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Die Classic Rocker auf Europatournee in Leipzig © Christian Grube

"Stars kommen und gehen, Legenden leben für immer" besagt ein Sprichwort. Wenn dann mal einer dieser besagten Unsterblichen in die Stadt kommt, gehört es eigentlich zum guten Ton, sich dort blicken zu lassen. Bei Deep Purple lohnt sich ein solcher Besuch in der Frankfurter Festhalle auch.

Was haben Deep Purple in ihrer Geschichte nicht schon alles erlebt? Zwischenzeitliche Auflösung, ständige Besetzungswechsel, schließlich den endgültigen Ausstieg der Gründungsmitglieder Ritchie Blackmore und Jon Lord, die Band aus England hat bisher noch alles überstanden.

Umso bemerkenswerter ist es, dass die Hardrocklegende in ihrem mittlerweile stabilsten Line-up aller Zeiten immer noch kontinuierlich auf Tour geht – und in Deutschland weiterhin große Arenen füllt. Die Frankfurter Festhalle ist dann auch beinahe komplett ausverkauft, als Deep Purple dort aufschlagen.

Unterstützung von der Westküste

Den Anfang machen Rival Sons. Die Jungs aus dem kalifornischen Long Beach um Gitarrist Scott Holiday und Sänger Jay Buchanan haben bereits als Support für Bands wie Judas Priest für Furore gesorgt und sollen auch Black Sabbath auf ihrer kommenden, letzten Welttournee unterstützen.

Mit ihrer Mischung aus Blues, Glam und Hardrock erinnern sie leicht an Led Zeppelin, Wolfmother oder Paul Rodgers‘ Gruppen Free und Bad Company. Dem Publikum gefällt spürbar, was es zu sehen und hören bekommt. Nach guten 45 Minuten Spielzeit verabschieden sich die Rival Sons unter Applaus.

Anfang auf der Überholspur

Als Deep Purple schließlich zu Gustav Holsts "Mars, The Bringer Of War" die Bühne betreten, ist der Jubel groß. Wie nicht anders zu erwarten, beginnt die Band mit dem obligatorischen "Highway Star". Die ersten kleineren Überraschungen des Abends sind dann aber die "In Rock"-Stücke "Bloodsucker" und "Hard Lovin’ Man", in die Deep Purple direkt ohne Ansage übergehen. Nach “Strange Kind Of Woman" mit finalem Gesangs- und Gitarrenabtausch wendet sich Sänger Ian Gillan dann zum ersten Mal an die Zuschauer und verspricht humorvoll, ab sofort mit diesem "Avantgarde-Jazz" aufzuhören.

Die nächste Nummer ist dann auch gleich etwas atypisch für das sonstige Programm der Band. “Vincent Price“ vom noch aktuellen Album “Now What?!“ ist eine in grün gehaltene Hommage an den meisterhaften Horrordarsteller, die aber trotz allem erstaunlich gut mit dem Rest des Sets harmoniert und den Weg für das Gitarrensolo von Steve Morse ebnet. Hier darf der amerikanische Saitenartist dann gleich demonstrieren, dass er über allerhand Fähigkeiten an seinem Instrument verfügt. Zupfen, zweihändiges Tappen, Schrammeln und dergleichen stellen ihn vor keine großen Probleme.

Im Geiste präsent

Mit dem zweiten relativ neuen Stück "Uncommon Man" wird es erstmals ein wenig emotional. Der Song ist dem mittlerweile verstorbenen Urmitglied Jon Lord gewidmet. Sein Nachfolger Don Airey darf sich bei dem Song auszeichnen und ist mittlerweile sehr viel besser integriert als in seinen Anfangsjahren bei Deep Purple, in denen er gelegentlich wie ein Fremdkörper wirkte, als er in die übergroßen Fußstapfen der damals noch lebenden Legende treten sollte. Das einzige kleine Ärgernis in dem ansonsten tollen Lied sind die ab und an doch etwas sehr nach Dose klingenden Bläsereinsätze.

Auch bei seinem Solo zeigt Don Airey, welch ein guter Keyboarder er ist. Spätestens hier erweist er sich einmal mehr als absolut würdiger Ersatz, egal ob bei brachialen Synthesizereffekten, klassischen Klaviereinlagen wie der "Marsellaise" oder an der für Deep Purple so prägenden Hammond-Orgel. Steve Morse und er stellen ihre Klasse erneut in dem fabelhaften "The Well-Dressed Guitar" heraus, einem der altbekannten Vorliebe der Gruppe für Klassisches frönenden Instrumental, das noch mit Lord konzipiert wurde und seit Don Aireys Einstieg fester Bestandteil von praktisch jeder Show ist.

Siebzig Jahr‘, graues Haar

Im Anschluss geht es dann wieder weit zurück in der Zeit. "The Mule" bietet dem letzten verbliebenen Originalmitglied Ian Paice die Möglichkeit, die Welt im Rahmen seines Solos wissen zu lassen, warum er seit fast fünf Jahrzehnten zu den besten Drummern im Musikgeschäft gehört. Auf der großen Videoleinwand hinter der Band können die Zuschauer jeden seiner Schläge im Detail beobachten, während er die Felle und Becken seines Kits akribisch bearbeitet. Das Schlagzeugsolo von Ian Paice ist in der Regel eines der Highlights bei einem Deep Purple-Konzert, so auch an diesem Abend.

Mit "Lazy" beweist die Gruppe ihren schon immer vorhandenen Hang zum Blues. Bei dem durch Jams in die Länge gezogenen Stück darf sich Ian Gillan auch an der Mundharmonika versuchen. Inzwischen längst kurzhaarig und ergraut, demonstriert er in der Festhalle auch, warum er trotz seines gesetzten Alters weiterhin einer der Frontmänner ist, die man live gesehen haben sollte. Natürlich muss man ab und an leichte Abstriche beim Gesang machen – es hat seinen Grund, wieso Deep Purple zum Beispiel "Child In Time" nicht mehr spielen  – aber Gillans Charisma macht dieses Manko mehr als wett.

Überraschendes durch Improvisationen

Leichte Verwunderung entsteht dann durch "Demon’s Eye", das nicht unbedingt zu den erwarteten Titeln bei einem Konzert der Band zählt. Nach dem dritten aktuellen Song, "Hell To Pay", der sich aufgrund seiner für die Gruppe typischen Zutaten praktisch ebenso nahtlos in die Reihe der etablierten Stücke einreiht, gibt es dann nur noch Klassiker. Den Reigen eröffnet "Perfect Strangers", das einzige Lied aus der Reunion-Phase mit Blackmore auf dieser Tour, gefolgt vom zeitlosen "Space Truckin‘" und dem vom Publikum mit Gesängen euphorisch begleiteten Überhit "Smoke On The Water".

An diesem Abend konzentrieren sich Deep Purple weitgehend auf das Material ihrer stilprägenden Alben "In Rock", "Fireball" und "Machine Head" aus ihrer MkII-Hochphase in den frühen 1970ern. Damit besänftigen sie die Gelegenheitsfans, die sie ansonsten mit Sicherheit von der Bühne jagen würden. Teilweise ist es aber vermutlich gar nicht so wichtig, welche Songs die Band genau zum Besten gibt, da die fünf routinierten Musiker die Songs sowieso, wie eigentlich immer in ihrer Geschichte, eher als Vehikel für ausgedehnte Improvisationen und Duelle zwischen Orgel und Gitarre nutzen.

Ausgefallene Zugaben

"Smoke On The Water" bildet dann auch den Abschluss des regulären Sets, bevor sich Deep Purple dem Publikum wieder für die obligatorischen Zugaben stellen. Dabei beginnen sie zunächst mit einer Instrumentalfassung vom Spencer Davis Group-Evergreen "Gimme Some Lovin‘", um dann sogleich in ihren ersten großen Hit, dem Joe South-Cover "Hush", überzugehen, an dem seinerzeit aber nur Ian Paice mitgewirkt hat. Im Laufe des durch ausgiebiges Jammen stark verlängerten Stückes lässt es sich Steve Morse dann nicht nehmen, obendrein noch eine Prise Led Zeppelin einzustreuen.

Für einige mag es anschließend überraschend sein, im Rahmen der Zugaben ein Bass-Solo von Roger Glover präsentiert zu bekommen. Viele Bands würden sich so etwas vermutlich auch nicht trauen, aber bei Deep Purple gehört höchste Musikalität schließlich seit jeher zum eigenen Qualitätsanspruch. Genau deswegen werden sie seit Jahrzehnten bewundert. Der in Kürze seinen 70. Geburtstag feiernde Stamm-Tieftöner gehört ebenfalls zu den Besten seines Faches. Darum wäre es geradezu verwerflich gewesen, ihm als Einzigen kein Spotlight zu gewähren. Glover überzeugt nämlich auch als Solist.

Mit Spaß bei der Sache

Die Hit-Single zum "In Rock"-Album, "Black Night", beschließt dann in einer um Improvisationen erweiterten Fassung das Konzert in Frankfurt. Frenetisch gehen die Fans bei der markanten Melodie des Stückes mit, reißen die Hände nach oben, und erfreuen sich an einem gelungenen Abend. Als Deep Purple nach über zwei Stunden zu guter Letzt die Bühne verlassen, gehen auch die Zuschauer hochzufrieden aus der Festhalle. Die Hardrockveteranen sind ihrem Ruf als exzellente Live-Band erneut mehr als gerecht geworden. Was sie an diesem Abend demonstriert haben, ist Spielfreude pur.

Es hat vermutlich seinen Grund, warum die aktuelle Besetzung die stabilste ist, die Deep Purple jemals hatten. Man sieht den fünf Musikern regelrecht an, wieviel Spaß sie noch haben. Die Ewiggestrigen, die weiterhin den seligen Zeiten mit Blackmore und Lord nachtrauern, dürfte indes auch diese Show nicht zufriedenstellen. Sie können sich ja gerne an die Dutzende von Livemitschnitten der früheren Besetzungen halten – oder an der angekündigten Rainbow-Reunion erfreuen. Für alle anderen gilt, dass Deep Purple live noch zu überzeugen wissen und durchaus einen Konzertbesuch wert sind.

Setlist

Highway Star / Bloodsucker / Hard Lovin‘ Man / Strange Kind Of Woman / Vincent Price / Steve Morse Gitarrensolo / Uncommon Man / The Well-Dressed Guitar / The Mule (inklusive Ian Paice Schlagzeugsolo) / Lazy / Demon’s Eye / Hell To Pay / Don Airey Keyboardsolo / Perfect Strangers / Space Truckin‘ / Smoke On The Water // Gimme Some Lovin‘ / Hush / Roger Glover Bass-Solo / Black Night

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