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Sólstafir (live in Weinheim, 2015) © Johannes Rehorst

Das Café Central in Weinheim erweist sich fast als zu klein für die epische Musik der isländischen Band Sólstafir. So viel Enge ermöglicht, den Musikern ganz nahe zu kommen, birgt aber auch Gefahren.

Geysire, Vulkane, die bei Flugtouristen für Unmut sorgen und Schafe. So beschreibt Aðalbjörn Tryggvason die Vorzüge seine Heimat Island und meint: "Don’t come there, there’s nothing to see." Auch ein lauthals aus dem Publikum gebrülltes "Sigur Rós" lässt der Sólstafir-Frontmann nicht gelten und meint nur trocken: "Ihr habt hier sicher hundert Bands, die genauso klingen."

Insel der Faszinationen

Eine Hymne auf den schwarzen Sand ihrer Heimat haben die Isländer dennoch geschrieben, und auch sonst merkt man beim Konzert in Weinheim, dass die Jungs ihre Heimat lieben. Kein Wunder, denn die fünf fangen auf nahezu perfekte Art die endlose Weite, die faszinierende Kargheit und die Naturgewalten ein, die den rauen Charme Islands ausmachen.

So einzigartig wie das Land ist der Sound der Band: Ein Gebräu aus psychedelischer Lebendigkeit und melancholischer Monotonie, traurig, episch und erhaben zugleich, Wüstenrock ohne Wüste, gespielt von Jungs im Cowboy-Look, die von Black Metal und Viking-Rock ebenso beeinflusst sind, wie von den Doors und Hendrix.

Club zu klein?

Spätestens mit dem schon als "Hit-Single" zu bezeichnenden Fjara vom 2011er-Album "Svartir Sandar" ("Schwarzer Sand") haben Sólstafir den Sprung vom kleinen Underground-Act in die europäische Metal-Oberliga geschafft – mit allen Vor- und Nachteilen. Das macht sich inzwischen auch bei den Konzerten bemerkbar.

Nach den ausverkauften Konzerten in Stuttgart und Frankfurt im vergangenen Herbst in weitaus größeren Venues stellte sich schon vorab die Frage, ob ein Club wie das Weinheimer Café Central nicht inzwischen schlichtweg zu klein ist für das Interesse an der Band – ausverkauft war die Show schon seit Wochen. Doch diejenigen, die rechtzeitig Karten ergattern konnten, hatten Glück: Sólstafir in einem kleinen Club zu erleben, ist wirklich eine Erfahrung, auch wenn die hinteren Reihen aufgrund der Raumaufteilung wohl eher in den akustischen denn den optischen Genuss der Band kamen.

Küsschen hier, Hitzschlag da

Dafür waren die vorderen Ränge hautnah mit dabei – gingen sogar mehr als nur auf Tuchfühlung, denn Aðalbjörn hielt es nicht auf der Bühne und darüber durften sich in erster Linie die Damen freuen. Ein Handkuss hier, eine Umarmung da, da sag noch einer, Isländer seien ungehobelte Nordmänner.

Die Hitze des überfüllten Clubs ließ ab spätestens der Hälfte des Konzerts wohlige Saunastimmung aufkommen, zur Zugabe präsentierte sich Gitarrist Sæþór Maríus "Gringo" Sæþórsson oben ohne und auch bei Basser Svavar Austman, wie immer mit Hut und geflochtenen Zöpfchen, lief der Schweiß in Strömen. Einige seltsame Zwischenrufe aus dem Publikum sowie die eine oder andere seltsam enthemmt wirkende Dame dürften ebenfalls das Resultat der Hitze gewesen sein, aber daran störte sich zumindest auf der Bühne niemand wirklich.

Neues Gesicht

Kenner der Band erkannten, das ein neues Gesicht lugte ab und an hinter den Drums hervorlugte. Warum nun anstelle von Guðmundur Óli "Gummi" Pálmason Karl Petur Smith die Felle bearbeitet, darüber wurde bereits im Vorfeld der Tour viel spekuliert. Sänger Tryggvason hielt sich diesbezüglich nach der Show jedenfalls sehr bedeckt: "That’s some bad shit goin‘ on." Sei’s drum. Seinen Job machte Smith jedenfalls an diesem Abend mehr als gut.

Was die Songauswahl betrifft, konzentrierte sich diese auf die beiden zurückliegenden Alben "Ótta" und "Svartir Sandar", auch wenn mit dem Titeltrack von "Köld" der Abend mit einem älteren Stück eröffnet wurde. Obwohl der überwiegende Anteil des Publikums des Isländischen mit Sicherheit nicht mächtig ist: Ausdruck und Emotion im Gesang von Aðalbjörn Tryggvason machen diesen Umstand sehr schnell zur nichtigen Nebensache: Verzweiflung, Wut, Trauer, Melancholie und Schmerz.

Für alle Zeiten Samstagabend

Dazu präsentiert sich die Band musikalisch als perfekt funktionierende Einheit, die mit einer Leichtigkeit die zwischen komplex und ausufernd changierenden Parts raushaut, als ob es kein Morgen gäbe. Eine kleine Synthspur hier und da oder auch der nicht anders als mit dem Totschlagattribut "episch" zu bezeichnende Schlusschor von "Svartir Sandar" kommen aus der Konserve, aber sonst regiert hier runde anderthalb Stunden der "pure fuckin‘ Rock’n’Roll", live und ungefiltert.

"Today it is Sunday. But behind this line" meint Tryggvason im Laufe des Konzerts, und zeigt dabei auf die Bühnenkante, "it is always Saturday night." Da wünscht man sich doch, dass das Wochenende ewig geht.

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