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Slayer (live in Frankfurt, 2015) © Leonard Kötters

Es gibt Bands, die nicht totzukriegen sind, egal was auch passiert. Die Thrash Metal-Legenden Slayer gehören dazu. Zusammen mit den ebenso bereits häufig abgeschriebenen Anthrax im Vorprogramm bieten sie in der Jahrhunderthalle in Frankfurt auch in neuer Formation eine überzeugende Show.

Manche mögen es nach den jüngsten Ereignissen für den denkbar unpassendsten Zeitpunkt erachten, ein Slayer-Konzert zu besuchen. Vielleicht ist aber gerade deshalb jetzt der richtige Moment dafür, ein etwaiges mulmiges Gefühl in der Magengegend hin oder her.

Mit ihrer aggressiven Musik und kontroversen lyrischen Themen auf Thrash Metal-Klassikern wie "Hell Awaits", "Reign In Blood" und "Divine Intervention" befassen sich die Kalifornier seit weit über dreißig Jahren mit Religion, Okkultismus, Krieg, Gewalt und den menschlichen Abgründen generell.

In neuer Besetzung

Slayer kennen sich aber mittlerweile auch mit persönlichen Tragödien aus. Vor zwei Jahren verstarb ihr Gründungsmitglied Jeff Henneman nach längerer Krankheit. Etwa zur gleichen Zeit stieg Urdrummer Dave Lombardo unter dubiosen Umständen erneut aus.

Mit dem neuen Gitarristen Gary Holt und Rückkehrer Paul Bostaph am Schlagzeug hat die Gruppe aber dennoch das überzeugende Comeback-Album "Repentless" aufgenommen und macht nun in der neuen Besetzung Zwischenstopp in der altehrwürdigen Frankfurter Jahrhunderthalle. 

Als besondere Unterstützung haben sich Slayer gleich zwei Bands mitgebracht. Den Reigen eröffnen Kvelertak. Die sechs Skandinavier liefern eine nicht uninteressante Mischung aus Rock'n'Roll, Hardcore Punk und Black Metal mit viel Power ab, wollen aber irgendwie an diesem Abend an der Seite von zwei legendären Thrash Metal-Bands nicht so recht ins Konzept passen.

Akute Milzbrandgefahr

Anthrax, die unbedarften Musikfans am ehesten aufgrund der Kontroverse um ihren Namen nach dem 11. September 2001 ein Begriff sein dürften, sind da schon eher nach dem Geschmack des Publikums. Sie beweisen bereits mit ihrem Tape-Intro, "The Mob Rules" von Black Sabbath, in welcher Tradition sie sich selbst sehen, und werden von den Zuschauern mit Sprechchören begeistert aufgenommen.

Im Laufe ihres Sets entwickelt sich vor der Bühne ein regelrechter Moshpit, den Sänger Joey Belladonna fortlaufend anfeuert, wogegen Gitarrist Scott Ian die Leute auf den Sitzplätzen zum Stehen auffordert. Am Ende gibt es noch eine rührende Hommage an die verstorbenen Ronnie James Dio und 'Dimebag' Darrell. Danach verabschiedet Rainbows "Long Live Rock'n'Roll"  vom Band Anthrax von der Bühne.

Vive la France

Während der Umbauphase ist der Vorhang vor der Bühne aus Solidarität zu Frankreich in blau-weiß-rotes Licht gehüllt. Irgendwann erhöht sich die Lautstärke und es ertönt AC/DCs "Thunderstruck" aus den Boxen, woraufhin die erwartungsvollen Fans in den vorderen Reihen im Rhythmus "Slayer"-Sprechchöre anstimmen. Schließlich passiert auch etwas.

Mehrere Kreuze aus Licht drehen sich hinter der Gardine, bis sie auf dem Kopf stehenbleiben, und zunächst erscheint das Logo der Band. Als nach dem Tape-Intro "Delusions Of Savior" der Vorhang fällt, prasselt mit dem Titelstück des aktuellen Albums sogleich ein brachiales Riffgewitter im besten Soundgewand über die Jahrhunderthalle hernieder und fräst sich in die Gehörgänge des Publikums.

"Es werde Licht" – und Klang

Auf der Bühne präsentieren sich die vier Thrash-Veteranen an diesem Abend überraschend farbenfroh. Wer mit einem den Texten angemessenen, durchgehenden schlichten Schwarz-Weiß oder an den alten Werken orientiertem, intensivem Blutrot gerechnet hat, wird enttäuscht. Slayer fahren im Rahmen einer spektakulären Lightshow auf dieser Tournee von Anfang an die komplette Farbpalette auf.

Zusammen mit dem transparenten Sounderlebnis ergibt sich für den Zuschauer somit ein beeindruckendes audiovisuelles Gesamtpaket. In diesem Zusammenhang ist einmal mehr die generell gute Akustik der Jahrhunderthalle zu loben. Paul Bostaphs Double Bass-Attacken, die fiesen Gitarren von Kerry King und Gary Holt sowie Tom Arayas Shouts ertönen glasklar und druckvoll zugleich.

Anweisung für einen Abstieg zur Hölle

Mit den nächsten Liedern erwecken Slayer fast den Eindruck, als hätten sie bereits im Vorfeld gewusst, was im Laufe ihrer Tournee auf der Welt so alles passieren würde. Auf "Postmortem" vom Klassiker "Reign In Blood" folgen alsbald Songs wie "Hate Worldwide", "God Send Death" und "War Ensemble". Die Songauswahl der vier Kalifornier wirkt im aktuellen Kontext geradezu prophetisch.

Schlag auf Schlag geht es im Höllentempo weiter. Wenn jemand einen Soundtrack für die bevorstehende Apokalypse zusammenstellen müsste, wären Slayer mit Sicherheit ein ganz heißer Kandidat. Gegen die Mannen um Gitarrist Kerry King wirkten selbst weitere Genreväter des Thrash wie beispielsweise Metallica zu ihren härtesten Zeiten beinahe wie Waisenknaben.

Duo infernale mit neuer und alter Unterstützung

Die martialische Energie ihrer Songs entsprechend zu transportieren ist aber nur möglich, weil die Band wirklich gut miteinander harmoniert. Bei Tom Araya in der Doppelrolle als Bassist und Sänger und Kerry King ist dies kein Wunder, spielen sie doch als letzte verbliebene Slayer-Gründungsmitglieder seit über drei Jahrzehnten zusammen, aber auch ihre neuen Mitstreiter brauchen sich keinesfalls zu verstecken.

Schlagzeuger Paul Bostaph besitzt gewissermaßen einen Bonus, denn er war bereits während der 1990er Jahre bei den Kaliforniern aktiv und liefert viele Dinge daher wohl aus dem Effeff ab. Bei Gitarrist Gary Holt sieht die Sache etwas anders aus. Er muss als Nachfolger der verstorbenen Legende Jeff Hanneman in enorm große Fußstapfen treten, füllt sie aber erstaunlich überzeugend aus.

Keine Gnade für Band und Publikum 

Weiter geht die wilde Höllenfahrt mit den treffend bezeichneten "Mandatory Suicide" und "Chemical Warfare". Es bleibt auch den Zuschauern praktisch keine Zeit zum Durchatmen, als sich Slayer dann in eine ganze Anreihung an Evergreens wie "Die By The Sword" und "Black Magic" vom allerersten Alben "Show No Mercy" und mehrere Stücke von "Seasons In The Abyss" stürzen.

Zwischenzeitlich gibt es nur einige Male kurze Ansagen von Tom Araya, während sich die restlichen drei Mitglieder kleine, aber nötige Verschnaufpausen gönnen. Wohlweißlich lässt der Frontmann die Attacken in Paris an diesem Abend außen vor und konzentriert sich lieber darauf, zu erwähnen, dass seine Band gerade zum ersten Mal in ihrer langen, illustren Karriere im Frankfurter Stadtgebiet auftritt.

Paradoxe Entlassung aus der Todeskammer

Viel Zeit verschwenden Slayer dennoch nicht mit solchem Geplänkel. Nach gut 90 energiegeladenen Minuten verlassen sie die Bühne mit ihrem womöglich größten Hit, "Angel Of Death" über den NS-Todesarzt Josef Mengele. Zugaben wären bei dem aggressiven Spielstil wahrscheinlich auch nicht mehr möglich gewesen, zumal das ganze Konzert inklusive Vorbands etwa vier Stunden gedauert hat.

Ironischerweise werden die Zuschauer daraufhin mit Louis Armstrongs "What A Wonderful World" aus der Konserve in den Alltag entlassen – und, abgesehen vielleicht von einigen blauen Flecken aus dem Moshpit, heil zurück in die Dunkelheit einer Welt, die sich sicherlich für den einen oder anderen nach dem letzten Tagen etwas bedrohlicher anfühlen dürfte.

Die knallharte Botschaft

Angesichts der weiterhin existierenden globalen Wirtschaftskrisen, der Anschläge in Paris, Beirut, Bagdad, Kenia und der Türkei, des Flugzeugabschusses über der Halbinsel Sinai, der Katastrophe im brasilianischen Minas Gerais, der anhaltenden Flüchtlingsströme sowie der Androhung weiteren Terrors bleibt bei Vielen vermutlich die Frage nach dem wieso und warum.

Slayer haben bereits mit "Disciple", dem vierten Song des heutigen Abends, ihre ganz eigene, sowohl brutale als auch musikalisch überzeugende Antwort darauf parat, die aber weder waschechten Atheisten noch gläubigen Menschen jedweder Couleur allzu sehr zusagen dürfte: "God Hates Us All".

Setlist

Repentless / Postmortem / Hate Worldwide / Disciple / God Send Death / War Ensemble / When The Stillness Comes / Vices / Mandatory Suicide / Chemical Warfare / Die By The Sword / Black Magic / Hallowed Point / Seasons In The Abyss / Hell Awaits / Dead Skin Mask / World Painted Blood / South Of Heaven / Raining Blood / Angel Of Death

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