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Ghost (live in Frankfurt, 2016) © Joy Dana Görig

Es kommt nicht aller Tage vor, dass die Batschkapp in Frankfurt frischgebackene Grammy-Sieger begrüßen darf. Nur zwei Tage nach ihrem großen Triumph in Hollywood sind die mysteriösen Skandinavier von Ghost vor Ort und demonstrieren, warum sie sich die Trophäe redlich verdient haben.

Ghost dürften die womöglich ungewöhnlichsten Grammy-Gewinner überhaupt sein. Für ihre Single "Cirice" vom aktuellen Album "Meliora" nahmen die sechs maskierten Männer aus dem schwedischen Linköping Anfang der Woche als erste Band vom europäischen Festland die begehrte goldene Grammophonskulptur für die beste Metal-Performance entgegen.

Mysteriöse Band

Ansonsten ist nur wenig über die Band bekannt. Auch die Identität ihrer Mitglieder bleibt ein Rätsel. Es gibt lediglich einige Indizien dafür, dass es sich bei dem unter dem Pseudonym Papa Emeritus firmierenden Frontmann um einen Sänger namens Tobias Forge handeln soll. Über die Persönlichkeit der Instrumentalisten kann hingegen bestenfalls gemutmaßt werden.

Während die okkulten Skandinavier in Übersee also große Erfolge feiern, sind sie hierzulande bislang ein Geheimtipp, auch wenn die Batschkapp für ihren Auftritt gut gefüllt ist. Wann sonst wird dem Frankfurter Publikum schließlich die Möglichkeit geboten, aufsteigende Sterne am Musikhimmel in vergleichsweise intimer Atmosphäre zu Gesicht zu bekommen.

Die Seele stirbt elektronisch

Unterstützung haben sich Ghost aus ihrem Heimatland mitgebracht. Dead Soul liefern als Vorband etwas mehr als eine halbe Stunde lang ein Potpourri aus Rock, Alternative, Elektronik, Industrial und Blues. Dabei setzen die drei Schweden keineswegs auf eine klassische Bandbesetzung wie man sie vermuten würde. Das Trio besteht nämlich aus einem Sänger und zwei Gitarristen.

Letztere bedienen dann auch hin und wieder die Tasten, um die aus der Konserve stammende Rhythmusgruppe oder zusätzliche Texturen anzusteuern. Mancher mag hierbei ob der vermeintlich fehlenden Live-Atmosphäre die Nase rümpfen. Vor Publikum wissen Dead Soul dennoch zu überzeugen, denn die Gitarren- und Gesangsarbeit der drei Nordlichter ist aller Ehren wert.

Mitternacht um kurz nach neun

Während der folgenden Umbauphase werden die Zuschauer durch Classic Rock unterhalten. Schließlich hüllt sich die Bühne in rotes Licht, und schon beginnt die leicht vorgezogene Geisterstunde. Gleich am Anfang feuern der düstere Papst und seine namenlosen Ghouls mit “Spirit“ und “From The Pinnacle To The Pit“ eine teuflisch beeindruckende Doppelsalve vom aktuellen Album ab.

Wie in den besten Horrorfilmen setzen Ghost auf ein dickes, gespenstisches Orgel-Intro, bevor die Gitarren des vertrackten Openers einsetzen. Mit Death Metal, wie es eines der unbekannten Bandmitglieder einst definierte, hat das Ganze recht wenig zu tun. Dafür sind die Schweden zu melodisch. Der Start erinnert eher an eine Mischung aus Psychedelic und Progressive Rock.

"Lass das mal den Papa machen"

Mit seiner Totenkopfmaske, der dunklen Kutte und der Mitra erweckt Frontmann Papa Emeritus der Dritte zunächst irgendwie den Eindruck, als wäre er eine Mischung aus einem Voodoo-Priester à la Baron Samedi aus dem James Bond-Film "Leben und sterben lassen", dem Papst und dem Sensenmann persönlich. Problemlos zieht er das Publikum sogleich in seinen höllischen Bann.

Der Sänger ist ein echter Zeremonienmeister. Er offenbart inmitten seiner völlig anonymen Mitstreiter Starqualitäten, auch als er im Laufe des Konzerts Kutte und Bischofsmütze abstreift und dadurch beinahe menschlich wirkt. Spätestens jetzt wird klar, warum Ghost ihren Frontmann seinerzeit am liebsten als Gegenkandidaten für Franziskus I. bei der letzten Papstwahl ins Rennen werfen wollten.

Die Hölle ist bunt und beweihräuchert

Die sich hinter einheitlichen Masken und Kostümen versteckenden Ghouls liefern ihm dabei den passenden Unterboden, um sich so richtig auszutoben. Überhaupt entfesseln die Schweden an diesem Abend einen Höllenlärm, der live noch einmal ein ganzes Stück brachialer daherkommt als auf Platte. Die Batschkapp verwandelt sich in ein wahres Pandämonium – mit glockenklarem Klang.

Passend zum tollen Sound gibt es eine spektakuläre Lightshow, die Ghost in allen erdenklichen Farben erstrahlen lässt. Selten war der Abstieg in das Reich der Toten ein solch farbenfrohes Vergnügen wie bei den sechs Skandinaviern, und wer schon immer einmal wissen wollte, wie die Unterwelt wohl riechen mag, wird ebenso fündig: Bei Ghost duftet sie nach Weihrauch.

Religiöses Theater

Musikalisch sind die Schweden relativ schwer einzuordnen. Schubladendenken ist ihnen definitiv fremd. Zudem wirken Satanisten-Image und Texte bloß aufgesetzt, mehr wie ein Gimmick. Die Band siedelt sich und ihre Auftritte vor Publikum dann auch folgerichtig "irgendwo im Bereich zwischen Theateraufführung und einer Rockshow" an. Waschechter Okkultismus sähe vermutlich anders aus.

Nichtsdestotrotz besitzt ein Ghost-Konzert quasireligiöse Züge. Band und Publikum interagieren streckenweise, als befänden sie sich tatsächlich in einer (schwarzen) Messe unter der Obhut von Papa Emeritus III. Die ganze Aufführung strotzt nur so vor Bombast, besonders durch den Einsatz von Balladen mit epischen Dimensionen sowie groß angelegten Chören in Stücken wie "He Is".

Gegenentwurf zum Katholizismus?

Vieles bei Ghost erinnert an einen katholischen Gottesdienst, im speziellen Maße die Ikonographie. Als der Frontmann in der ersten Hälfte des Konzerts zwei junge Damen im Nonnenkostüm auf die Bühne holt, hofft ein Teil des männlichen Publikums dann auch nicht nur insgeheim darauf, dass die beiden später leichter bekleidet auf der Bühne stehen werden. Dieser feuchte Traum erfüllt sich jedoch nicht.

Ghost provozieren mit ihrem Image eben gerne, weshalb eine solche Aktion eigentlich nur konsequent gewesen wäre. Allen voran in den USA sind sie damit natürlich nicht immer auf Gegenliebe gestoßen. Umso überraschender ist es, dass sie gerade im Land der Puritaner aktuell so populär sind und nicht im vermeintlich wesentlich toleranteren Europa mit seiner Vorliebe für Metallisches.

Großes Finale

Als zu guter Letzt die Zugaben ertönen, scheint das Publikum in der Batschkapp restlos zufrieden. "Ghuleh/Zombie Queen" beginnt als geradezu schnulzige Ballade, steigert sich aber im Laufe des Stückes und mutiert fast schon zu einer Art martialischem Surf Rock mit hymnischem Charakter. "Ritual" von ihrem Debütalbum "Opus Eponymous" ist dagegen Bombast in Reinform.

Beim Rausschmeißer "Monstrance Clock" kennt der Jubel dann beinahe keine Grenzen mehr. Ein Großteil der Zuschauer singt den epischen Refrain des Liedes aus voller Kehle mit und sorgt dafür, dass der emeritierte Papst auf der Bühne sich zum Ende der Show praktisch aufs Altenteil zurückziehen kann. Das Frankfurter Publikum ist im wahrsten Sinne des Wortes begeistert.

Zu Höherem berufen

Auf der Bühne überzeugen Ghost an diesem Abend restlos. Die Performance ist stimmig und energiegeladen, Sound und Licht perfekt darauf abgestimmt. Rein musikalisch hätte sich so manches auch gut in den Pink Floyd-artigen Dimensionen eines Stadions gemacht, obwohl dies mit großer Wahrscheinlichkeit einige Einbußen in der Klangqualität zur Folge gehabt hätte.

Es bleibt den Schweden zu wünschen, dass sie ihren Weg an die Spitze auch in Europa fortsetzen. Mit ihrer Mischung aus Metal, Balladeskem und komplexem Retro-Rock setzen sie sich wohltuend vom sonstigen Einheitsbrei ab. Als die Messe gelesen ist, trübt allenfalls die etwas zu kurze Spielzeit den Gesamteindruck eines rundum gelungenen Abends.

Setlist

Masked Ball (tape intro) / Spirit / From The Pinnacle To The Pit / Stand By Him / Con Clavi Con Dio / Per Aspera Ad Inferi / Body & Blood / Devil Church / Cirice / Year Zero / Spöksonat / He Is / Absolution / Mummy Dust // If You Have Ghosts / Ghuleh/Zombie Queen / Ritual // Monstrance Clock

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