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Sufjan Stevens (live in Essen, 2015) © Alex Schäfer

Es ist eine Gratwanderung intimste Geschichten von Leben, Tod und der Vergänglichkeit zu besingen und dabei nicht einem melancholischen Kitsch zu verfallen. Dem US-amerikanischen Singer-Songwriter ist dieses Wagestück Anfang des Jahres mit dem Album "Carrie & Lowell" gelungen, auf dem er die Erinnerungen an seine 2012 verstorbene Mutter aufarbeitet. So spielt Stevens auch auf seinem Tour-Stopp in Essen eine imposante und doch nie überladene Show, die das Publikum berührt zurücklässt.

Schon die Auswahl der Spielorte deutete darauf hin, dass sich Sufjan Stevens mit seiner aktuellen Tour von den abstrakten Robotertänzen, den kunstvollen, wenn doch stets leicht größenwahnsinnigen Arrangements früherer Alben und Shows entfernen würde: Die Konzerte dieser Tournee finden ausschließlich in bestuhlten Theatersälen statt.

Elegante Kulisse

Es zeigt sich, dass er auch mit dem Essener Colosseum Theater – ehemals Industriehalle, heute elegantes Musical-Theater – eine imposante Kulisse gefunden hatte, die kaum passender sein könnte für einen Auftritt, bei dem kleine Erinnerungen zu großer Kunst verarbeitet werden.

Während die zierliche Kanadierin Basia Bulat, die Stevens als Unterstützung eingeladen hat, sanfte Folk-Songs und melodische Klänge ihrer Autoharp zum Besten gibt, sind einige der Zuschauer zunächst noch mit der Suche nach ihrem Platz in dem fast restlos gefüllten Theatersaal beschäftigt. Eine gute dreiviertel Stunde dauert es bis auch der letzte zu seinem von roten Samt überzogenen Sitz findet, die junge Dame aus Montreal sich verabschiedet und gespannte Stille im Zuschauerraum einkehrt.

Bewegender Auftakt

Aus dem gespenstigen Halbdunkel heraus erklingt schließlich "Death With Dignity", der Opener von "Carrie & Lowell", zu dem Sufjan Stevens zum ersten Mal seine eindringliche Stimme erhebt.

Vielleicht ist es der Erhabenheit der Kulisse zu danken, dass man die engagierten Smartphone-Fotografen und Amateur-Filmer unter den Konzertgästen heute vergeblich sucht. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass die zutiefst intimen Songs, intensiv und zugleich doch fragil arrangiert, das Publikum gleich zu Beginn nahezu regungslos an die Stühle fesseln.

Intime Erinnerungen, authentischer Schmerz

Begleitet von einem vier Mann beziehungsweise Frau starken und ausnahmslos multi-instrumentalistisch begabten Backingband ertönen die Stücke des aktuellen Albums. Über den Köpfen der Musiker flirren Farbfilm-Aufnahmen einer vergangen Kindheit. Die Bilder sind unvollkommen und fragmentarisch, wie auch Stevens persönlichen Erinnerungen an das Leben und den Tod seiner Mutter, die er auf seiner im März veröffentlichten Platte mit der Öffentlichkeit teilt: Carrie, von Depressionen zerfressen, verließ die Familie Stevens früh, um ihr Leben an anderer Stelle dem Alkohol, der Sucht und Verstreuung zu widmen.

"When I was three, three maybe four – she left us at that video store" säuselt der inzwischen Vierzigjährige und die Offenheit dieses Schmerzes versetzt dem Zuhörer einen Stich. In einem Interview sagte Stevens vor wenigen Monaten, "Carrie & Lowell" sei weniger ein Stück Kunst, als mehr ein Stück seines Lebens. So verstärkt es auch nur die Authentizität seiner Darbietung, wenn sein wispernder Gesang zu "Eugene", ausschließlich von sich selbst an der Akustik-Gitarre begleitet, immer wieder zu brechen und sich in Luft aufzulösen droht.

Soundtechnischer Zugewinn

Insgesamt zehn der elf Songs von „Carrie & Lowell“ spielt Stevens an diesem Abend. Viele von ihnen sind jedoch deutlich opulenter arrangiert, als die Studio-Versionen – Ein Live-Upgrade, das die Stücke in jedem Fall verdienen. Langsam und doch gewaltig türmt sich so auch "Forth of July" mit einer wesentlich prominenteren Percussion und sphärischen Synthie-Effekten auf. Grelle Scheinwerfer schießen ins Publikum, blenden die Augen und lassen sie dann wieder im Dunkeln. "We’re all gonna die" – der hallende Klang dieser Worte durchdringt den Saal, ihr Nachklang das Knochenmark.

"Vesuvius" und "I Want To Be Well" bleiben die einzigen, wenngleich nicht weniger überzeugenden Songs des vertrackten Vorgängeralbums "The Age of Adz", zu denen Stevens dann doch einmal zumindest kurz den Roboter macht. Das reguläre Set schließt mit einer fünfzehnminütigen Version von "Blue Bucket of Gold" und einem instrumentalen Klangmonstrum, bei dem kaum ein Sound mehr zurückzuverfolgen und doch an der rechten Stelle zu sein scheint.

Meister zwischen laut und leise

Nach gut anderthalb Stunden richtet Stevens schließlich sein erstes gesprochenes Wort an das Publikum und befreit es damit aus seiner andächtigen Starre. Wer bislang vergebens auf die folkigeren Nummern vergangener Tage gewartet hat, wird nun mit einer großzügigen Zugabe für seine Geduld belohnt. Mit dem butterzarten "John Wayne Gacy Jr." – gewidmet einem Serienmörder – beweist Stevens, dass er umgekehrt auch die großen Geschichten leise erzählen kann. Das Publikum dankt ihm mit überwältigten Standing Ovations, bevor er schließlich von der Bühne verschwindet.

Zurück bleibt das bittersüße Gefühl, dass es Sufjan Stevens in den vergangenen zwei Stunden tatsächlich gelungen ist, die Unvollkommenheit vollkommen zu machen.

Setlist

Redford (For Yia-Yia & Pappou) / Death With Dignity / Should Have Known Better / Drawn to the Blood / Eugene / John My Beloved / Forth of July / No Shade in the Shadow of the Cross / Carrie & Lowell / The Owl and the Tanager / All of Me Wants All of You / Vesuvius / I Want to Be Well / Blue Bucket of Gold // Concerning the UFO Sighting Near Highland, Illinois / The Dress Looks Nice on You / John Wayne Gacy, Jr. / To Be Alone With You / Chicago

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