MS Dockville Festival 2015

MS Dockville Festival 2015 © Jan Paersch

Leichte Soundprobleme konnten einen stimmigen Gesamteindruck nicht trüben: Das Dockville Festival war auch im neunten Jahr eine hervorragende Adresse für jungen Indie, Alternative, Electro und HipHop.

Wer fünf Jahre lang nicht auf einem Festival war, hat viel Neues zu entdecken. Das MS Dockville Festival hat seine Besucherzahl zwischen 2010 und 2015 auf über 20.000 verdoppelt und die Bundesgartenschau 2013 hat sich dem Gelände auf dem südlichen Ende der Insel Wilhelmsburg angenommen. Seither gibt es mehr befestigte Wege und Sitzgelegenheiten, aber keinen zusätzlichen Platz für den Besucherzuwachs.

Einiges ist unverändert geblieben: die Hälfte der Besucher ist noch immer jünger als 21, die Ticketpreise sind nur moderat gestiegen, und übelriechender Schlamm vor der Hauptbühne ist auch zwei Tage nach den letzten Regenfällen noch allgegenwärtig.

Auf und ab mit der Großschot

15:40 Uhr ist eine Unzeit für den Auftritt des Pianisten Volker Bertelmann. Bei 28 Grad und gleißendem Sonnenlicht kann seine komplexe, fordernde Musik, die er unter dem Alias Hauschka mit dem Perkussionisten Samuli Kosminen kreiert, kaum ihre Wirkung entfalten. Die beiden gehen auf der größten, ganz hanseatisch "Großschot" genannten Festivalbühne beinahe unter.

Deshalb schnell um die schicke Container-Schallschutzwand gebogen, um am "Maschinenraum" dem interessantesten neuen Pop-Export aus der Schweiz beizuwohnen.

Klaus Johann Grobe zünden hier ihre, wie es ein Magazin einmal treffend schrieb, "krautig-jazzige Spacerockdisco-Rakete". Das Trio aus Zürich, das bei aller Intellektualität ("Ist das nicht etwa unser Zeitgeist, der Kunst verwechselt mit nem Lifestyle?" heißt es schlau in "Les Grecks") den Dancefloor nie außer Acht lässt, erinnert mit dem lässigen Orgelsound und den kryptischen deutschen Texten an Die Sterne. Ihr Album "Im Sinne der Zeit" hat die drei völlig zu Recht auch in den USA bekannt gemacht und lädt auch live auf dem noch sprießenden grünen Rasen zum Tanzen ein.

Die Essenz der Festivalkultur

Das neunte Dockville ist ein reines Spaßfestival, kein politisches wie das antikommerzielle Fusion Festival und kein hippiehaft familienfreundliches wie das nur 40 Kilometer entfernte A Summer's Tale. Für die in den 90er Jahren Geborenen gibt es jede Menge Deutschrap, vom sozialkritischen HipHop eines Prinz Pi bis hin zum Spaß-Rap von Die Orsons. Die Heimschläfer, die in die 45 Minuten Radtour entfernten zentralen Hamburger Stadtteile pendeln, heben den Altersschnitt. Für sie gibt es Feinfühligeres wie Tom Odell und José Gonzalez, auf Interpol und Caribou können sich dann alle einigen. 140 internationale Bands und DJs, vornehmlich aus Indie, Alternative und Electro treten auf den sechs Bühnen direkt am Reiherstieg-Kanal auf.

All We Are kommen aus Irland, Brasilien und Norwegen, trafen sich aber pophistorisch wertvoll in Liverpool. Sie sind nur zu dritt, verfügen aber über einen erstaunlich vielschichtigen Sound zwischen verträumtem Pop, New Wave und souligem Disco.

Guro Giklings helle Vocals erinnern an Romy Madley Croft von The XX, ihr Gesang zusammen mit Drummer  Rich O’ Flynn ist famos. Das Trio tritt am frühen Samstagabend bei herrlichstem Wetter auf, und während sich die Sonne senkt, spielt die Band ihren heimlichen Hit "Keep Me Alive" vom kürzlich erschienenen Debütalbum. Ein echter Gänsehautmoment.

Kriegssirenen und Stakkato-Gitarren

Mehrstimmig singen können auch Django Django, die zur Prime Time um 21 Uhr auftreten. Die Band, die sich an der Kunsthochschule in Edinburgh kennenlernte, vereinte auf ihrem grandiosen, selbstbetitelten Debütalbum 2012 einen bisher ungekannten Mix aus NewWave-Sounds, Surf-Gitarren, elektronischen Beats und Krautrock. Ihr aktuelles Werk, "Born Under Saturn", ist bedauerlicherweise nicht mehr als ein lauer Aufguss des ersten, doch live sind Django Django gewachsen.

Wenn in "Wor" die Kriegssirenen heulen und dann eine Stakkato-Gitarre in schönster Dick-Dale-Manier einsetzt, tobt die Meute. Die Publikums-Animations-Nummer mit dem gemeinsamen Hinknien und gleichzeitigem Hochhüpfen beim Einsetzen des Beats mag ein uralter Trick sein, doch beim Dockville funktioniert er, das demonstrieren auch FM Belfast am Tag zuvor.

Soundprobleme

Leider ist der Klang auf mehreren Bühnen oft unterdurchschnittlich. Der Sound der Post-Punker von Interpol mag schon auf Platte eine gewisse Flächigkeit aufweisen, doch live ist der Klang fast breiig. Am Sonntagabend leidet die Performance mehrerer Bands am Maschinenraum unter einem deutlich übersteuerten Mix.

Beim Auftritt von Caribou Samstagnacht gibt es jedoch keinen Grund zur Beschwerde. Der Kanadier Dan Snaith macht hochintelligente elektronische Tanzmusik, gleichermaßen in House, Shoegaze und psychedelischem Pop verwurzelt. Sein Auftritt im Quartett beeindruckt in jeder Hinsicht; vor der gewitterartigen Lightshow hätte man sich auch eine Epilepsie-Warnung vorstellen können.

Trash mit Substanz

Der Mann mit den blonden Zöpfen, der direkt im Anschluss am Maschinenraum auftritt, heißt Roman Geike. Seine Musik sei ein Mix aus "Rap, Heavy Metal, Schlager und Rock" schreibt die Presse, dabei macht Romano schlicht Sprechgesang mit Electro-Beats, die gar nicht so dumpf sind, wie sie zunächst erscheinen. Der Berliner kann weder rappen noch singen, was kein bisschen stört, weil über Bühnenpräsenz und Charisma verfügt. In Bomberjacke und Feinripp-Unterhemd besingt bzw. betextet er sehr amüsant Geschlechtsverkehr im Zug ("Sextrain"), schräge Berliner Begrüßungsrituale ("Klaps auf den Po") und kramt für "Metalkutte" eine ranzige alte Jeansweste mit aufgenähten Bandpatches heraus. Das Publikum kann die Texte bereits auswendig, obwohl Romanos Album "Jenseits von Köpenick" noch nicht einmal erschienen ist.

Wenn er dann auch noch zum Sturm auf die Institutionen aufruft ("Brenn die Bank ab"), ist das eher Reflex als Ideal, antikapitalistische Ambitionen a la Frittenbude hat er nicht. Lieber lädt der Mann das Publikum in seinen Heimatstadtteil ein, den er vollkommen ironiefrei in "Köpenick" besingt. Grundsympathisch und trashig, aber nicht ohne Substanz.

Ohrwurm statt Melancholie

Am Sonntagabend wird das Festival  von José Gonzalez beschlossen. Der schwedischer Gitarrist und Sänger ist nach zwei Platten mit seiner Band Junip wieder solo unterwegs. So solo jedenfalls, wie man mit vierköpfiger Band sein kann, die seinen feinen Folk mit Handclaps, Percussion und sanften elektronischen Tupfern anreichert.

Gonzalez' virtuoses Fingerpicking ist so zurückhaltend, dass das Können dahinter fast verschwindet, zumal auf der massiven Großschot-Bühne. Herausragend sind die Coverversionen: Arthur Russells "This Is How We Walk On The Moon" verpasst Gonzalez einen schleichenden Deep-House-Beat und Massive Attacks "Teardrop" ist mit Band noch beeindruckender als die Solo-Variante, die er 2007 für sein zweites Soloalbum aufnahm. Als Zugabe gibt es "Heartbeats" von The Knife – ein melancholischer Abschied von einem gelungenen Festival.

Doch was kommt einem da in den Sinn, als man an Containern vorbeiradelt und Wilhelmsburg hinter sich lässt? "Komm mit mir nach Köpenick, es ist nur'n kleiner Schritt, bis zum großen Glück." Romanos Talent für Ohrwürmer zerstört jegliche Hafenmelancholie. Guter Mann.

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