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Rock Legenden (live in Frankfurt 2016) © Rudi Brand

Mit einer durchweg hochklassigen Performance und sogar Überraschungsgästen im Gepäck überzeugen die drei ostdeutschen Rocklegenden Puhdys, City und Karat das Publikum in der Frankfurter Jahrhunderthalle restlos.

Vor zwei Jahren starteten die Puhdys, City und Karat ihr Projekt Rock Legenden, bei dem sie gemeinsam auf der Bühne stehen. Seitdem sind die drei vielleicht bekanntesten Bands aus der DDR womöglich gefragter denn je.

Im Rahmen dieses Projekts verschlägt es die fünfzehn Routiniers dann auch in die komplett bestuhlte Frankfurter Jahrhunderthalle, in der bereits 2400 aufgeregte Zuschauer auf sie warten.

Großer Auftakt

Gleich zu Beginn wird es direkt voll auf der Bühne. Vierzehn Mann liefern mit "Sternstunden" von den Puhdys einen packenden wie rockenden Auftakt in das groß angelegte Konzert. Nur City-Sänger Toni Krahl wird bei diesem fulminanten Start in den Abend schmerzlich vermisst, aber diese Tatsache geht in dem riesigen Getümmel bei vielen wohl unter.

Die restlichen Musiker machen diesen kleinen Malus jedoch mehr als wett und geben umgehend Vollgas. Den Anfang gelingt jedenfalls.

Viel Karat zum Start

Während City und ein Großteil der Puhdys danach ihre Plätze räumen, bleiben die fünf Mannen von Karat auf den Brettern, die die Welt bedeuten und liefern mit dem Klassiker "Der blaue Planet" einen passenden Übergang in ihr eigenes Set.

In dieser ersten Phase legt die Band um Gitarrist Bernd Römer mit "Jede Stunde" sofort ein weiteres Glanzstück ihrer Karriere nach, bevor es mit "Schwanenkönig" melancholisch zugleich wird. Karat demonstrieren von Beginn ihre Leidenschaft für epische, beinahe schon monumental angelegte Stücke.

Eine musikalische Reise

Dieser Leidenschaft frönt die Gruppe dann auch beim ersten absoluten Highlight des Abends, dem vielleicht größten Werk der ostdeutschen Rockmusik. Mit "Albatros" entführt das Berliner Quintett das Publikum unter Einsatz der Videoleinwand auf eine gigantische, mit Metaphern nur so gespickte Reise über die Meere.

Fühlt man sich beim Synthesizer-Intro noch in die Klangwelt von Jean Michel Jarre versetzt, so macht das etwa achtminütige Stück im weiteren Verlauf dem Namen klassischer Rock alle Ehre. Orchestraler, progressiver und imposanter geht es kaum.

Wie der Vater, so der Sohn

Mit dem an Krebs verstorbenen Sänger Herbert Dreilich verloren Karat Ende 2004 eines der größten Aushängeschilder des Ostrocks. Dennoch – und das ist ein Kompliment an die Qualität der Band – werden er und sein markantes Organ in der Jahrhunderthalle selten vermisst.

Dafür hat ihn sein Sohn Claudius in der vergangenen Dekade einfach zu gut ersetzt. Der Filius ist aufgrund der stimmlichen Ähnlichkeit ein mehr als adäquater Stellvertreter für seinen Vater. Auch in Frankfurt macht der jüngere Dreilich seine Sache mehr als ordentlich.

Die Halle tobt

Als darauf die in Ost wie West ähnlich berühmte Karat-Hymne "Über sieben Brücken musst du gehen" erklingt, hält es das Publikum schließlich nicht mehr auf seinen Plätzen. Die Zuschauer erheben sich und singen jede einzelne Note mit. Musik verbindet eben – und das war auch bereits vor dem Mauerfall so.

Das Lied sorgt ebenso wie die folgenden "Blumen aus Eis" und das überraschende Puhdys-Cover "Neue Wege gehen" mit freundlicher Unterstützung von einigen Mitgliedern der beiden weiteren Bands für Gänsehaut und stehende Ovationen.

City überrascht

Als sich nach einer kurzen Umbauphase dann City auf der Bühne zurückmelden, ist die Überraschung groß. Puhdys-Frontmann Dieter "Maschine" Birr steht mitten unter ihnen und richtet einige Worte in Richtung Publikum. Toni Krahl, der eigentliche Sänger der Band, liege mit einer Lungenentzündung im Bett und könne deshalb am heutigen Abend nicht mit von der Partie sein.

Da jedoch keiner den Fans zumuten wollte, das Konzert ohne City zu verfolgen, bestreitet die Gruppe ihren Teil mit Gästen. Den Klassiker "Amerika" singt dann zu Beginn auch folgerichtig Birr.

Kurzfristiger Ersatz

Danach betritt der erste überraschende Besucher die Bühne. Buchstäblich in letzter Sekunde hat die Berliner Band den früheren Karussell-Sänger Dirk Michaelis eingeflogen, weil er erst kürzlich gemeinsam mit ihnen unterwegs war.

Der graumelierte Mann setzt sich sogleich ans Klavier und stimmt zur leichten Verwunderung des Publikums die aus seiner eigenen Feder stammenden "Stilles Dorf" sowie die Karussell-Wendehymne "Als ich fortging" an. Obwohl das weniger City bedeutet, wird Michaelis, selbst eine lebende ostdeutsche Musiklegende, sehr wohlwollend aufgenommen.

Fremdes Liedgut

Es beschwert sich auch niemand, als der Ersatzsänger im Alleingang und völlig ohne instrumentale Begleitung "Wie ein Fischlein unterm Eis" anstimmt. Anschließend bedankt er sich bei den Zuschauern für die freundliche Begrüßung und die Toleranz, die es ihm, dem fast unvorbereiteten Gast, entgegenbringt.

Michaelis bleibt auch für den Rest des City-Sets auf der Bühne, die sich im Anschluss wieder mächtig füllt, weil Birr und die beiden Hochkaräter Claudius Dreilich und Bernd Römer zu den fünf übrigen Musikern stoßen.

Der Klassiker in unbekannter Form

Das große Finale des zweiten Teils der Rock Legenden ist dann auch das bereits sehnlichst erwartete "Am Fenster", dem sich an diesem Abend statt dem erkrankten Krahl gleich drei Sänger widmen. Star des Stückes bleibt aber seit jeher Georgi Gogow, der sich bei dem gesamtdeutschen Klassiker geradezu in einen Rausch fiedelt und beinahe zum Teufelsgeiger mutiert.

Diese zehn Minuten werden von den Rängen erneut frenetisch bejubelt. Schöner haben Reminiszenzen an Untergrundkonzerte und verrauchte Diskotheken vergangener Zeiten wohl auch selten geklungen.

Die Legende lebt (noch)

Ein weiteres Mal folgt ein kurzer Countdown, um den Übergang zu den Puhdys anzukündigen. In blauen Licht getaucht betreten die womöglich größten Helden der ostdeutschen Rockmusik zu "Leben ist kurz" die Bühne. Als direkt im Anschluss dann der erste Klassiker aus DDR-Zeiten folgt, kennt der Jubel sprichwörtlich keine Grenzen mehr.

Bei "Geh zu ihr" steht das Publikum bereits ab den ersten Akkorden, und man fragt sich, warum überhaupt auf Stühle zurückgegriffen wurde. Der Großteil des gesetzten Publikums macht nämlich keine Anstalten, diese Sitze wirklich zu nutzen.

Sentimentale Puhdys und übergroße Puppen

Bei "Kühle Lady" setzen die Puhdys erstmals ein Gimmick ein. Zwischen den Musikern wankt eine bestimmt fünf Meter große Gummipuppe quer über die Bühne und präsentiert den Zuschauern zu deren Belustigung ihren Stinkefinger. Danach werden Publikum wie Band bei "Es war schön" etwas sentimental, stellt diese Rock Legenden-Tour doch den Abschied der Puhdys dar.

Obwohl einige Mitglieder der Band schon über siebzig Lenze zählen und man ihnen dieses Alter langsam auch leicht ansieht, wirken sie trotzdem frisch wie eh und je. Vielleicht ist das letzte Worte auch noch nicht gesprochen.

Immer noch im Saft

Auf ihrer letzten Tournee ist sich die Band dann nicht zu schade, sich mit "Magisches Licht" bei Karat für das vorherige Cover zu revanchieren, bei dem sie dann auch von mehreren Mitgliedern dieser Band begleitet werden.

Danach kommen dann endlich die Songs, auf die das Publikum vermutlich schon den gesamten Abend sehnsüchtig gewartet hat. Der erste Klassiker "Wenn ein Mensch lebt" erhält einmal mehr Standing Ovations. Gleiches gilt für "Lebenszeit" mit freundlicher Unterstützung von Claudius Dreilich und City-Gitarrist Fritz Puppel.

Jede Menge Hits

Das von Gitarrist Dieter "Quaster" Hertrampf gesungene "Alt wie ein Baum" könnte angesichts ihrer Lebensjahre mittlerweile beinahe zum Motto der Puhdys erklärt werden und sorgt als einer ihrer größten Hits natürlich für ebenso großen Jubel auf den Rängen, der noch etwas lauter wird, als die Band schließlich zur Berliner Eishockeyhymne "Hey, wir woll‘n die Eisbärn seh‘n" übergeht.

Zum Abschluss wird es mit "Das Buch" dann noch einmal politisch. Wie bereits in den 1980ern plädieren die Puhdys für den Frieden, komplett mit gesprochenem Intro von "Maschine" Birr.

Volle Hütte

Dann wird es wieder mächtig voll auf der Bühne. Wie zu Beginn nehmen gleich drei Schlagzeuger und Keyboarder hinter ihren Instrumenten Platz, während sich die Sänger und Saitenmänner nur wenige Schritte vom Publikum entfernt aufstellen. Näher kann man seinen Idolen kaum kommen.

Dass alle zusammen das große Finale des Abends bestreiten, ist nur folgerichtig. Schließlich hat sich das Personalkarussell schon zuvor bei praktisch jedem Stück gedreht. Die Rock Legenden-Tour steht wirklich unter dem Motto Freundschaft und gemeinsames Musizieren.

Gelungener Abend

Citys "Wir sind wir", gesungen von Dreilich, Dirk Michaelis sowie den beiden Puhdys 'Quaster' und 'Maschine', bildet den Anfang vom Ende, bevor die fünfzehn Rock Legenden noch einmal zum Opener "Sternstunden" zurückkehren.

Nach ungefähr 150 Minuten großartiger Musik bilden diese beiden Versionen des Songs dann auch das runde Motto eines sehr stimmigen Konzerts. Am Todestag von Margot Honecker verbreiten Karat, City und die Puhdys jede Menge Ostalgie und beweisen, dass an der DDR nicht alles schlecht war. Die Musik war es definitiv nicht.

Setlist

Alle: Sternstunden

Karat: Der blaue Planet (mit Klaus Scharfschwerdt) / Jede Stunde / Schwanenkönig / Albatros / Über sieben Brücken musst du gehn / Blumen aus Eis (mit Dieter Hertrampf und Manfred Hennig) / Neue Wege gehen (mit Dieter Birr)

City: Amerika (mit Dieter Birr) / Stilles Dorf (mit Dirk Michaelis) / Als ich fortging (mit Dirk Michaelis) / Wie ein Fischlein unterm Eis (Dirk Michaelis Solo) / Am Fenster (mit Dirk Michaelis, Claudius Dreilich, Bernd Römer und Dieter Birr)

Puhdys: Leben ist kurz / Geh zu ihr / Kühle Lady / Es war schön / Magisches Licht (mit Bernd Römer und Martin Becker) / Wenn ein Mensch lebt / Lebenszeit (mit Claudius Dreilich und Fritz Puppel) / Alt wie ein Baum (mit Martin Becker) / Hey, wir woll‘n die Eisbärn seh‘n (mit Bernd Römer und Martin Becker) / Das Buch (mit Martin Becker)

Alle: Wir sind wir / Sternstunden

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