Sound of the Forest (2015)

Sound of the Forest (2015) © Christian Panama

Der Hirsch röhrt wieder: bei traumhaftem Wetter in idyllischer, intimer Atmosphäre präsentierte das siebte Sound Of The Forest Festival am Marbachstausee am Samstag mit Clueso ohne Frage den idealen Headliner. Doch auch das restliche Line-up hatte einige Geheimtipps zu bieten.

Warum nicht mal am Wochenende einen kleinen Waldspaziergang unternehmen? Einfach abschalten vom Alltag, die Natur genießen und den ruhigen, entspannenden Klängen des Waldes lauschen. In Beerfelden im schönen Odenwald ist das sicherlich möglich.

Wald, Wiesen, Wespen

Doch einmal im Jahr haben Grillen, Vögel und sonstiges Getier Pause – bis auf die unerträglich nervigen Wespen vielleicht. Das Indie-Festival Sound Of The Forest liegt direkt am Maarbachstausee und lädt zum Planschen, Entspannen und vor allem ordentlich Abfeiern ein – und das lassen sich die 4.500 Besucher nicht zweimal sagen.

Dafür sorgt ein breitgefächertes Programm aus ein paar größeren Namen wie dem Samstagsheadliner Clueso und vielen, vielen unbekannteren Acts. Entdeckerfreunde kommen beim Sound Of The Forest voll auf ihre Kosten.

Bands am laufenden Band

Während die Sonne draußen unbarmherzig auf Köpfe und Nacken knallt und die Waldbühne für den nächsten Künstler vorbereitet wird, brettern die Österreicher von Mother's Cake den vereinzelten Besuchern im Unterholz-Zirkuszelt Prog-Rock um die Ohren.

Das Programm zwischen den beiden Hauptlocations wechselt fließend hin und her. Mit dem letzten harten Gitarrenriff aus dem Zirkuszelt steht auch schon Jesper Munk auf der Bühne, um mit ziemlich gemächlichem Bluesrock und ohne Shirt die Herzen der anwesenden Mädels zu erobern. Wie viel man für eine solche Reibeisenstimme in dem Alter trinken und rauchen muss, bleibt aber sein kleines Geheimnis.

One man, one show

Im Unterholz wartet auch schon einer der Geheimtipps des gesamten Tages: Lemur – und hier ist nicht die Rede von den schwarz-weiß gestreiften Affen mit den Kulleraugen. Schließlich sind wir nicht im Zirkus, auch wenn es den Anschein hat.

Hinter Lemur steckt die eine Hälfte des Ex-Rapduos Herr von Grau, Benny (ohne Nachnamen). "Hallo liebe Hirsche. Mein Name ist Lemur und ihr seid das Festival". Mit Samples, viel Wasser, live geloopten Beats und noch mehr Wasser zieht der Wortakrobat eine Oldschool HipHop-Show der Extraklasse ab. Das flowt, das hat Witz und ist auch in Doubletime beeindruckend tight. Dabei nimmt sich der Wolfsburger Wortakrobat keine Sekunde Ernst. "Macht mal "jo". Macht man im HipHop so". Und alle so: Jo! Da soll mal einer sagen, dass Rap nicht poetisch sein kann.

Intergalaktisch

Unterdessen gibt es auf der Waldbühne ganz viel intergalaktische Liebe aus Belgien. Mit lockerleichtem Indie-Pop und einer quirligen Frontfrau entzücken die Intergalactic Lovers die vor der Hauptbühne stetig anwachsende Festivalmeute. Sängerin Lara Chedraoui ist jedenfalls begeistert von der Location mitten im Wald und dem Baden im See und spricht eine deutliche Nachahmempfehlung aus. Das können wir unterschreiben.

Angina, der ungebetene Gast

Nicht weniger zauberhaft ist der Auftritt von Alice Merton. Schon letztes Jahr musste die Singer-Songwriterin ihren Auftritt auf dem Sound Of The Forest wegen Krankheit absagen. Auch diesmal schlägt sie sich hustend mit viel Tee wacker durch ihr Set. Der mitreissenden Show tut dies allerdings keinen merklichen Abbruch.

Unterstützt wird sie dabei von ihrer großartigen Band und liefert tanzbaren, eingängigen Piano-Pop im Stile von Künstlern wie Florence and the Machine, A Fine Frenzy oder Sara Bareilles. Alice Merton & Band sollte man im Auge behalten. Definitiv ein Highlight am Samstag.

Raine Zeitverschwendung

Was wir von dem Quatsch-Quartett Rainer von Vielen leider nicht behaupten können. Natürlich ist das Geschmacksache und bei den Polka-Rhythmen steigt die Stimmung sichtlich genauso schnell wie der Alkoholpegel, dennoch sind Rainer von Vielen weder musikalisch noch lyrisch eine Offenbarung. Da kann der "große Bla" auch nicht mehr helfen. Wenigstens wissen wir jetzt, dass man Gitarren auch slappen kann. Und irgendwann muss es auch Zeit zum Bierholen oder Burgerfuttern geben.

Chicago im Odenwald: Clueso

Zu später Stunde ist dann endlich soweit. Mit dem festivalerprobten Erfurter Clueso als Headliner für den Samstag haben die Macher einen der bekanntesten Künstler in der Geschichte des Sound Of The Forest gewinnen können. Die Argumente waren dabei ganz klar: Wald, Idylle und der See. Denn auch Clueso war scheinbar schon baden und findet es "sau cool hier". Es ist schön zu sehen, dass auch größere Namen kleinere Festivals immer wieder unterstützen.

Das Publikum dankt es ihm mit lautem Mitsingen und Mitklatschen bei Songs wie "Zu schnell vorbei", "Keinen Zentimeter", "Freidrehen" und natürlich dem Hit schlechthin "Chicago". "Cello" wurde übrigens nicht gespielt. Clueso selbst beweist einmal mehr seine Vielseitigkeit und dass er mit seiner 6-köpfigen Band zu jeder Art Event passt.

Dabei nutzt der Erfurter die intimere Atmosphäre, um auch ruhigere Stücke wie "Auf Kredit" zu spielen, die oft den Weg in die Setliste nicht finden. Aber auch das HipHop-Medley aus den guten alten "Text und Ton"-Zeiten darf nicht fehlen. Trotz Zugabe ist Cluesos Show leider viel "zu schnell vorbei". Aber da gibt es noch eine Bühne zu inspizieren.

Gute-Laune-HipHop: Tonomat 3000

Passend zum Hauptact beginnen die Mannheimer Jungs von Tonomat 3000 ihr Set direkt im Anschluss auf der Seebühne. Nach und nach kehren immer mehr Besucher zum Zeltplatz zurück und so wird das Publikum für Tonomat 3000 immer größer.

Dem groovig-funkigen Gute-Laune-HipHop mit den cleveren Texten und den dezenten Rockelementen können sich die Wenigsten entziehen. Für Frontmann Julian ist es das erste Festival überhaupt. "Ihr müsstet mal mein Zelt sehen...". Nach den üblichen 50min Spielzeit und einer vehement geforderten, aber eigentlich nicht mehr erlaubten Zugabe gehen auch auf dieser Bühne die Lichter aus.

Herz und Seele

Das Sound Of The Forest ist mit seiner Lage mitten im Wald und direkt am Stausee ein Unikat in der Festivallandschaft. Die malerische Kulisse überträgt sich auch auf die Gemüter der Besucher, so friedfertig geht es hier zu. Das Heer ehrenamtlicher Helfer sorgt dafür, dass es an nichts fehlt, auch wenn die Organisation bei so vielen Festivalverrückten, die alle irgendwo parken müssen und versorgt werden wollen, nicht immer einfach ist.

Herz und Seele sind bei diesem Festival am richtigen Fleck und jederzeit zu spüren. Wir sind uns sicher, dass das auch so bleiben wird und freuen uns schon auf den nächsten Waldspaziergang.

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