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Rage meets Refuge (live beim Knock Out Festival 2015) © Joy Dana Görig

Rund 5000 Besucher zieht es ab Samstagnachmittag zum größten Indoor-Metal-Festival Süddeutschlands, dem Knock Out Festival in Karlsruhe. Der eigentliche Star des Abends ist dabei die Veranstaltung selbst.

Metalfans gelten allgemein hin als eine der treuesten Anhängerschaften im schnelllebigen Musikzirkus. Und nirgendwo sonst wird wohl so leidenschaftlich Band-Merchandising getragen, wenn wie beim Knock Out Festival alte Ikonen aufspielen. Neben Band- und Festivalshirts (gefühlter Sieger der Textilcompetition sind Motörhead, obwohl Lemmy & Co. gar nicht auftreten) ist häufig die klassische Metalkutte zu sichten.

Der Köpenicker Rapper Romano setzte Anfang des Jahres dem Flickenteppich auf wahlweise Leder- oder Jeansjacke ein amüsantes Denkmal. Und auch wenn der Song nur wenigen Anwesenden im großen Rund der Schwarzwaldhalle geläufig sein dürfte, schwingt er unterschwellig mit.

Freibier!

Romano selbst ist nicht anwesend und verpasst dadurch einen starken Auftritt der israelischen Prog-Metaller Orphaned Land. Während des halbstündigen Sets am frühen Abend fließen 500 Freibiere in die Kehlen der Besucher – eine gut gemeinte Geste des Veranstalters, als kleine Entschädigung für die langen Warteschlagen in 2014.

Die altmodische, aber effektive Barzahlung ersetzt folglich dieses Mal das umständliche Bonsystem aus dem Vorjahr. Allgemein darf man den Veranstaltern zu einer guten Organisation mit reibungslosem Ablauf gratulieren.

Ein- und Auswechseln

Nutznießer sind die Bands, die von einer ausgelassenen Stimmung profitieren und ihr Animationsrepertoire für die Publikumsbeteiligung gestenreich ausspielen können. Die sympathischen Axxis gönnen sich dabei eine ganz besondere Einlage, indem sie den achtjährigen David aus dem Publikum auf die Bühne holen. Der schwingt mit Mickey-Mouse-Gehörschutz zum Reggae-Metal von "Touch A Rainbow" gekonnt den Schellenkranz. "Der Nachwuchs des Genres ist gesichert", stellt Sänger Berhard Weiß fest – geborener Entertainer für Luftgitarrenakrobatik der Generation Ü40. Wie in den Jahren zuvor leitet er auch als Moderator durch den Abend.

Mit umgedrehter Basecap kommt Weiß deshalb kurz nach dem Auftritt seiner Power-Metaller wieder zurück auf die Bühne um Rage Meets Refuge anzukündigen. Für den energetischen Heavy-Metal mit Thrash-Einschlag schwillt das Trio aus NRW zwischenzeitlich zum Quintett an, weil ihr korpulenter und kahlköpfiger Frontmann aktuelle und ehemalige Mitglieder in Trainermanier ein- und auswechselt. In Kombination mit dem Repertoire aus alten und neuen Songs sorgt das für einen abwechslungsreichen und kurzweiligen Auftritt.

Dicke Hose, Rumgepose

Deutlich langatmiger ist die Show von Disneyland After Dark, kurz D-A-D. Klar, wer möglichst viel Authentizität sucht ist bei einem Metal-Kozert meist fehl am Platz. Der Poser-Hard-Rock der Dänen wirkt dann aber doch eine ganze Spur zu aufgesetzt. Da passen die lächerlich opulenten und geschmacklosen Viersaiter-Modelle des Bassisten hervorragend ins Gesamtbild.

Eleganter liefern im direkten Anschluss Operation: Mindcrime um Queensrÿche-Sänger Geoff Tate ab. Die Band strotzt vor Souveränität und die Musiker, die Tate um sich schart, legen die technische Messlatte so hoch, dass ihr Frontmann bisweilen Mühe hat mit seiner Gesangsleistung Schritt zu halten. Dennoch glückt den Amis ein guter, wenn auch etwas distanzierter Auftritt.

In der Zwischenzeit torkelt manch ein Besucher vom literweise ausgeschenkten Bier von Pissoir zum Bistro- und zurück in den Outdoor-Raucherbereich. Frische Luft tut gut. Trotz des erwartungsgemäß starken Alkoholkonsums bleibt das Publikum über die volle Distanz äußerst zivilisiert und sehr entspannt.  

Extremsport

Warum auch nicht latent schwanken und die Pommes-Gabel recken, wenn gleich die Speerspitze der hiesigen Metalszene zum Abriss bläst. Für Blind Guardian werden extra imposante LED-Bauten installiert, die den Headliner dann auch lichtintensiv in Szene setzen. Das Sextett aus Krefeld und Meerbusch betritt traditionell in Schwarz die Bühne – mit Ausnahme des Schlagzeugers. Der spielt mit freiem Oberkörper. Eine schiere Notwendigkeit. Ist er in seiner Rolle schließlich nicht nur Taktgeber, sondern gewissermaßen auch Extremsportler, der den Speed-Metal mit der Extradosis Testosteron versieht.

Als Sänger Hansi Kürsch dann zu verstehen gibt, dass ein Live-Album geplant sei, und die Show aus diesem Grund mitgeschnitten wird, ist die moshende Vergemeinschaftung noch eifriger bei der Sache und verleiht dem Auftritt einen mehr als würdigen Knock-Out-Abschluss. Dem Kater danach wird das zwar abträglich sein, aber da muss man durch. Es gilt ohnehin, möglichst schnell den Tinitus zu kurieren, um sich für den Knock-Down-Nachschlag am nächsten Tag zu wappnen.

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