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© Nationaltheater Mannheim

Wenn nach eineinhalb Stunden "Hurenkinder Schusterjungen" von Marianna Salzmann der Schlussapplaus ertönt, sieht die Bühne im Werkstatthaus des Nationaltheaters Mannheim aus wie ein Schlachtfeld. Zerfetztes Papier, Schutzanzüge, eine umgekippte Mülltonne, eine fleckige Matratze, Küchenkrepp und orangene Brei-Flecken zeigen: Hier muss ein Krieg gewütet haben. Jedoch: wogegen?

"Woher bist du?", fragt Tschech. "Ich will mich da nicht festlegen", erwidert Buchs. "Gibt es darauf überhaupt eine richtige Antwort?", hakt Ali nach. Drei Menschen, die nicht wissen woher sie kommen und wohin ihre Reise gehen soll. Sie sind einsame Seelen, die der Zufall zusammengebracht hat und nun leben sie gemeinsam in einer Art Wohngemeinschaft.

Sie sind die "Hurenkinder Schusterjungen" in dem Stück von Marianna Salzmann, das den Untertitel trägt: "(Mein Kopf ist ein offener Koffer aus dem Gott Vater Staat herausfällt aber nicht zerbricht weil er so zäh ist wie Gummi)". Uraufgeführt wurde der Einakter am Mannheimer Nationaltheater in der Regie von Tarik Goetzke Anfang des Jahres.

Von Waisenkindern und Witwen

"Hurenkinder" und "Schusterjungen" sind Begriffe aus dem Schriftsatz, dem Layout von Texten. Es sind jene Zeilen, die als Überhang als einzige auf der nächsten Seite stehen oder allein am Ende der Seite zurück bleiben.

So einer ist der verschüchterte Buchs (Martin Aselmann) Er steht erst nachmittags um vier auf, weil sein Vater, der einst beim Militär war, ihn früher stets morgens um fünf geweckt hatte. Später ziviler Ungehorsam sozusagen. Fotograf wollte er werden und nun verbringt er seine Tage im Keller, wo er sich eine Dunkelkammer eingerichtet hat.

Die Hoffnung wohnt hier nicht

Tschech (Thorsten Danner) ist arbeitslos. Ihm gehört das Haus, in dem die Drei wohnen. Er trägt ein schmutziges Unterhemd und eine Pyjamahose, manchmal auch nur eine lila Unterhose. Seine braunen Haare hängen ihm verfilzt ins Gesicht. Auch er wurde von seinem Vater als Kind gedemütigt. "Mit so einem kleinen Schwanz kannst du nicht glücklich werden. Keiner wird dich lieben!", lautete die bösartige Prophezeiung.

Die beiden schauen sehnsüchtig den Zügen nach, die am Haus vorbei fahren ("Trainspotting" lässt grüßen) und vermuten Ali (Anne-Marie Lux) darin, in die sie irgendwie verliebt sind. Ali hat immerhin "mal ein wenig studiert", hätte gerne "was mit Quantenphysik" gemacht. Nun arbeitet sie als Zugbegleiterin. Sie zittert und die beiden Jungs wissen nicht, ob das eine Folge des Zugfahrens und ihres Drogenkonsums ist.

Das Kunstblut spritzt

Die Hoffnungslosigkeit dieser verlorenen Seelen und die Gewalt, die sie sich gegenseitig antun, wäre schwer zu ertragen, wenn es in illusionistischer Weise vorgetragen würde. Doch Regisseur Tarik Goetzke legt die Schauspiel-Mechanismen offen – im Sinne eines epischen Theaters nach Brecht.

Der Penis, den Tschech oft aus seiner Unterhose hängen lässt, ist ganz offensichtlich aus Stoff und wird auch als Attrappe vorgeführt. Damit penetriert er Ali in die hintere Hosentasche ihrer Jeans. Im Kampf spritzen sich Buchs und Tschech Kunstblut aus Tuben ins Gesicht. So hebt Goetzke die Szenen auf eine übergeordnete, abstraktere und somit auch erträglichere Ebene.

Mit aller Gewalt

Während sich Ali, Buchs und Tschech im Haus verkrochen haben (als wandelbare Baustelle von Wen Kan gestaltet und von Ronny Bergmann in ein hartes, kaltes Licht getaucht), tobt draußen der Protest. Gegen was dieser gerichtet ist, erfährt man nicht. Der Staat geht gewalttätig gegen die Demonstranten vor: knüppelt sie nieder, setzt Tränengaswerfer ein. Es gibt Tote. Ex-Mitbewohnerin Lili hat es erwischt. Und man ahnt: Wie auch immer das hier ausgeht, es kann nicht gut enden.

Marianna Salzmann (geboren 1985 in Wolgograd) malt mit ihrem Stück "Hurenkinder Schusterjungen" ein düsteres Bild von drei Menschen, die in einer gesellschaftlichen Ausnahmesituation leben. Sie versuchen, aus ihrer Einsamkeit auszubrechen und bleiben doch in ihren Ängsten und verkorksten Leben stecken. Martin Aselmann, Thorsten Danner und Anne-Marie Lux hauchen diesen Figuren ein facettenreiches Leben ein. Sie zeigen die drei als Opfer wie als Täter. Ihr Spiel wirkt intim und führt die Zuschauer ganz nah heran und erlaubt ihnen einen Blick in den Abgrund.

Hurenkinder Schusterjungen – weitere Vorstellungen

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