Das SWR3 New Pop Festival hebt sich nicht nur durch seine stilvollen Veranstaltungsorte, wie dem wunderschönen Festspielhaus von anderen bekannten Festivals ab. Auch die besonders akkurate Organisation und die Integration in die Innenstadt sticht hervor. Auf den Straßen wird ein roter Teppich ausgelegt, der die jeweiligen Locations miteinander verbindet. Dazu erlauben Leinwände vorbeilaufenden Passanten einfach mal anzuhalten, um die Künstler live auf der Bühne zu verfolgen.

Wie schon im letzten Jahr, als das Festival 20-jähriges Jubiläum feierte, eröffnet auch in diesem Jahr die Radiomoderatorin Anneta Politi das Festival, diesmal mit Unterstützung von niemand geringerem als Udo Lindenberg.

Kwabs: Newcomer mit Durchschlagskraft

Nach ein wenig Smalltalk betritt Kwabs die Bühne. Die Stimmung hätte für den noch recht jungen Künstler, dessen Debütalbum Love + War in Deutschland erst am darauf folgenden Tag erschien, kaum besser sein können. Von der ersten Minute an funktionieren die Lieder auch live sehr gut, nicht zuletzt weil diese eine Dynamik und Qualität besitzen, die man bei einigen Künstlern an diesem Wochenende, allen voran Mikky Ekko und Ella Henderson, überwiegend vermisst.

Und so sehr sich die "New Pop City" in ihrer selbst auferlegten Rolle mittlerweile auch zurechtgefunden hat, sorgt es dann doch ein wenig für Schmunzeln, als KWABS die Menge dazu animiert, die ausgestreckten Arme wie auf einem Hip-Hop-Konzert rhythmisch zum Beat auf und ab zu bewegen. Oder man philosophiert darüber, inwieweit hier der von manchen zur Schau getragene Reichtum, mit der Street-Credibility einher geht.

Klassische Basis des Erfolgs

Doch die Menge stößt sich nicht an solchen Kleinigkeiten und genießt die Darbietung sichtlich. Von der souligen Piano-Ballade "Perfect Ruin" über Disco und R&B-Nummern wie "Wrong Or Right" und "My Own", er hat seine Zuschauer im Griff, und scheint dabei so selbstsicher und gelöst, dass man vergisst, dass hier ein Newcomer auf der Bühne steht.

Das alles kommt nicht von ungefähr, den Kwabena Sarkodee Adjepong – so sein bürgerlicher Name – hat in London an der Royal Academy of Music Jazz studiert und durfte sogar schon einen Auftritt im Buckingham Palace absolvieren. Und auch die beste Tanzdarbietung sollte ihm an diesem Wochenende sicher sein. Lasziv tänzelt er über die Bühne und beherrscht auch das Spiel mit der Kamera perfekt. Als er dann zum Schluss seinen Radiohit "Walk" spielt und sich danach unter euphorischem Beifall von der Bühne macht, steht fest, dass er eines der Highlights an diesem Wochenende abgeliefert hat.

Lebendige Atmosphäre bei James Bay

Doch auch sein Landsmann James Bay weiß an diesem Abend zu gefallen. Wenn auch nicht durch laszive Tanzeinlagen, als vielmehr durch bedacht arrangierte Folk-Balladen oder eingängige Pop-Rock Stücke wie "When We Were On Fire", das versucht sich durch seine verspielten Synthesizer-Passagen von anderen Vertretern dieses Genres abzugrenzen. Auch hier ist die Stimmung sehr entspannt und die Menge lauscht andächtig bei seinen ruhigeren Stücken oder singt kurzerhand, auch ohne Aufforderung, die Refrains von "If You Ever Wanna Be In Love" oder "Let It Be" mit.

Als Zugabe spielt James Bay dann ein Stück der seinerseits sehr verehrten Alicia Keys und stellt bei seiner Interpretation von "If I Ain´t Got You" auch noch seine Gitarrenkünste in einem ausuferndem Solo unter Beweis. Auch James Bay schafft es trotz dezenter Inszenierung mit seinen Liedern eine lebendige Atmosphäre zu schaffen. Was mit lautstarken Gesang und Applaus zu seinem letzten Lied "Hold Back The River" gewürdigt wird.

Im zweiten Teil: ein deutscher Sänger, eine irische Band, ein amerikanisches Internet-Phänomen und Elektro-Pop aus dem UK.

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Joris verzaubert sein Publikum

Dass der Zuspruch der Zuhörer nicht immer mit der Qualität der Lieder zusammenhängt, zeigt Joris am zweiten Tag des New Pop Festivals sehr eindrucksvoll vor der schönen Kulisse des Kurhauses. Als Absolvent der Mannheimer Popakademie versteht es der junge Singer-Songwriter wie kaum ein anderer, seine Musik zu inszenieren und das Publikum in die Show einzubeziehen. Stets erkundigt er sich besorgt ob auch alle Spaß haben und betont immer wieder welche Ehre es sei, hier heute spielen zu dürfen.

Dieser Enthusiasmus stößt auf große Resonanz und lässt über das musikalisch recht eindimensionale Set sowie einige Defizite beim Songwriting hinwegsehen. Dass er sich dabei selbst als sehr nachdenklichen Menschen beschreibt, will irgendwie nicht so ganz zu den teilweise sehr klischeehaften Texten passen. Bestes Beispiel dafür ist die Powerballade "Hollywood", die offensichtlich vom Film "P.S. Ich Liebe Dich" inspiriert ist.

Doch die Zuneigung, die er seinen Zuhörern zuteilwerden lässt, und nicht zuletzt seine Fähigkeiten als Animateur wirken. Die Menge singt und klatscht sich in eine fast schon ekstatische Stimmung. So lässt er es sich schließlich auch nicht nehmen, zum Schluss seinen bekanntesten Song "Herz über Kopf", unplugged und zum nunmehr zweiten Mal zu spielen und mit den Fans gemeinsam zu singen. Für viele Besucher dieses Festivals hat Joris einen der eindrucksvollsten Auftritte bestritten.

Kodaline: auf dem Weg zum Stadion-Act

Mit Kodaline betritt dann am Freitagabend die erste etablierte Band die Bühne des Baden-Badener Theaters. In Deutschland noch recht unbekannt, gelangen häufig mit Coldplay verglichenen Band in Großbritannien und vor allem in ihrem Heimatland Irland schon beachtliche Erfolge. Dieses Selbstbewusstsein spiegelt sich auch gleich bei der Performance ihres ersten Stückes "Ready" wieder, und so gelingt es über den gesamten Auftritt, die Zuhörer an sich zu binden.

Ihre Musik lebt dabei nicht von minimalistischer Inszenierung oder tiefgründigen Texten, als vielmehr von der Theatralik, den großen Gesangsmelodien und der damit verbundenen Dynamik der Stücke. Vor allem bei Liedern wie "Love Will Set You Free" wird deutlich, warum diese Band als nächster großer Stadion-Act gehandelt wird. Das musikalische Talent der vier Jungs ist dabei unüberhörbar, auch wenn die Dauer von einer Stunde schon deutlich macht, dass es noch einige Lückenfüller im Repertoire zu ersetzen gilt. "Our love was made for movie screens" seufzt Sänger und Multiinstrumentalist Steven Garrigan bei ihrem letzten Lied ins Mikrofon, gleiches lässt sich getrost auch über ihre Musik sagen.

Kelvin Jones sammelt Erfahrung

Wie bei vielen anderen Musikern dieser Tage begann Kelvin Jones Karriere im Internet. Ein Freund stellte sein Lied "Call You Home Anfang" 2014 online, das prompt auf große Resonanz stieß. Im Rahmen der offiziellen Konzertreihe ist er damit auf jeden Fall der unerfahrenste Künstler auf diesem Festival. Dies macht sich vor allem darin bemerkbar, dass einige Stücke seiner Darbietung eher wie Skizzen anmuten denn als fertige und ausgereifte Lieder. Vor allem bei diesen scheint er, von der sehr larmoyanten Darstellung seines Kollegen Mikky Ekko inspiriert.

Doch muss man dem jungen Songwriter zugestehen, dass dies erst das vierte Konzert in seinem Leben ist, und hinter den übrigen Acts dieser Veranstaltung eine sehr viel größere Maschinerie an Produzenten, Plattenfirmen, Songwritern und PR-Managern steckt. So kann man dem sehr sympathischen Frischling auch das exzessive Ausdehnen seines Hits und den obligatorischen Publikumschor nicht wirklich verübeln.

Years&Years sorgen für einen entspannten Abschluss

Als letzte Gruppe der Veranstaltung trat am Samstag Abend die Elektropop Band Years & Years vor ein erwartungsgemäß ausgelassenes Publikum. Und schon der erste Song ist ein Fingerzeig auf eine der Schwächen dieser Band. Untermalt von einer kleinen Synthesizer-Sequenz versucht Sänger und Paradiesvogel Olly Alexander dem Stück, vor allem durch seine Gesangskünste Ausdruck zu verleihen. Ob dessen Stimme einer solchen Akzentuierung bedarf und inwieweit es den Liedern der Band zuträglich ist, mag an dieser Stelle jeder für sich selbst entscheiden.

Doch die psychedelische und entspannte Stimmung die dem Sound dieser Band und der Performance des Sängers zu eigen sind, überträgt sich auch hier. In einigen Liedern scheint die Band allerdings einen Weg gefunden zu haben ihre Stärken zu nutzen. Bei "Memo", "Shine" und ihrem letzten Lied "King" wirkt der Gesang, eingeflochten in die atmosphärischen Elektrobeats, eher wie ein Instrument und versucht sich nicht zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Leider sind diese eher die Ausnahme beim letzten Konzert des Festivals.

Wie auch in den letzten Jahren bleibt abzuwarten für welche der Künstler sich eine Karriere jenseits des Hypes entwickeln wird. Einige waren sehr vielversprechend, andere werden vermutlich genauso schnell wieder in der Versenkung verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Wer weiß, worauf er sich einlässt, und gerne Popmusik in einem stilvollen Rahmen erleben möchte, für den lohnt ein Besuch beim New Pop Festival dennoch immer.

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