Kraftwerk (2015)

Kraftwerk (2015) © Boettcher

Die vollständig ausverkaufte Deutschlandtour von Kraftwerk bietet in der Stuttgarter Liederhalle eine fast perfekte Verbindung von Modernität und Nostalgie - und damit den Beweis, wie sehr die Band ihrer Zeit voraus war - und ist.

Selten spürt man diese Vorfreude des Publikums so deutlich wie an diesem Abend. Für viele geht ein Kindheitstraum in Erfüllung: Kraftwerk einmal live erleben. Die Pioniere des Techno, die Band die elektronische Musik aus der Klassik in den popkulturellen Fokus rückte.

Die 3D-Brillen, die man am Einlass erhält, sitzen bei den meisten schon lange vor dem Konzert auf der Nase. Bei so einer starken Fangemeinde ist es verwunderlich, dass Kraftwerk nun zum ersten Mal seit Ewigkeiten auf Tour gehen, statt wie bisher selten an ausgewählten Orten wie dem ZKM in Karlsruhe zu gastieren. Kein Wunder ist es hingegen, dass die Tickets für alle Shows und die zahlreichen Zusatzkonzerte in kürzester Zeit weg waren.

Hyper-modern und nostalgisch zugleich

Wie im Stechschritt beginnt nun die Show von Kraftwerk in der Stuttgarter Liederhalle: "1 2 3 4 5 6 7 8". Die Aufhebung der Grenze zwischen Mensch und Maschine hat begonnen. Im Raum verteilte Lautsprecher und deren gezielte, versetzte Anspielung erzeugen einen Raumklang, den man seit Cage wahrscheinlich im Konzertbetrieb selten gehört hat. Eindrucksvoll ist besonders der nostalgische Futurismus, der wieder einmal verdeutlicht, wie weit diese Band stets der Zeit voraus war, denn Songs wie "Radioaktivität" sind an Aktualität nicht mehr zu übertreffen.

Die Nostalgie ergibt sich hierbei aus den Bilder der Video-Show, die perfekt auf die Musik abgestimmt sind und in Sachen Design keinen Anspruch auf Aktualität legt, sondern der Ästhetik der Entstehungszeit der Musik folgt. Klare geometrische Formen, an DOS-Zeiten erinnernde Ziffern, starke Farbflächen in den Grundfarben.

Statische Show, statische Fans

Die Bilder sind nicht perfekt illusorisch umgesetzt, wie man es aus dem Kino kennt und doch versetzen ins Publikum fliegende Satelliten und Ufos das Publikum in schreiende Verzückung. Dass das Ufo dabei im Video vor der Liederhalle landet bemerken jedoch die wenigsten, obwohl es sich dabei um den einzigen Kommunikationsversuch der Band mit ihrem Publikum handelt.

Alles ist auf die Sekunde getaktet. Video, Musik, Performance.  Das unterstützt den Gedanken der "Man-Machine", wirkt aber auch in Teilen etwas zu statisch, gerade dann, wenn Ralf Hütters Gesang einsetzt. Und das auch nur, weil seiner Stimme die nötige Prägnanz in Ergänzung zur mechanischen Perfektion bisweilen fehlt. Das schlägt sich auch im Publikum nieder. Ebenso statisch wie die Performance sind die Fans selbst. Trotz treibender Rhythmen, steht es regungslos während der fast zweieinhalbstündigen Kunstkonzeption da, als sehnte es sich nach einem Kinosessel.

Ein Einblick in eine verschlossene Welt

Der Höhepunkt des Abends ist "Roboter": Der Vorhang schließt sich, Jubel brandet auf und schon nach kurzer Zeit öffnet er sich wieder. Vier lebensgroße Roboter, die Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen nachempfunden sind, übernehmen und tanzen mechanisch durch den Song. Wieder der Vorhang und jetzt wird klar, dass es sich hierbei nicht um eine Zugabe gehandelt hat.

Der Abend geht weiter mit "Trans Europa Express" und endet mit "Boing Boom Tschak". Kraftwerk zeigen nun einzeln, was sie eigentlich die ganze Zeit gemeinsam auf der Bühne tun, so dass man einen kleinen Einblick in die Welt hinter den vier Pulten bekommt. Damit wollen sie vielleicht versuchen, die Gerüchte zu widerlegen, die Band surfe während der Shows im Internet. Nacheinander treten sie ab. In Erinnerung bleiben eine grandios inszenierte Show und eine Band, die heute so aktuell ist wie gestern – vielleicht sogar ein wenig mehr: "Musik als Träger von Ideen".

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