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Der Titel des Abends "An Intimate Evening with Art Garfunkel" verspricht nicht zu viel. Im restlos ausverkauften Offenbacher Capitol gibt der US-amerikanische Sänger Einblick in seine komplexe Persönlichkeit.

Das Capitol in Offenbach ist einer der schönsten Konzertsäle Südwestdeutschlands. Es ist auch eine ehemalige Synagoge, die 1938 in der Reichspogromnacht zerstört und dann als Kino wiedereröffnet wurde.

Die profane Nutzung dauert bis heute an, denn die jüdische Gemeinde von Offenbach wurde in der Zeit des Nationalsozialismus vertrieben oder ermordet. Gleichwohl lassen sich Fragmente der damaligen Gestaltung immer noch gut erkennen.

The only living boy from New York

Ob man Art Garfunkel von der Geschichte seines Auftrittsortes berichtet hat, ist unklar, jedenfalls geht er mit keinem Wort darauf ein. Er begann seine Karriere als Sänger in einer Synagoge in New York, als er mit seinem Vortrag jüdischer Gebete alte Männer zu Tränen rühren konnte. Wie zum Beweis, stimmt er eines dieser Gebete kurz an, was vom Publikum mit großem Jubel honoriert wird.

Man hat den Eindruck, dass noch viel von dem kleinen Jungen aus Queens im 74-jährigen Art Garfunkel steckt. Hinter der charmanten Fassade versteckt sich ein empfindsamer, manchmal empfindlicher Mann, der nach Selbstbestätigung zu dürsten scheint. Nicht seine Geschichten, sondern die Art und Weise, wie er sie erzählt, legt diese Vermutung nahe.

Though my story's seldom told

Nein, er will kein "Namedropping" betreiben, aber er ist mit Jack Nicholson befreundet. Nicht nur zählt die Royal Albert Hall zu seinen liebsten Konzertsälen, er ist dort vor einigen Jahren drei Abende in Folge aufgetreten. Und er schreibt nicht nur seine Autobiographie, sondern hat dafür natürlich einen Vertrag mit einem Verlag abgeschlossen.

Seine Karriere als Sänger wäre vor einigen Jahren nach einer Kehlkopferkrankung fast beendet gewesen. Inzwischen ist seine Stimme so weit wieder hergestellt, dass er wieder auf Tour gehen kann, wenngleich die hohen Register verloren gegangen sind. Der Charakter seiner Stimme ist allerdings noch vorhanden, was über manche Limitierungen hinwegsehen lässt.

I am singing his songs again

Das Programm an diesem Abend besteht vornehmlich aus Kompositionen von Paul Simon, mit dem gemeinsam er als Simon & Garfunkel seine größten Erfolge feierte. Er rät den Zuschauern alles zu vergessen, was sie über S&G gelesen hätten: "Paul Simon hat mein Leben enorm bereichert". Um das Offensichtliche noch einmal ausdrücklich zu bestätigen, ändert er eine Zeile aus "Homeward Bound" in "I am singing his songs again".

Garfunkel variiert die Lieder geschickt, damit sie nicht genauso klingen wie die Originalaufnahmen, aber dennoch ohne weiteres erkennbar sind. Unterstützt wird er dabei von dem grandiosen Gitarristen Tab Laven sowie von Keyboarder Clifford Carter, der bisweilen seinen Synthesizern unpassend kitschige Klänge entlocken muss.

How terribly strange to be 70

Art Garfunkel lässt gelegentlich Passagen aus wie in "Scarborough Fair", als er "rosemary and thyme" mehrfach nicht singt. Die Gegenstimme dieses Liedes stammt übrigens aus dem wohl einzigen unveröffentlichten frühen Paul Simon-Song, dem Anti-Kriegslied "The Side Of A Hill". Für Simon & Garfunkel-Kenner ist dessen Aufführung ein echtes Ereignis, obgleich man erkennt, dass es sich nicht um ein verlorenes Meisterwerk handelt.

Das Publikum ist während des Abends in vollem Nostalgiemodus und bejubelt die bekanntesten Lieder am enthusiastischsten. Besonders groß ist die Begeisterung bei "The Boxer" und "The Sound Of Silence", aber auch "Bright Eyes", Garfunkels größter Solohit, erhält verdienten Applaus. Dass Art Garfunkel an diesem Abend "Bridge Over Troubled Water" nicht vollständig singt, liegt natürlich an seiner nicht ganz wiederhergestellten Stimme. Aber auch als Fragment erweist es sich als einer der Höhepunkte des Abends. 

A man waits in the shadows

Nach zwei Abschiedsliedern ist der Abend trotz der anhaltenden Standing Ovations des Publikums vorbei. Es war ein berührendes, aber auch verwirrend vielschichtiges Erlebnis, Art Garfunkel live zu erleben.

Der Sänger kommt noch einmal auf die Bühne, um den Applaus des Publikums entgegenzunehmen, verschwindet aber blitzschnell als mindestens ein Zuschauer das strenge Fotoverbot missachtet. Es ist eben kompliziert.

Setlist

April Come She Will / The Boxer / A Heart in New York / Perfect Moment / All I Know / Someone to Watch Over Me / Scarborough Fair / The Side of a Hill / A Poem on the Underground Wall / Homeward Bound / 99 Miles From L.A. /  Real Emotional Girl / For Emily, Whenever I May Find Her / Bright Eyes / The Sound of Silence // Kathy's Song / Bridge Over Troubled Water // Goodnight My Love // Now I Lay Me Down to Sleep

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