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Die Nerven (live in Weinheim, 2015) © Daniel Nagel

Die Nerven gelten seit ihrem zweiten Album "Fun" als einer der Geheimtipps der deutschen Musikszene. Kritiker überschlagen sich mit Lob für die Punkband aus Stuttgart, die neuerdings als einer der besten Live-Acts Deutschlands gilt. Das stellten sie auch bei ihrem Konzert im Café Central in Weinheim unter Beweis.

Gemütlich trudeln am Dienstag Abend Leute aller Altersklassen im Café Central in Weinheim ein. Die Nerven stehen heute auf der Bühne, drei Stuttgarter, die seit einiger Zeit mit ihrer Mischung aus Post-Punk, Noise und Garage für Aufregung sorgen. Große Erwartungen liegen in der Luft.

Ein Mann, ein Keyboard

Bevor es mit dem Hauptact losgeht, stellt sich gegen 9 Uhr ein wortkarger junger Mann allein auf die Bühne, vor ihm ist sein Keyboard aufgebaut. Mit geschlossenen Augen beginnt er eine psychedelische Elektropop-Mischung mit deutlichen New Wave-Anleihen zu spielen.

Mit seinem schönen, etwas androgynen Look, seiner Ian Curtis-Stimme und den minimalistischen Tanzbewegungen hinter dem Keyboard, hat Levin Goes Lightly tief in die Klischeekiste zermarterter Künstler gegriffen, aber es funktioniert. Der Sound und die sich immer wiederholende Textzeilen versetzen zwar nicht das Publikum in völlige Trance, dennoch schauen die Leute gebannt auf das, was der Mann am Keyboard macht.

Der Schein trügt

Levin Goes Lightly verabschiedet sich und warnt vor der Gewalt, die gleich auf das Publikum treffen wird. Kurz darauf betreten Die Nerven die Bühne. Die drei Musiker, die aussehen als kämen sie gerade aus dem Latein-Leistungskurs, sollen die aktuell spannendste Punkband des Landes sein?

Als die Jungs ansetzen, wird man für diesen Gedanken mit einer so dermaßen ohrenbetäubenden Soundschelle bestraft, dass jeder vorangegangene Zweifel verfliegt. Das wird abgehen! "Die Unschuld in Person" eröffnet den Abend, so wie auch das aktuelle Album "Out". "Merk dir mein Gesicht" heißt es da und das sollte man auch.

Musik zum Headbangen

Es geht nahtlos weiter. Die Nerven werden an diesem Abend nicht viel reden. Stattdessen verschmelzen die einzelnen Lieder zu einer brüllenden und dichten Soundwolke. Die ersten Leute beginnen zu tanzen, weiter hinten ist es verhaltener, aber jeder Kopf im Raum bewegt sich zu der antreibenden Musik, die förmlich zum Headbangen zwingt.

Die Songs "Dreck" und "Eine Minute schweben" bringen ein wenig Groove in das herabstürzende Geräuschgewitter. Das regt zu geschmeidigeren Dancemoves an, während Die Nerven Textzeilen wie "Alles ist verdreckt, vergiss die ganzen Pläne" dem Publikum entgegen schreien. Wozu auch Pläne, wenn man hier sein und ausrasten kann?

Jung, angepisst, ausgeliefert

Die Nerven transportieren ein ganz bestimmtes Gefühl, das wahrscheinlich dem aktuellen Zeitgeist sehr nahe kommt: Sie beschreiben die Ohnmacht gegenüber der modernen Welt, von der sie angepisst, der sie aber auch völlig ausgeliefert sind. Das schlägt sich sowohl musikalisch als auch textlich nieder. Manchmal ist der Sound quälend schleppend so wie bei "Jugend ohne Geld", mal wütend und frustriert wie "Den Tag vergessen". In den Texten wechseln sich Wut und Frust mit Apathie und Enttäuschung ab.

Das heißt aber nicht, dass die Jungs depressiv und griesgrämig auf der Bühne stehen. Trotz der wenigen Worte, die sie mit dem Publikum wechseln und der verzweifelten Kraft ihrer Lieder, sieht man, dass die Stuttgarter Spaß auf der Bühne haben. Zudem merkt man, dass die drei schon seit einigen Jahren zusammenarbeiten: Sie sind ein eingespieltes Team.

Kurz und knackig

Die Stimmung schwellt im Laufe des Abends immer weiter an, irgendwann bildet sich ein Pogokreis. Die Leute sind berauscht von der Lautstärke, als plötzlich beim letzten Lied "Der letzte Tanzende" mittendrin die Musik abgedreht, das Bühnenlicht ausgeschalten und das Publikum beleuchtet wird. Gut eine Minute schweigt jeder im Raum, einzig das Summen der Elektrogeräte auf der Bühne ist zu hören. Als es dann krachend weitergeht, rasten die Leute aus. Das Spiel mit den Erwartungen beherrschen Die Nerven gut.

Es folgen zwei Zugaben, etwa eine Stunde spielen Die Nerven insgesamt, bevor sie sich endgültig verabschieden. In der Kürze liegt die Würze. Dafür bieten Die Nerven eine gelungene Mischung aus allen drei Alben an, die durch das dichte Spiel abgerundet wird. Die absolute Ekstase bleibt an diesem Abend aus, was vielleicht daran liegt, dass es nicht ganz voll im Café Central ist. Eine Ahnung, dass es auch völlig eskalieren könnte, bleibt zurück. Die Nerven gelten zu Recht als ein beeindruckender und aufwühlender Live-Act, der das Publikum anzuheizen weiß.

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