einige Zeit lang auch gemeinsam mit Lynott.

An musikalischem Talent mangelt es also auch dem momentanen Lineup von Thin Lizzy nicht. Denn auch der zweite Saitenmann Damon Johnson verfügt über hinreichend Bühnenerfahrung, war er doch früher unter anderem bei Alice Cooper tätig. In Sänger Ricky Warwick hat die Band außerdem einen Frontmann gefunden, der Lynotts Stimme recht nahe kommt. Die Zuschauer sind von der Performance der Gruppe genauso angetan wie der sehr im Hintergrund agierende Keyboarder Darren Wharton.

Verspielt, aber ohne Verspieler

Nach einer kurzen Umbauphase mit Luise Koschinsky betreten dann Manfred Mann’s Earth Band die Bühne. Der südafrikanische Keyboarder und seine vier Mitstreiter tischen dem Publikum eine ganz andere Mischung auf als Thin Lizzy vor ihnen. Sänger Robert Hart ist über weite Strecken des Sets beschäftigungslos, weil das restliche Quartett lange, ausgedehnte Ausflüge in Richtung des progressiven, jazzlastigen Rocks mit ausufernden Instrumentalpassagen unternimmt.

Die Klassiker aus Manns langer Karriere, wie die beiden Bruce Springsteen-Covers “Blinded By The Light“ und “For You“ oder seinem einstigen Nr. 1-Hit “Mighty Quinn (Quinn The Eskimo)“ aus der Feder von Bob Dylan, sind dabei bloße Aufhänger, die Manfred Mann’s Earth Band geschickt dazu nutzen, ihr musikalisches Können und ihre Spielfreude zu demonstrieren. Als besonderes Schmankerl gibt es mittendrin noch ein vom Bandchef selbst angespieltes “Hit The Road Jack“ zu bewundern.

Alle Mitglieder der Band präsentieren sich an diesem Tag in guter Stimmung. Gitarrist Mick Rogers hat sichtlich Spaß dabei, seine Streitaxt immer wieder bis aufs Äußerste zu malträtieren und Bassist Steve Kinch groovt tiefenentspannt mit Drummer Jimmy Copley. Auch der ansonsten eher reservierte Mann wagt sich hinter seiner Keyboardburg hervor, nimmt die Keytar in die Hand und tanzt beim Solieren ausgelassen umher. Dass er mittlerweile 75 Lenzen zählt, merkt man ihm dabei in keiner Sekunde an.

Während Thin Lizzy stellvertretend für die feurige Hardrockseite von Rainbow stehen, lässt sich Manfred Mann’s Earth Band als die komplexere, progressivere Herangehensweise der Headline betrachten. Das bis auf die sehr spartanische Lightshow in jeder Hinsicht begeisternde Vorprogramm auf dem Festplatz am Viadukt ist daher die perfekte Einstimmung auf das Highlight des Abends, für das dann auch der gesamte Bühnenaufbau um einige Dimensionen spektakulärer ausfällt.

Vollgas ab der ersten Sekunde

Als dann das Abendlicht langsam über Bietigheim-Bissingen hereinbricht und das Tape-Intro endlich Rainbow ankündigen, sind die zahlreichen Fans im Publikum erst recht gespannt. Wie würde sich die von Ritchie Blackmore handgepickte neue Formation verkaufen? Bis auf Stratovarius-Keyboarder Jens Johansson ist über die verbliebenen Bandmitglieder bislang nur wenig bekannt. Besonders Sänger Ronnie Romero von Lords Of Black galt im Vorfeld als große Unbekannte in der neuen Rainbow-Besetzung.

Nachdem die Band die Bühne betreten und einige Takte lang “Over The Rainbow“ angestimmt hat, nimmt der ‘Man in Black‘ in seinem markanten Blackmore’s Night-Hut die Stratocaster und das Geschehen selbst in die Hand. Es folgt die erste große Überraschung des Abends. Rainbow beginnen nämlich nicht mit einem Song aus der eigenen Bandgeschichte, sondern mit “Highway Star“ von Deep Purple, einem Klassiker aus dem Repertoire der ersten großen Band in Blackmores illustrer Karriere.

Ronnie rules

Spätestens als Ronnie Romero die ersten Zeilen schmettert, erweisen sich sämtliche Bedenken über seine etwaigen stimmlichen Fähigkeiten als unbegründet. Scheinbar mühelos turnt er in den luftigen Höhen des jungen Ian Gillan herum, während Blackmore und die drei übrigen Musiker hinter ihm bereits von der ersten Sekunde an auf Hochtouren laufen. Das darauffolgende “Spotlight Kid“ aus Rainbows Joe Lynn Turner-Phase bereitet Romero und der Band ebenso wenig Schwierigkeiten.

Das dritte Stück des Abends ist dann einer der von Blackmore so heißgeliebten, ausgedehnten Bluesstücke. “Mistreated“, seinerzeit bei Deep Purple ursprünglich von David Coverdale eingesungen und später dank Rainbows von Ronnie James Dio hochemotional wiedergegebenen Live-Version auf “On Stage“ zu großer Popularität gelangt, bietet dem Gitarristen jede Menge Platz für seine berühmten atemberaubenden Künste als Solist. Auch dieser Herausforderung ist Romero mehr als gewachsen.

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Dio lebt weiter

Nach diesem ersten Ausflug in ruhigere, aber bewegende Regionen ist die Zeit für drei schnellere Nummern gekommen. Dazu greifen Blackmore und seinen Mannen ganz tief in die Rainbow-Kiste und zaubern mit “Sixteenth Century Greensleeves“ eine erste Änderung im Vergleich zu ihrem Auftritt auf der Loreley am vorherigen Abend hervor, die vom Publikum enthusiastisch aufgenommen wird. Das obligatorische “Since You Been Gone“, einst größter Hit der Band, darf natürlich nicht fehlen.

Den Abschluss im Reigen der kürzeren, schnelleren Stücke bildet “Man On A Silver Mountain“, und auch hierbei beweist Romero, dass er ein echter Ronnie ist, der sich den Job als Rainbow-Sänger redlich verdient hat. Er trifft jede einzelne Note und besitzt sowohl Stimmumfang als auch Stimmvolumen seines Vorgängers mit gleichem Vornamen, wenn vielleicht auch nicht das Charisma. Schließt man die Augen, hat man bisweilen das Gefühl, Dio würde leibhaftig vor einem stehen.

Das Stück dient gleichermaßen dazu, der 2010 verstorbenen Ur-Stimme der Band Tribut zu zollen. Denn Romero schreit mittendrin plötzlich, dass Ronnie Dio “the man on the mountain“ sei. Es scheint beinahe so, als hätte der früher ewig streitbare Blackmore mittlerweile seinen Frieden mit dem Sänger gemacht, der ihm nach seinem ersten Ausstieg bei Deep Purple einen zweiten kreativen Frühling bescherte und bewies, dass der Gitarrist auch ohne seine alte Stammband Großes vollbringen konnte.

Es wird klassisch

Nach diesem anstrengenden Pensum bekommt der neue Mann am Mikrofon seine erste Verschnaufpause. Es wird instrumental. Im Gewand von “Difficult To Cure“ frönen besonders Blackmore und der Schwede Jens Johansson an den Keyboards ihrer Vorliebe für Klassisches. Beginnt das längste Stück des Abends zunächst als fulminante Rockversion von Beethovens „Neunter Sinfonie“, so mutiert es bald zu einem Vehikel für die Solospots der übrigen Bandmitglieder.

Den Anfang macht Schlagzeuger David Keith, eigentlich bei Blackmore’s Night tätig, der etwa zwei Minuten lang auf seine Felle eindreschen darf, dass es nur so kracht. Anschließend zeigt der ansonsten eher unauffällige, aber grundsolide Bob Nouveau am Bass mithilfe des Drummers, dass er auch als Solist keine schlechte Figur macht. Johansson stimmt daraufhin an der Hammondorgel mit in den Reigen ein, während sich Blackmore ebenso wie Romero eine kleine Auszeit hinter der Bühne gönnt.

Der Schwede an den Tasten erhält dann auch den längsten Solospot des Abends, bei dem er minutenlang zwischen Kirchenorgel und Klavier hin- und herpendelt. Mit Johansson hat der Rainbow-Leader den absolut passenden Keyboarder für seine musikalische Ausrichtung gefunden, sind dessen finnische Hauptband Stratovarius doch bekennende große Fans von Blackmores bisherigem Schaffen und haben bereits Rainbows “Kill The King“ und “I Surrender“ als Coverversionen veröffentlicht.

Ein purpurfarbener Regenbogen

Zur Entspannung der Gemüter gibt es danach erst einmal die große Ballade des Abends, “Catch The Rainbow“ vom ersten Album der Band. Durch die Kombination aus der stimmungsvollen Performance der Band und dem überlebensgroßen LED-Regenbogen oberhalb der Bühne entsteht eine beinahe magische Atmosphäre, die auch die Zuschauer zum Schwelgen bringt. Das ein oder andere Mal huscht dabei selbst dem sonst eher stoischen und verbissenen ‘Man in Black’ ein zartes Lächeln übers Gesicht.

Anschließend befindet Romero, dass das Publikum und die Band ja mittlerweile keine Wildfremden mehr seien. Passend dazu stimmen Rainbow auf einer komplett in blau und pink gehüllten Bühne mit “Perfect Strangers“ das vielleicht beste Deep Purple-Stück der 1980er an. Beim Headliner des Abends passt alles. Kombiniert mit einem druckvollen, zugleich aber transparenten und nicht zu brachialen Sound unterstützt die stimmungsvolle Lightshow die durchweg grandiose Performance der Band.

Bombast pur

Danach wird es episch. Mit “Stargazer“ folgt das wahrscheinlich großartigste Stück des gesamten Rainbow-Katalogs und womöglich sogar der Rockgeschichte. Auch hierbei zeigt sich erneut, dass Blackmore mit Ronnie Romero einen kongenialen Partner für sein gesamtes bisheriges Hardrock-Repertoire gefunden hat. Er klingt wie ein junger, energiegeladener Mix aus Ronnie James Dio und Ian Gillan, den zwei eindeutig besten Sängern, mit denen der ‘Man in Black’ bislang zusammengearbeitet hat.

Die Performance der neuen Rainbow bei “Stargazer“ versetzt die Zuschauer in Staunen. Auch wenn sicherlich jeder der Anwesenden auf eine Aufführung des Stückes gehofft hatte, hatte wohl niemand damit gerechnet, eine derart geniale Version des Klassikers zu hören. Spätestens in diesem Moment dürfte jeder froh darüber sein, dass Blackmores Frau und sonstige musikalische Partnerin Candice Night als Backgroundsängerin vorübergehend wieder ins zweite Glied gerückt ist.

Abschließendes Feuerwerk

Als letztes Rainbow-Stück an diesem Abend gibt es “Long Live Rock 'n' Roll“, denn die Band möchte nicht nur musikalisch überzeugen, sondern auch eine Show bieten. Der Song ist geradezu prädestiniert dafür, bietet er doch einen Mitsingrefrain erster Güte. Während des improvisierten Mittelteils des Liedes signalisiert sogar Blackmore, der normalerweise das Geschehen lieber passiv betrachtet, den Fans per Handzeichen, dass er gerne mehr von ihren Stimmen hören möchte. Sein Wunsch wird erfüllt.

Das große Finale bildet dann ein Triumvirat aus Deep Purple-Klassikern. Mit “Child In Time“ gibt es zunächst die zweite große Bewährungsprobe für Ronnie Romero, muss er doch die hohen Schreie von Ian Gillan im Original imitieren, die selbst der Ur-Sänger seit nunmehr zwei Jahrzehnten nicht mehr hinbekommt. Die neue Rainbow-Besetzung überzeugt aber auch bei dieser Nummer restlos. Selten seit der Hochphase von Blackmores erster großer Band klang die epische Nummer live besser.

Wie zu erwarten, kommen zum Abschluss die vermutlich zwei bekanntesten Songs aus der langen Laufbahn des Mannes in schwarz. “Black Night“, eigentlich als kurze, knackige Single gedacht, wird dabei zu einer minutenlangen Mitsingorgie gestreckt, während das Publikum in Bietigheim-Bissingen ebenso heiser wie euphorisch bei dem abschließenden ewigen Klassiker “Smoke On The Water“ mit Romero zusammen jedes einzelne Wort aus voller Kehle in einer höllischen Lautstärke ertönen lässt.

Dass zum Ende der Show ein kurzes Feuerwerk über dem Gelände abgefeuert wird, erscheint nur folgerichtig, steht es doch sinnbildlich für die Leistung aller Beteiligten an diesem Tag, insbesondere die der neuen Rainbow. Die ersten Regentropfen, die während “Smoke On The Water“ auf die Zuschauer herabfallen, tun der Freude dabei keinen Abbruch. Das Wetter hat an diesem Tag genauso mitgespielt wie die drei Gruppen und die rundum überzeugende Organisation der Veranstaltung.

Für die Ewigkeit

Als Rainbow nach etwa zwei Stunden die Monsters Of Rock-Bühne verlassen, sind die Zuschauer, die an diesem Abend anwesend waren, um eine unglaubliche Erfahrung reicher. Ritchie Blackmore mag mit über siebzig vielleicht nicht mehr das Feuer vergangener Zeiten besitzen. Das Gitarrenspielen hat er dabei allerdings nicht verlernt, ebenso wenig wie er sein Händchen für großartige Musiker verloren hat. Mit diesen Auftritten hat er seinen Status als lebende Legende nur noch einmal mehr zementiert.

Zusammen mit den beiden Vorbands haben Rainbow eine eindrucksvolle Show für alle Fans von handgemachter Rockmusik aus den 1970er Jahren geboten. Als das Publikum das Gelände verlässt, sieht man allerorts lächelnde Gesichter. Für diejenigen, die das Spektakel verpasst haben, besteht aber noch Hoffnung. Denn auf dem Gelände befanden sich Kameras, die den gesamten Abend mitgeschnitten haben. Mit einer Live-Veröffentlichung darf also gerechnet werden.

Setlist

Highway Star / Spotlight Kid / Mistreated / Sixteenth Century Greensleaves / Since You Been Gone / Man On The Silver Mountain / Difficult To Cure / Catch The Rainbow / Perfect Strangers / Stargazer / Long Live Rock ‘n’ Roll / Child In Time / Black Night / Smoke On The Water

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