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Slayer (live auf dem Zeltfestival Rhein-Neckar in Mannheim, 2016) © Johannes Rehorst

Blasphemie ist ihr Ding: Mit dem grausam zugerichteten Jesus auf dem Cover ihres letzten Albums "Repentless" überraschten Slayer wohl niemandem mehr. Gut, aber ähnlich überraschungsfrei ist auch ihr Auftritt beim Zeltfestival Rhein-Neckar in Mannheim. Die Zuschauer im proppevollen Palastzelt kosten dennoch jeden Moment aus.

Die Kulisse des gerade zu Ende gegangenen Maifeld Derbys steht noch, die Getränkestände, die Bühnen und die Matschpfützen wirken vage bekannt – doch das Publikum hat sich verändert.

Wo man hinschaut sieht man lange Haare, schwarze T-Shirts und sehr, sehr viele Tattoos: Vorboten dessen, was an diesem schwülen Montagabend im Palastzelt passieren soll, denn als letztes Konzert im Rahmen des Zeltfestivals Rhein-Neckar stehen heute gleich zwei der sogenannten Big Four des Thrash Metal auf der Bühne im Palastzelt: Slayer und Anthrax

Shrine vor Glück

Bevor diese Bands jedoch die Bühne betreten, gibt es als erstes The Shrine zu sehen. Die Band kommt aus Venice Beach und macht schnellen, punkigen Stoner Rock. Stoner?, fragt man sich – und in der Tat ist es recht merkwürdig, diese Band im Vorprogramm zweier Thrash-Giganten zu sehen. 

Doch ob es nun stilistisch passt oder nicht, ein großer Teil des Publikums gibt auch dieser ersten Band eine Chance und wird nicht enttäuscht. Trotz der mit einer halben Stunde sehr knapp bemessenen Spielzeit schaffen The Shrine es, mit ihrer energiegeladenen und motivierten Show und dem treibenden Songwriting das Publikum zu überzeugen. 

State of Euphoria

Ein gewisser euphorischer Zustand im Publikum bleibt während der kurzen Umbaupause bestehen – so sehr, dass noch bevor Anthrax zu sehen sind, schon das Tape Intro "The Mob Rules" von einigen Fans lautstark mitgesungen wird. Als die Band dann schließlich die Bühne mit "Among the Living" betritt, wird der Gesang immer lauter, im Publikum bricht Bewegung aus. 

Die Stimmung (und Temperatur) im sonnenbeschienenen Palastzelt steigen während des Konzertes konstant, die offensichtliche gute Laune von Joey Belladonna, Scott Ian und Konsorten wirkt ansteckend. Egal ob bei "Madhouse", "Caught in a Mosh" oder dem begeistert aufgenommenen "Antisocial", die Fans singen jeden Song mit. Da bräuchte es die gelegentlichen Ermunterungen von Jetzt-wieder-Sänger Belladonna beinahe gar nicht.

Beer Pressure

Als Anthrax unter Jubel schließlich die Bühne verlassen, verteilt sich das Publikum im Eiltempo an den verschiedenen Bierständen, um sich noch ein bisschen mehr in Slayer-Laune zu trinken. Allerdings scheint der Bierdurst des durchschnittlichen Metallers nicht so recht in die Planung des Abends eingeflossen zu sein. So wirkt das Thekenpersonal heillos überfordert, und als mit "Thunderstruck" das Tape Intro von Slayer ertönt, verlassen viele Besucher die Theken genervt und ohne Bier. 

Schnell füllt sich der Raum vor der Bühne, während Paul Bostaph, der nun wieder statt Dave Lombardo an den Drums sitzt, für ein paar Takte die Bass-Drum des AC/DC-Songs mitspielt. Dann geht es auch schon sofort, ohne Umschweife oder Ansage, los. Mit "Repentless", dem Titelsong ihres letztjährigen Albums, eröffnen Slayer ihr Set und das Publikum ist gleich voll mir dabei.

Slayer!

Routiniert thrashen sich Slayer durch ihr Set. Ohne die Setlist durch lange Ansagen oder ähnliches zu unterbrechen, spielt die Band zuerst neueres Material, u.a. von "Repentless", "Christ Illusion" oder "God Hates Us All". Wenn Sänger und Bassist Tom Araya einmal zum Publikum spricht, so gehen die Ansagen beinahe unter in den "Slayer!"-Rufen, die scheinbar zu jedem Zeitpunkt aus dem Publikum tönen.

Im weiteren Verlauf des Konzerts kommen auch häufiger ältere Songs hinzu. Das Set steigert sich mit Klassikern wie "Dead Skin Mask" oder "Hell Awaits" erbarmungslos, um dann mit der (un-)heiligen Dreifaltigkeit der Slayer-Songs zu enden, ohne die das Konzert für die meisten Fans wohl eine Enttäuschung gewesen wäre: "Raining Blood", "South of Heaven" und "Angel of Death".

Hier brennt das Publikum endgültig, die Songs werden frenetisch mitgesungen und gefeiert, die sowieso schon spektakuläre Lichtshow taucht die Band in hektische, treibende Lichter. Bei "Angel of Death" fällt das bisherige Backdrop und macht Platz für ein Tribut-Banner an den vor 3 Jahren verstorbenen Gitarristen Jeff Hannemann. 

Trotz dieser eher traurigen Erinnerung ist die Atmosphäre perfekt. Das Publikum scheint nach "Raining Blood" nicht mehr aufhören wollen zu klatschen. Erst allmählich, als sicher ist, dass auch wirklich keine Zugabe mehr folgt, macht man sich dann widerwillig auf den Weg nach draußen.

Was die Fans wollen

Schlussendlich lässt sich sehr wenig an der Show von Slayer kritisieren: Technisch ist die Band tadellos, die Setlist ist durchdacht und bis zuletzt mitreißend. Die Band weiß, was sie tut. Doch ist dies gleichzeitig auch der wahrscheinlich größte Kritikpunkt, den man äußern kann: Der ganze Auftritt ist eine Gratwanderung zwischen tatsächlichem Spielspaß und reiner Routine.

Es gibt keine Überraschungen, keine Fehler, die die Band vielleicht ein bisschen menschlicher wirken lassen würde – es gibt "nur" genau die Show, die man von Slayer erwartet. Allerdings ist es eben auch genau diese Show, die die Fans sich wünschen – und diese verlassen das Palastzelt fast ausschließlich mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, sodass man das Konzert nur als Erfolg bezeichnen kann.

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