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Florence and the Machine (live beim Southside, 2015) © Achim Casper

Der restlos ausverkaufte Auftritt von Florence + the Machine in Düsseldorf gleicht einer Messe, in der Sängerin Florence Welch die Anführerin einer neuen Hippie-Bewegung spielt. Durchaus erfolgreich, denn ihre Fans liegen ihr zu Füßen.

Inmitten des vierten Songs ihres Auftritts begibt sich Florence Welch in den Bühnengraben zu ihren Fans. Sie stellt sich auf die Absperrung, Hände strecken sich ihr entgegen. Eine davon reicht ihr einen Kranz, den sie sich zunächst auf den Kopf setzt.

Nach einer Weile nimmt sie ihn wieder in ihre Hand, die sie langsam senkt, um den Kranz einem Fan auf den Kopf zu setzen. Singend blickt sie dem Mädchen in die Augen und streichelt ihr die Wange, ehe sie sich wieder erhebt. Der Augenblick hat etwas unweigerlich Religiöses, an dem die Sängerin wiederholt von der Liebe predigt, die sie im Raum spüre. Nicht zu Unrecht: Das Publikum in der Mitsubishi Electric Halle liegt ihr regelrecht zu Füßen.

Die Ruhe nach dem Sturm vor dem nächsten Sturm

Etwas unpassend wirkt die Wahl der Vorband. Die 2013 vom NME als "Best New Band" ausgezeichneten Palma Violets setzen auf ungestümen Indie Rock, der das gelebte Chaos der Libertines zelebriert, nicht aber deren Händchen für raffinierte Songs. Dennoch kommen die Londoner bestens an und werden ihrer Rolle als Anheizer gerecht.

Als kurz darauf Florence + the Machine die Bühne betreten, werden die Musiker von euphorischem Applaus begrüßt, der in ohrenbetäubenden Lärm übergeht, als die Chefin dazukommt. Eröffnet wird das Set durch das für ihre Verhältnisse – ruhige "What the Water Gave Me" vom vorletzten Album "Ceremonials". Die hier bereits brodelnde Stimmung wird endgültig freigesetzt, als im Anschluss die Anfangstöne von "Ship to Wreck", dem Opener der neuen LP "How Big, How Blue, How Beautiful", erklingen.

Eine gut geölte Maschine im Rücken

Die Uptempo-Nummer reißt sofort mit und die Sängerin begibt sich ganz in ihr Element. Den ganzen Abend über gibt sie sich als agiles Powerbündel, sucht die Nähe zum Publikum und rennt wiederholt von einem Bühnenende zum anderen, sodass es einem Wunder gleicht, wie stimmsicher sie dabei bleibt. Ihre zwölfköpfige Band, der auch Gründungsmitglied und Co-Namensgeberin Isabella "Machine" Summers an den Keyboards angehört, ist von Schlagzeug über Bläser bis Harfe makellos aufeinander eingespielt und bietet der Sängerin ein Sicherheitsnetz, über dem sie sich sorglos austoben kann.

Dass diese neben dem Singen auch außergewöhnliche Qualitäten als Frontfrau hat, zeigt sich die komplette Show über. Auch bei den folgenden Titeln, die Publikumsfavoriten wie "Rabbit Heart (Raise It Up)", das The Source-Cover "You’ve Got the Love" oder "Shake It Out" enthalten, hat sie die Zuschauer fest in ihren Händen. Sie dirigiert ihre Fans durch die Songs, deren Verehrung so weit geht, dass sie selbst längeren Ansagen geduldig zuhören. Ob sie singt oder spricht, ihr Publikum hängt ihr an den Lippen.

Smartphones runter, Herzen auf

Fast könnte man meinen, Florence Welch wäre das Idol einer neuen Hippie-Bewegung: Barfuß steht sie auf der Bühne, während sie von der Liebe im Raum und dem Zelebrieren des Moments spricht. Vor "Third Eye" (mit der Eröffnungszeile "Hey look up / Don’t make a shadow of yourself") bittet sie darum, die Smartphones zumindest diesen Song über unten zu lassen, und das Konzert mit eigenen Augen wahrzunehmen. Man solle nun sein Gegenüber umarmen, fordert sie an anderer Stelle, und immer folgt die Masse ihrem Wort.

"The dog days are over" verkündet sie im letzten Song des Hauptsets und auch der Pathos in ihrer Musik passt in dieses Bild der großen Gesten. Die Band hat genügend Material im Gepäck, das mehr als gut genug ist, um diese als mehr als bloße Effekthascherei zu rechtfertigen: Die Setlist legt den Fokus auf die Songs der hervorragenden "How Big, How Blue, How Beautiful"-LP, angereichert durch Favoriten aus den beiden Vorgängern. Dass dabei ein aktuelles Highlight wie "Queen of Peace" auf der Strecke bleibt, ist schade, aber mit ansteigendem Repertoire findet ohnehin jeder den einen Song, den er noch unbedingt hätte hören wollen.

Im Bombast vereint

Im Bombast-Pop von Florence and the Machine geben sich Ohrwurmmelodien, eingestreute Rockismen wie die laute Gitarre in "What Kind of Man" und der Soul in Florence Welchs Stimme gegenseitig die Klinke in die Hand. So wirkt es gleich weniger verwunderlich, was für einen universellen Appeal die nächstes Jahr für fünf Grammys nominierte Band hat. Auch in der restlos ausverkauften Mitsubishi Electric Hall ist das Publikum erstaunlich bunt zusammengesetzt, fungiert im Konzert aber dennoch als homogene Einheit.

Nach der aus "Mother" und dem "Drumming Song" bestehenden Zugabe, ist Schluss. Die Masse begibt sich nach draußen, wo sie sich wieder aufteilt. Das bei einem Konzert dieser Größe unvermeidliche, von Hupen und Dränglern bestimmte Chaos auf dem Parkplatz setzt Florence Welshs Predigten über die Zwischenmenschlichkeit wieder in eine alltagsrealistische Perspektive, verdeutlicht aber auch was für ein außerordentliches Gemeinschaftserlebnis so ein Pop-Konzert sein kann, wenn es so "big", zwar nicht so "blue", aber durchaus "beautiful" ist wie dieses.

Setlist

What the Water Gave Me / Ship to Wreck / Bird Song Intro / Rabbit Heart (Raise It Up) / Third Eye / Delilah / You’ve Got the Love / How Big, How Blue, How Beautiful / Shake It Out / Cosmic Love / Long & Lost / What Kind of Man / Spectrum / Dog Days Are Over // Mother / Drumming Song

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