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Villagers (live beim Heimspiel Knyphausen, 2015) © Frank Meißner

Die Highlights beim Heimspiel Knyphausen 2015 auf dem Draiser Hof in Eltville sind schnell benannt. Die Hamburger Band Kante und die irischen Villagers stehlen mit ihren Auftritten den anderen Acts die Schau. Insgesamt gibt sich das Heimspiel überraschend politisch und bietet weit mehr als entspanntes Zuhören.

Sturmtief Zeljko hätte fast den Samstag des Heimspiels Knyphausen 2015 weggeblasen. Aber im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen, setzen die Veranstalter darauf, dass der Sturm gegen Abend nachlässt.

Verzögerter Beginn mit dem Gastgeber

Sie hatten Glück: Der Wind schlief ein und mit einer Stunde Verspätung kann es auf dem festlich geschmückten Draiser Hof in Eltville losgehen. Windig und kühl bleibt es natürlich, die mediterrane Urlaubs-Stimmung des vergangenen Jahres stellt sich nicht ein.

Der Samstag beginnt mit dem Soloauftritt des Gastgebers Gisbert zu Knyphausen, der einen gewohnt verlässlichen Gig bietet. Man spürt auch, dass viele Zuschauer seinetwegen gekommen sind. Kein Wunder, hat er doch auf dem elterlichen Hof ein Heimspiel.

Tanzbar und bassbetont

Anschließend folgt die österreichische Sängerin Eva Jantschitsch aka Gustav. Ihr Auftritt leidet vor allem zu Beginn unter einem alles übertönenden Bass, der die für ihre Musik zentralen Texte vollkommen überlagert. Immerhin lassen sich die knalligen Beats zum Tanzen nutzen.

Erst mit "Verlass die Stadt" wird der Sound besser. Gerade dieses Lied wirkt mit seiner Zeile "Ein neuer Wundbrand in Athen / S'ist an der Zeit endlich zu gehn" geradezu prophetisch. Auch sonst hält Gustav ihre politischen Überzeugungen nicht zurück, als sie beispielsweise ein Lied der von ihr neu arrangierten Proletenpassion spielt, einem Klassiker linker Musik der 1970er Jahre. Eindeutige Höhepunkte sind aber ihre letzten beiden Lieder und besonders die wilde Version von "Soldat_in oder Veteran".

Tauglich für Theater und Konzerte

Danach stehen Kante auf der Bühne, die sich mit einer Reihe exzellenter Alben zwischen 1997 und 2007 eine starke Anhängerschaft erspielt hatten, aber in den letzten Jahren vornehmlich Musik für Theaterproduktionen von Regisseurin Friederike Heller geschrieben haben. Dennoch präsentieren sie sich in fantastischer Liveform, der Bandsound ist differenziert, ausgewogen und mitreißend.

Im ersten Teil des Konzerts spielen Kante fast nur Stücke aus besagten Theaterproduktionen. Auch außerhalb des eigentlichen Kontextes funktioniert das erstaunlich gut: Stücke wie das pechschwarze "In der Zuckerfabrik", eine Anklage gegen die heuchlerische Humanität der Europäer oder die Vertonung von Goethes "Morgensonne" entfalten auch live eine beeindruckende Wirkung.

Moshpits gibt es nicht nur beim Metal

Wie Gustav tragen Kante ihre politischen Überzeugungen auf der Zunge. Im eindrucksvollen "Das Erdbeben von Lissabon" thematisieren sie die Ausbeutung und Herzlosigkeit des "Nordens" im Angesicht des Unglücks im Süden Europas ("Die Maden, die euch jetzt verschlingen, werden zu bunten Schmetterlingen / Ihr sterbt fürs Wohl des großen Ganzen / Im Großen stimmen die Bilanzen").

Die Dämme brechen aber vollkommen im zweiten Teil des Konzerts, das lange liebgewonnene Kante-Klassiker wie "Die Tiere sind unruhig" oder "Ich hab's gesehen" bietet. Das Publikum vor der Bühne hat längst begonnen eine Moshpit zu bilden, wie man sie sonst von Metal-Konzerten kennt. Die Stimmung ist auch euphorisch, als Kante dann mit "Warmer Abend" eines ihrer wenigen Liebeslieder spielen. Zum Abschluss gibt es mit dem hintersinnigen "Donaudelta" noch einmal Peter Handke.

Starke Frauen nicht ohne Schwächen

Der Sonntag bringt wärmere Temperaturen, aber auch drei Stunden Regen, der beim Auftritt von Cold Specks einsetzt. Sie überzeugt mit viel Engagement und Bühnenpräsenz, wenngleich ihre Lieder manchmal ein wenig blass bleiben.

Anschließend sorgt die libanesische Sängerin Yasmine Hamdam für die orientalische Note beim diesjährigen Heimspiel. Ihr Sound ist modern, ihre Lieder leben aber aus einer Traditionslinie, die sich demjenigen, der nicht damit vertraut ist, nicht ohne intensives Studium erschließt. Für die Eingeweihten mag der Auftritt begeisternd gewesen sein, bei anderen hinterlässt er wenig Eindruck.

Traurig, aber ergreifender Folk

Zum Abschluss gibt es dann etwas, das sich jedem eröffnet: irischen Folk von den Villagers. Sie spielen jede Menge traurige, aber ergreifende Songs in ganz minimalistischen Arrangements. Obwohl sie als Trio auftreten, bildet Songwriter, Gitarrist und Leadsänger Conor O'Brien den eindeutigen Mittelpunkt des Geschehens.

Die Villagers spielen eine Auswahl von Songs aller drei Alben, darunter "Pieces" und "To Be Counted Among Men" vom Debütalbum "Becoming A Jackal". Letzteres benutzt O'Brien zur Aussage, dass er sich nach dem irischen Referendum zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe zum ersten Mal als Mensch akzeptiert geführt habe. Ein schöner Tag fraglos, nicht nur für Irland.

Dazu gibt es "The Lighthouse" vom Nachfolger "Awayland" und eine besonders schöne Version von "Hot Scary Summer" von ihrem aktuellen Album "Darlin Arithmetic". Wenngleich die Musik der Villagers sehr ruhig ist, verfällt sie doch aufgrund des einprägsamen Songwritings nie in Monotonie. So endet ein überraschend politisches und künstlerisch überzeugendes Heimspiel Knyphausen 2015.

Alle Bildergalerien des Heimspiel Knyphausens gibt es hier.

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