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Jessie J live in Offenbach © Saron Duchardt

Der Auftritt von Jessie J in Offenbach ruft beim geübten Konzertgänger weniger den von den Fans herausgebrüllten Enthusiasmus hervor, sondern eher Enttäuschung und Ärger. Worüber man sich ärgern konnte, bleibt jedem selbst überlassen.

Schon beim Intro wird klar, worauf das Konzert hinausläuft. Die Fans schreien und brüllen. Sie sind so fanatisch mit ihrer eigenen Singerei beschäftigt, dass sie überhaupt nicht merken, was ihnen von der Bühne entgegenkommt. Sicher, Jessie J springt wild umher in ihrem Offenbach-Shirt. Aber das täuscht nicht über den Sound hinweg, der schlicht katastrophal ist.

Deaster beim Opening

Die ersten Songs "Ain't Been Done" und "Domino" sind nur durch kurze Fetzen im Refrain überhaupt zu erkennen. Das Capitol wird durchflutet von einem Soundteppich, der keine Instrumente klar erkennen lässt. Das Mikrofon der Backgroundsängerin ist lauter als das Leadmikro von Jessie J und der Bass hämmert über alles drüber. Das wird auch bei "Seal Me With A Kiss" kaum besser.

Es ist auch nicht abhängig davon, wo die Zuschauer im Capitol stehen. Weder auf der Galerie noch im Innenraum erklingt ein Sound, der wirklich Grund zur Freude macht.

Erträgliche Balladen

Mit der Reduzierung des grauenhaften Backgroundsounds wird das Konzert erträglicher. Nun lässt Jessie J erahnen, welche stimmlichen Fähigkeiten tatsächlich in ihr stecken. Sie überzeugt erst mit "Nobody's Perfect" und dann noch mehr bei "I Have Nothing", dem Coversong von Whitney Houston. Aber auch hier klingt die begleitende Akustikgitarre seltsam verzerrt und sobald der Sound auch nur etwas hochgedreht wird, verpufft jeder positive Effekt.

Dabei ist Jessie J keineswegs im Abspulmodus. Sie gibt alles auf der Bühne und wirft sogar den Helfern vor der Bühne eine Wasserflasche für ein junges Mädchen zu, deren Kreislauf wohl schlapp gemacht hat. Sie kommuniziert viel und heizt die Halle an, obwohl auch "Burnin' Up" viel zu blechern klingt und "Do IT Like A Dude" vom Bass totgehämmert wird. Damit endet der Hauptblock und ab hier bleibt die Frage, über was sich der Konzertbesucher mehr ärgern kann.

Ein anderes Konzert

Mit der Pause vor der Zugabe ändert sich plötzlich das komplette Soundbild. Es ist, als ob man nun ein völlig anderes Konzert zu hören bekommt. Der Sound, der vorher über 80 Minuten komplett undurchdringlich war, kommt nun wesentlich reiner und detaillierter im Innenraum an. Die Mikros sind klar, Jessie J singt und man hört sie tatsächlich auch so, wie es von Beginn an sein sollte. Nach "Price Tag" wird sie kreativ und singt einem Fan ein improvisiertes Lied mit zahlreichen, kleinen Gags wie einer Anspielung auf Facebook. Hier beweist sie echte Showqualitäten.

Dann stimmt sie "Masterpiece" an und endlich ist die Jessie J zu hören, die man sich zuvor schon gewünscht hätte. Mit voller Power in der Stimme packt sie alle Zuschauer und steigert sich zum Abschluss noch einmal mit ihrem Smashhit "Bang Bang".

Der große Ärger

Die letzten 15 Minuten waren top, können aber nicht über den Rest des Konzerts hinweg täuschen. Gerade weil sich der Sound plötzlich so krass verändert hat, muss die Frage erlaubt sein, was die Tontechniker vor dem Konzert gemacht haben. Kleine Nachjustierungen in den ersten zwei bis drei Songs sind normal, aber dass sich der gesamte Sound vor der Zugabe komplett ändert, ist außergewöhnlich.

Die Präsentation ist eines Popstars wie Jessie J jedenfalls nicht würdig. Es bleibt die Frage, über was man sich mehr ärgern soll: über die grauenhaften 80 Minuten zu Beginn oder über die letzten 15 Minuten, die gezeigt haben, was möglich gewesen wäre. Das kann sich jeder selbst aussuchen.

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