Paul McCartney (2015)

Paul McCartney (2015) © MaryMcCartney

73 Jahre alt und noch nicht müde: Paul McCartney ist eine lebende Pop-Legende. Im Rahmen seiner "One on One"-Tour präsentiert der Ex-Beatle einen üppigen Rückblick auf ein Lebenswerk, das die Pop- und Rock-Welt seit den Sechzigerjahren nicht nur begleitet, sondern entscheidend geprägt hat.

2016 ist ein bitteres Jahr für Musik-Fans. Das deutete sich schon Ende 2015 an, als mit Motörheads Lemmy Kilmister eine als unzerstörbar geltende Rock-Ikone von uns ging, David Bowie und Prince sind nur die bekanntesten Namen unter den Musikern, die ihm heuer folgten. Auch Beatles-Produzent George Martin verstarb vor einigen Monaten.

Unverändert spielfreudig

Vor diesem Hintergrund betrachtet, ist Paul McCartneys aktuelle Tour eine Wohltat. Zum ersten Mal seit fünf Jahren bietet sich die Gelegenheit, den Ex-Beatle in Deutschland live zu erleben. Gut 27.000 Menschen nahmen diese Chance zum Auftakt der Europa-Tour in Düsseldorf wahr.

Sie werden Zeuge eines Auftritts, dessen Protagonist immer noch voller Vitalität und Spielfreude steckt. Zu keiner Sekunde vermittelt Paul McCartney den Eindruck, er denke an den baldigen Ruhestand, einzig seine Stimme kommt manchmal an ihre Grenzen. Umso beeindruckender ist es, dass Paul und seine Band zweieinhalb Stunden auf der Bühne stehen.

Die Sechziger, Siebziger, Achtziger und heute

Eine Vorband gibt es nicht. Vor dem Auftritt wird stattdessen ein Mix aus Songs aus McCartneys Œuvre abgespielt. Der Großteil stammt von den Beatles, manche Versionen sind Remixe oder Cover. Als dazu unmittelbar vor Konzertbeginn auf den Bildschirmen neben der Bühne eine rotierende Säule projiziert wird, die das Publikum in Bildern und Videos im Pop-Art-Stil durch seine Karriere führt, wird der rote Faden des Abends klar: Eine Retrospektive durch 55 Jahre Popgeschichte, in deren Verlauf Paul seinen Hut auch vor seinen Mitstreitern ziehen wird.

Der Mix endet schließlich mit dem berühmten Schlussakkord von "A Day in the Life", gefolgt von einem "Abbey Road"-Sample: "And in the end the love that you take / is equal to the love you make". Dann betreten McCartney und seine Mitstreiter die Bühne und eröffnen ihr Set mit einem anderen berühmten Akkord, nämlich dem ersten von "A Hard Day’s Night", das dann auch als erster Song folgt. Danach geht es direkt weiter mit "Save Us" vom immer noch aktuellen Solo-Album "New" von 2013.

Gedenken an die Verstorbenen

Doch die Setlist ist kein reines Ping-Pong-Spiel zwischen Beatles-Tagen und aktuellem Solomaterial. Den Anspruch, sich nicht nur auf diese Phasen seines Schaffens reduzieren zu lassen, formuliert Paul etwa mit "„Temporary Secretary", einer elektronische Nummer vom 1980er "McCartney II"-Album und auch seine Post-Beatles-Band Wings ist mit einigen Songs vertreten. Nur die Neunziger- und Nullerjahre bleiben unberücksichtigt.

Dafür gibt es einen kurzen Ausflug in die Zeit vor den Beatles mit "In Spite of All the Danger", das McCartney, John Lennon und George Harrison noch unter dem Namen The Quarrymen aufnahmen. Seinen beiden verstorbenen Wegbegleitern widmet Paul jeweils einen Song: Für Lennon spielt er "Here Today", das er als Song über "das Gespräch, das wir nie hatten", ankündigt, Harrison wird mit dessen Komposition "Something" geehrt. Schönes Detail des Tributs: Er beginnt den Song alleine auf der Ukulele, einem Lieblingsinstrument Harrisons. "Love Me Do" widmete er George Martin, "Maybe I’m Amazed" Linda McCartney.

Rock-Klischees mit Augenzwinkern

Ein Großteil der Songs wird auf der Leinwand hinter der Bühne von Visualisierungen begleitet, bei den jeweiligen Tribut-Nummern etwa mit Bildern von Harrison und Lennon, bei "FourFiveSeconds" sind es welche von Rihanna und Kanye West, mit denen McCartney für den Song kollaborierte. "Being for the Benefit of Mr. Kite!" wird so bunt illustriert, wie es das Cover von "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" bereits vorgibt, bei "Blackbird" ergibt sich ein Kontrast zur sparsamen Instrumentierung durch das opulente Bühnenbild, das einen einsamen Baum in einer träumerischen Naturlandschaft zeigt, in die McCartney während des Stücks langsam emporgehoben wird.

Dass dieser Effekt gelingt, ist der wirklich gelungenen Ästhetik dieses Bildes geschuldet. Anders sieht es beim Wings-Song "Live and Let Die" aus. Hier gibt es das ganze Programm: Flammen schießen in die Höhe, Feuerwerke werden gezündet, für ein paar Minuten bewegt sich McCartney haarscharf an der Kante zur klischeehaften Stadion-Rock-Show, in der die effektreiche Inszenierung zum unnötigen Selbstzweck wird. Doch dank seines Humors kriegt er nochmal die Kurve. Nach dem finalen Knall taumelt er wie benommen über die Bühne und tut so, als habe er einen Gehörsturz erlitten. Mit einem Augenzwinkern entkommt Paul der Peinlichkeit.

I believe in yesterday

McCartney ist eben in erster Linie ein Sympathieträger, der allen Grund der Welt hätte, sich selbst auf einen Thron zu erheben, aber lieber lockere Späßchen treibt. Den Abend über versucht er sich auch immer wieder am Deutschen, erinnert sich daran, wie er und Harrison die einzigen in Hamburg waren, die sich Essen bestellen konnten und rezitiert Zeilen, die er in der Schule gelernt hatte. Das ist natürlich etwas kalkuliert, wirkt in seiner Funktion als Running Gag aber durchaus als auflockerndes Gegenstück zur ausgefeilten Bühnenshow.

Der 32. Song schließlich beendet das reguläre Set: Bei "Hey Jude" singt das ganze Stadion. Den Zugabenblock eröffnet "Yesterday", dessen Zeile "I believe in yesterday" ein wenig wie ein Kommentar auf den nostalgischen Gehalt des Abends wirkt. Nach je einem weiteren Wings- und Beatles-Song ("Hi, Hi, Hi" und "Birthday") endet dieser mit den letzten drei Teilen des "Abbey Road"-Medleys, sodass der Auftritt mit der gleichen Zeile schließt, mit der er begonnen wurde. "Bis zum nächsten Mal!", verabschiedet sich McCartney und bekräftigt damit noch einmal, was er den ganzen Abend unter Beweis gestellt hat: Ans Aufhören denkt er noch lange nicht.

Setlist

A Hard Day's Night / Save Us / Can't Buy Me Love / Letting Go / Temporary Secretary / Let Me Roll It / I've Got a Feeling / My Valentine / Nineteen Hundred and Eighty-Five / Here, There and Everywhere / Maybe I'm Amazed / We Can Work It Out / In Spite of All the Danger / You Won't See Me / Love Me Do / And I Love Her / Blackbird / Here Today / Queenie Eye / New / The Fool on the Hill / Lady Madonna / FourFiveSeconds / Eleanor Rigby / Being for the Benefit of Mr. Kite! / Something / Ob-La-Di, Ob-La-Da / Band on the Run / Back in the U.S.S.R. / Let It Be / Live and Let Die / Hey Jude // Yesterday / Hi, Hi, Hi / Birthday / Golden Slumbers / Carry That Weight / The End

Alles zum Thema:

paul mccartney

Das könnte Sie auch interessieren